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Einzelrezension

Pop transnational


Keywords: Review, Hüser, Dietmar, 2017, Popkultur, Transnational, 1960er

How to Cite:

Fuhg, F., (2019) “Pop transnational”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0013-6

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-17

Hüser, Dietmar (Hrsg.): Populärkultur Transnational. Lesen, Hören, Sehen, Erleben im Europa der langen 1960er Jahre, 356 S., transcript, Bielefeld 2017.

In dem Sammelband „Populärkultur transnational“ begibt sich Dietmar Hüser zusammen mit Forscher_innen auf die Suche nach dem Kulturaustausch, dem Kulturtransfer und der Hybridisierung in der Welt der Populärkultur und begreift die konstituierten sowie sicht- und erfahrbar werdenden Verflechtungszusammenhänge jener Welt des Populären als epochenprägende Merkmale der 1960er Jahre. Verstanden als Sattelzeit, stehen die 1960er Jahre für ein Zusammenwachsen westlicher Populärkultur im Zuge eines intensivierten Kulturaustauschs, der sich in den darauffolgenden Jahrzehnten noch einmal intensivierte. Die sixties müssen somit als Wegbereiter, ja als Epoche angesehen werden, in der die ersten Grundlagen und Versuche einer durchweg transnationalen Populärkultur vollzogen wurden.

Das Zusammenwachsen einst nationaler Kulturen in „alten“ Medien (Radio, Kinos und Printmedien) aber vor allem auch in den „neuen“ Medien der Nachkriegszeit wie dem Fernsehen spiegelten nicht nur Europäisierungs‑, Westernisierungs- und Amerikanisierungstendenzen wieder, sondern waren durch den von ihnen betriebenen Kulturtransfer aktiv am Zusammenwachsen von und am Kulturaustausch zwischen Gesellschaften beteiligt. In ihren Einzelbeträgen wollen die Autoren die Lücke von fehlenden empirischen Fallstudien zu popkulturellen Transnationalisierungstendenzen in den 1960er Jahren schließen und stellen sich mit ihrer Epochenbeschreibung der jüngsten revisionistischen Tendenzen in der Forschung zu den 1960er Jahren entgegen. Die Autor_innen des Sammelbandes betonen: Es gibt es auch heute noch gute Gründe von den 1960er Jahren in Westeuropa als Wendezeit zu sprechen – vor allem begründet mit den Tendenzen einer Westernisierung und Europäisierung, die nicht nur durch politische Entwicklungen in der Nachkriegszeit, sondern auch maßgeblich von einer Transnationalisierung von Populärkultur in Europa getragen wurde. Die Einzelbeiträge gliedern sich entlang der Sinneswahrnehmung von Populärkultur und widmen sich klassischer populärkultureller Artefakte, vor allem ihrer transnationalen Zirkulation sowie nationalspezifischer Per- und Rezeption. Der Fokus auf Artefakte verortet die Beiträge in die Tradition der deutschen Popkulturforschung. Weniger interessiert an der Erforschung von grasroots Bewegungen, avantgardistischen und subkulturellen Ausprägungen, die in vielen Ländern zu Stichpunktgebern in den Feldern von Musik, Mode oder Lifestyle und somit von Populärkultur wurden, erschließen die Autor_innen Populärkultur vor allem über deren massenmediale und gesellschaftliche Darstellung.

Marcel Kabaum zeigt in seinem Beitrag auf, dass Schülerzeitungen trotz ihres institutionellen Charakters eine Adaption von Populärkultur nicht ablehnten, sondern an der kulturellen Öffnung Westdeutschlands sowie an der Vermittlung und Konstituierung einer ambivalenten Haltung gegenüber amerikanischer Populärkultur beteiligt waren. Der Idee einer Krise der amerikanischen Populärkultur folgend, untersucht Egbert Klautke den Einfluss britischer Pop- und Rockmusik auf die USA in den 1960er Jahren und versteht die sixties als eine ruhmreiche Periode britischer Popkultur. Klautke rekonstruiert treffenderweise den Export britischer Popmusik in die USA, fragt aber nicht danach was britische Popmusik fernab ihres Entstehungsortes zu etwas genuin Britischen machte. Die 1960er Jahre waren geprägt von der gegenseitigen Beeinflussung amerikanischer und britischer Bands und Musikstile. Eine Verengung auf den Export britischer übersieht, dass die 1960er Jahre vor allem durch einen Kampf um die Vorherrschaft innerhalb der global community of pop gekennzeichnet waren.

Neben dem In- und Export von Musik untersucht der Sammelband aber auch den Austausch zwischen Fernsehprogrammen und von Fernsehformaten wie Shows und Serien in Europa. In seinem empirischen Beitrag zum Fernsehprogrammhandel am Beispiel der Europäischen Rundfunkunion (EBU) vertritt Christian Henrich-Franke die Idee des Sammelbandes, die 1960er Jahre als Epochenschwelle zu verstehen, in der Europäisierungstendenzen vor allem innerhalb eines indirekten Transfers von Ideen und Konzepten erkennbar wurden und sich folglich auch Geschmäcker und Vorlieben transnationalisierten (vgl. S. 193). Aline Maldener widmet sich in ihrem Beitrag zur medialen Repräsentation einer jugendlichen Konsumkultur in Jugendzeitschriften der Herausbildung einer europäischen Werteordnung durch einen sich vollziehenden interkulturellen Transfer zwischen Deutschland, Großbritannien und den USA. Die Herausbildung der Werteordnung, so Maldener, hing mit der Entstehung einer „spezifische[n] populäre[n] Jugendkultur westeuropäischer Prägung“ (S. 210) zusammen, in der Mode‑, Musik- und Lifestyle-Elemente zirkulierten. Auch wenn deren Per- und Rezeption auf nationaler Ebene unterschiedliche Muster und Formen aufwies, entwickelte sich eine Jugendkultur westeuropäischer Prägung, die der Dominanz amerikanischer Populärkultur entgegenwirkte.

Insgesamt betten die Einzelbeiträge des Sammelbandes ihre empirischen Untersuchungen in die großen Transformationsnarrative der beiden Nachkriegsdekaden ein: Westernisierung, Demokratisierung (Kaspar Maase, Hüser), der Intensivierung des Kulturimports und Exports (Kabaum, Klautke, Katharina Böhmer, Katja Marmetschke, Alexander Simmeth) sowie der Entstehung der Medien- und Konsumgesellschaft (Maldener, Hartmut Nonnenmacher, Henrich-Franke).

Rückgriffe auf große Erzählungen bürgen jedoch Gefahren. Dies wird unter anderem sichtbar an der Reproduktion der nicht unumstrittenen british invasion und all-british These, womit der Idee einer Amerikanisierung Europas in den beiden Nachkriegsjahrzehnten die Idee einer durch den kontinentalen Erfolg britischer Populärkultur voranschreitenden Europäisierung entgegengehalten wird. Die Perspektive des Kulturaustauschs birgt zudem die Gefahr, Kultur unter dem Deckmantel der Nation zu homogenisieren und dadurch der Idee einer kulturellen Einheit zu folgen. Gesellschaften in den 1960er Jahren waren kulturell divergent und fragmentiert, veränderten kulturelle Vorlieben und Geschmäcker in einer bis dato noch nie dagewesenen Geschwindigkeit, sodass nur schwer von ‚den‘ sixties gesprochen werden kann. Ein genauerer Blick in die popkulturellen Entwicklungen dieser Zeit zeigt, wie unterschiedlich Trends und Entwicklungslinien in der Popkultur der frühen, den mittleren, den späten 1960er Jahren waren. Der Sammelband folgt hier den Problemen der zeithistorischen Geschichtsschreibung im Allgemeinen, Europas Geschichte und deren Entwicklung vor allem in Form von Dekaden einzuteilen, zu untersuchen und zu strukturieren. Doch was genau sind die Parameter für die Epochendefinition der „langen 1960er Jahre“, die dem Sammelband zugrunde liegt? Dominic Sandbrook wies zu Recht daraufhin, dass – sollte man die Erneuerung von Popmusik in den 1960er Jahren ernst nehmen – diese erst 1963/64 eintrat und die Dekade bis dato noch weitestgehend von Stars dominiert wurde, die bereits in den der 1950er Jahren die Charts anführten.

In Sachen Popkulturforschung gilt es voneinander zu lernen. Ohne Frage würde es der britischen Forschung neue Impulse verleihen, sich aus der Verengung auf subkulturelle Fragestellungen zu lösen. Zugleich würde es der deutschen historischen Popkulturforschung guttun, den britischen und amerikanischen Kolleg_innen zumindest darin zu folgen, die Ausdifferenzierung von Populärkultur, ihre räumlich teils sehr unterschiedliche Ausprägung sowie ihre widersprüchlichen Tendenzen und Bewegungen ernster zu nehmen. Eine Orientierung an mikrohistorische Methodik und den Perspektiven der Alltagsgeschichte sowie deren Herangehens- und Verfahrensweise könnte fruchtbar sein und einer Verengung auf populärkulturelle Artefakte Abhilfe verschaffen. An vielen Stellen bieten die Einzelstudien des Sammelbandes hierfür bereits erste Anknüpfungspunkte.