Beigel, Thorsten/Eckert, Georg (Hrsg.): Populismus. Varianten von Volksherrschaft in Geschichte und Gegenwart, 337 S., Aschendorff, Münster 2017.
„Populismus“ – dieser Begriff ist allgegenwärtig in der politischen und öffentlichen Debatte. Seit dem Einzug der Alternative für Deutschland (AfD) in den Bundestag gehört auch Deutschland zu den Ländern, in denen als „populistisch“ etikettierte Parteien und Bewegungen im nationalen Parlament vertreten sind. Zuvor war dies bereits in vielen Nachbarländern der Bundesrepublik, man denke zum Beispiel an Österreich, die Niederlande oder Frankreich, der Fall.
Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass insbesondere seit der Jahrtausendwende zahlreiche (politik-)wissenschaftliche Publikationen erschienen sind, in denen sich die Autoren mit dem Thema „Populismus“ auseinandersetzen. Der Sammelband „Populismus. Varianten von Volksherrschaft in Geschichte und Gegenwart“ trägt einen wichtigen Teil dazu bei, eine Forschungslücke zu schließen, die trotz all dieser Veröffentlichungen weiterhin besteht. In der Regel kommt bei der Auseinandersetzung mit aktuell relevanten populistischen Akteuren wie Heinz-Christian Strache (FPÖ), Geert Wilders (PVV) oder Marine Le Pen (Front National) die historische Perspektive zu kurz. Dies ist sehr bedauerlich, da der Populismus kein neues Phänomen ist und auf eine lange Geschichte auf mehreren Kontinenten – Europa, Nordamerika, Südamerika – zurückblicken kann.
Letzteres ist fraglos eine der zentralen Botschaften des Sammelbandes: Populismus sei laut den Herausgebern des Bandes, Thorsten Beigel und Georg Eckert, nämlich „kein exklusives Merkmal der Moderne“, stelle in unserer Gegenwart jedoch eine „besondere Herausforderung“ dar, weil „[i]n einer immer komplexeren Welt […] die Versuchung zu immer einfachereren Antworten vielleicht näher [liegt] als jemals zuvor“ (S. 34). Nach einer ebenso umfangreichen wie informativen Einleitung der oben genannten Herausgeber, in welcher der Begriff „Populismus“ unter anderem umfassend definiert wird, zeigen die Autoren der einzelnen Texte auf, weshalb es beispielsweise lohnenswert ist, sich mit dem athenischen Politiker Kleon, dem Philosophen Niccolò Machiavelli oder dem preußischen König Friedrich II. zu befassen, um ein tieferes Verständnis für die gegenwärtige Gestalt des Populismus zu erlangen. Abgerundet wird der Sammelband von zwei äußerst lesenswerten Beiträgen, in denen das Thema „Populismus und Demokratie“ im Mittelpunkt steht. Jan-Werner Müller legt unter anderem dar, dass Populismus nicht als Korrektiv für eine repräsentative Demokratie, in welcher eine Kluft zwischen Elite und Volk bestünde, fungieren könne, weil „Populisten […] keinen ergebnisoffenen politischen Diskussionsprozess unter den Bürgern [wollen], sondern […] die richtige – weil vom Volksbegriff her moralisch und symbolisch korrekte – Antwort immer schon vorher“ kennen (S. 260). Peter Graf Kielmansegg betont, dass sich der Populismus „einer Strategie der politischen Mobilisierung [bediene], die den Argumente wägenden Verstand ausschaltet, indem sie die Konsonanz des Vor-Urteils zwischen dem Volk und seinen Repräsentanten beschwört“ (S. 277). Nicht zuletzt diese beiden Texte, in denen grundsätzliche Fragen zur Sprache kommen, ermöglichen es dem Leser, sich fundiert mit der Rolle des Populismus in der Gegenwart zu befassen und die aktuelle öffentliche Debatte kritisch zu verfolgen.
Im Ganzen gesehen ist es positiv hervorzuheben, dass die Autoren der einzelnen Beiträge stets ausführlich und verständlich darlegen, was sie unter Populismus verstehen und inwiefern die von ihnen behandelten Politiker, Parteien und Bewegungen einen populistischen Charakter aufweisen. So wird der Begriff in diesem Werk nicht zu einem Containerbegriff, der den Leser in die Irre führt. Generell zeichnet sich der Sammelband durch einen durchweg schlüssigen Aufbau und eine gute Lesbarkeit aus, die es einem breiten Publikum ermöglicht, sich intensiv mit den angesprochenen Themen auseinanderzusetzen. Die Publikation schärft insgesamt betrachtet den Blick für aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Sie bietet zudem viele Anregungen für künftige Forschungsarbeiten, die sich dem Phänomen Populismus aus historischer Perspektive nähern möchten, da viele der vorgestellten Themen noch vertieft werden können.