Bindas, Kenneth J.: Modernity and the Great Depression. The Transformation of American Society, 1930–1941, 286 S., Kansas UP, Lawrence, KS 2017.
Im Jahr 1976 konstatierte der neokonservative Soziologe Daniel Bell in seinem Standardwerk „The Contradictions of Capitalism“ ebenso trocken wie konsterniert, die Moderne befände sich nunmehr im Zustand der Erschöpfung. Tatsächlich konnten aufmerksame Zeitdiagnostiker nicht umhin, festzustellen, wie rasch sich bestimmte Mentalitäten, ideelle Schwerpunktsetzungen und selbst Alltagsverhalten in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Epochenjahr 1968 wandelten. Die technokratisch dominierte Fortschrittseuphorie der vorangegangenen Dekaden mit ihrem Glauben an rationale Planbarkeit und Machbarkeit wich einer romantisch anmutenden Verherrlichung ‚ganzheitlicher‘ Herangehensweisen etwa in der Ökologiebewegung. An die Stelle des keynesianischen Interventionsstaates trat der neoliberale Glaube an die Kräfte freien Unternehmertums, an die Stelle von Zukunftsvisionen traten Nostalgiewellen und ein neuer Historismus; kurz: Die Moderne wurde von der Postmoderne abgelöst.
Kenneth J. Bindas interessiert sich allerdings weniger für diesen Wandel, sondern vielmehr für die Prozesse, die nach seiner Ansicht vorrangig im Verlauf des New Deal Franklin Delano Roosevelts zwischen 1933 und 1941 überhaupt dazu geführt hatten, dass die Moderne in ihrer scheinbar spezifisch amerikanischen Variante sich in den USA durchzusetzen vermochte. Damit liefert er keine weitere Darstellung des New Deal als solchen, wie sie etwa jüngst Kiran Klaus Patel in seiner breit und international beziehungsweise transnational angelegten Studie geliefert hat, sondern vielmehr eine Ideengeschichte von Modernismus und Modernität im intellektuellen Vor- und Umfeld des New Deal, gewissermaßen die geistige Begründung für die Durchsetzungskraft und Dauerhaftigkeit der von Gary Gerstle und Steven Fraser analysierten „New Deal Order“. Diese hatte, so Gerstle und Fraser, auf der Grundlage der breiten soziopolitischen New Deal-Koalition aus Arbeitern, Minderheiten, Intellektuellen und konservativen Südstaatendemokraten mindestens zwischen den 1930er und 1980er Jahren die amerikanische Gesellschaft und Politik vermittels der Demokratischen Partei beherrscht. Bindas wiederum will ergründen, wodurch diese Koalition angetrieben und zusammengehalten wurde. Letztlich erklärt er dies mithilfe der zeitgemäßen Ideen von Ordnung, Planung und Vernunft, die sich in der gesellschaftlichen Realität der Großen Depression, des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges auf sämtlichen Ebenen politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Handelns sichtbar bewährt hätten. Dabei scheut er sich nicht, den Apologeten der Moderne, darunter dem pragmatistischen Philosophen John Dewey oder dem Technokraten Lewis Mumford, eine tiefgreifende religiöse Inbrunst zu unterstellen. Obwohl bis ins Mark vom Geist des Säkularismus geprägt, hätten sie die Ideale rationaler Planung, fortschrittlicher Bildung und eines anthropozentrischen Humanismus bis in ihre Wortwahl hinein in der Tradition des evangelikalen Erweckungschristentums propagiert. Sie alle waren fest davon überzeugt, die Moderne verbinde auf irreversible Weise den amerikanischen Exzeptionalismus mit dem American Way of Life und könne zugleich weltweit als überzeugendes funktionales Modell für den Aufbau moderner hochindustrieller Gesellschaften dienen. Gleichzeitig erhoben sie den Anspruch, mit ihrer szientistisch-rationalen Weltanschauung die spirituelle Deutungshoheit der organisierten Religion endgültig abzulösen. Dabei kam den Modernisten zum einen der Säkularisierungsschub der 1930er Jahre entgegen. Ausgerechnet in Zeiten der Krise wandten sich viele Amerikaner von den etablierten Kirchen und Denominationen ab und erwarteten ihr nunmehr säkulares Heil von staatlichen Eingriffen und regierungsamtlicher Sozialpolitik. Nicht mehr die Caritas, sondern das social engineering sollte künftig gesellschaftliche Probleme lösen. Gleichwohl kommt Bindas nicht die Frage in den Sinn, welche möglicherweise besonderen US-amerikanischen Faktoren zu dieser religiösen Krise inmitten der Wirtschaftskrise führten. Was sagt eine solche Wende über die soziokulturellen Konstitutiva amerikanischer Religiosität aus? Sollte es sich um eine Form der „Schönwetterspiritualität“ handeln? Zum anderen profitierten die Vorkämpfer der modernistischen Moderne von der nachdrücklichen Sympathie einer Mehrheit von Geistlichen für die Reformen des New Deal. Opposition war von dieser Seite daher nicht zu erwarten.
Nachdem Bindas auf diese Weise die ontologische Triade von Ordnung, Planung und Rationalität eingeführt hat, untersucht er in den folgenden Kapiteln ihre praktische Anwendung. So verweist er auf die sozialdisziplinatorischen Ansätze innerhalb des Civilian Conservation Corps (CCC), das unter anderem dazu diente, marginalisierten Jugendlichen neben Inklusion und Solidarität ganz aktiv Hygiene und sexuelle Disziplin nahezulegen, was nicht ganz funktionierte, wenn man an die rund 20 Prozent seiner Angehörigen denkt, die sich im Verlauf ihre Dienstes Geschlechtskrankheiten zuzogen. Im Anschluss dekliniert er seine These anhand des modernistischen Potenzials von Weltausstellungen und im weiten Feld des Haushaltsdesigns durch, ehe er abschließend auf den Zusammenhang von Moderne und Musik eingeht. Dieses Kapitel, das sich neben den technischen Aspekten (Radio, Film, Schallplatte, Jukebox) insbesondere mit dem Jazz beschäftigt, ragt gemeinsam mit dem ideengeschichtlichen Einführungskapitel aus diesem gleichermaßen konzisen wie anregenden Band deutlich hervor.
Bei allem Lob aber sollten kritische Nachfragen nicht unterbleiben: Bindas unterlässt eine internationale Einbettung des New Deal, sei es auf transfer- und beziehungsgeschichtlicher Ebene, sei es vergleichend. Vieles von dem, was er als amerikaspezifisch einordnet, findet sich in west- und mitteleuropäischen Staaten ebenso wie in Lateinamerika. Eine konsequent transnationale Ausrichtung hätte ihn zugleich gegenüber dem Fortschrittspotenzial der Ideologie des Fortschritts skeptischer werden lassen müssen. So vermeidet er eine Diskussion über die Ursachen des Verfalls der klassischen Moderne. Auch fragt er sich nicht, wie es um den Zusammenhang von modernistischer Technokratie und individueller Freiheit, etwa angesichts des höchst ambivalenten Verhältnisses der Sozialingenieure und Eugeniker zu Demokratie und humaner Selbstbestimmtheit, bestellt gewesen sein mag. Der Primat der technischen Vernunft ist nicht notwendig mit den Prinzipien von Freiheit und personaler Würde identisch. Schließlich, auf der ganz banalen Ebene der praktischen Durchsetzung, stellt sich im Zeitalter sexualisierter Missbrauchsskandale in Religionsgemeinschaften, im Sport und im Schulwesen die Frage, wie es sich mit Gewalt und sexuellem Missbrauch im CCC verhielt. Kann man heute noch eine Art hymnischer Fortschrittsgeschichte solcher totaler Institutionen schreiben, ohne zumindest auf das potenzielle Problem hinzuweisen?
Ungeachtet dieser kritischen Anmerkungen überwiegt der positive Gesamteindruck. Bindas bietet eine höchst gekonnte, informative und intellektuell stimulierende Ideengeschichte der Moderne im Kontext des New Deal und arbeitet sich damit an einem zentralen, ja formativen Kapitel US-amerikanischer Zeitgeschichte ab, das durchaus seine Lichtseiten hatte. Schon deswegen haben uns seine Hinweise auf die spezifische Rationalität der Epoche weiterhin etwas zu sagen.