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Einzelrezension

Der portugiesische Spätkolonialismus


Abstract

Der portugiesische Spätkolonialismus

Keywords: Review, Abele, Christian, 2017, Portugal, Kolonialismus, Kolonialfrage

How to Cite:

Weißmann, T., (2019) “Der portugiesische Spätkolonialismus”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0012-7

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-01-18

Abele, Christiane: Kein kleines Land. Die Kolonialfrage in Portugal 1961–1974, 316 S., Wallstein, Göttingen 2017.

Mit „Kein kleines Land. Die Kolonialfrage in Portugal 1961–1974“ legt Christiane Abele die erste deutschsprachige Untersuchung zum portugiesischen Spätkolonialismus vor, die die Diktatur und den Kolonialismus als „doppeltes Legitimitätsproblem“ (S. 30) begreift. Die Studie, die sich unter anderem auf Quellen der Geheimpolizei PIDE/DGS und des Überseeministeriums stützt, arbeitet die „Kontinuität imperialer Denkmuster“ (S. 10) heraus und konzentriert sich auf den Umgang sozialer Eliten mit der neuartigen Herausforderung der Kolonialkriege, wobei die Metropole als Epizentrum im Mittelpunkt steht. Dies heißt aber nicht, dass die Kolonialisierten nur als „hilflose Opfer“ (ebd.) betrachtet werden oder sich dieses Werk in die „Salazar- und“-Literatur einreihen würde, die eine gewisse Allmacht des Diktators suggerieren oder lokale Kolonialverwaltungen nur als verlängerte Arme einer einheitlichen Lissaboner Kolonialpolitik begreifen (S. 23 f.).

Das vorangestellte Kapitel zum Aufbau des autoritären und kolonialen Regimes befasst sich mit der Überhöhung kolonialer Mystik und dem angeblichen Zivilisierungsauftrag des portugiesischen Kolonialismus. Die nationalistische Aufladung, die das Kolonialreich zur raison d’être des portugiesischen Estado Novo werden ließ, blieb laut Autorin vor allem ein Elitenprojekt, dem eine Vielzahl der Portugiesen gleichgültig gegenüberstand. Dass die PIDE ab 1954 in Angola wirkte, wertet sie als Eingeständnis, dass man sich bereits zu diesem Zeitpunkt auf einen Kriegsausbruch vorbereitete. Interessant hierbei ist, dass in Lissabon auch die Gefahr eines Putsches der europäischen Siedler als reale Bedrohung angesehen wurde, da diese sich angesichts des Kolonialkrieges im Gegensatz zur zunehmenden Apathie im Mutterland immer mehr politisierten und das Verhältnis zu Lissabon von einem gegenseitigen Misstrauen geprägt war.

Die vier Hauptkapitel der Arbeit gliedern sich chronologisch und setzen mit dem Beginn der Unruhen in Angola an. In dieser ersten Phase von 1961–1964 wurde erfolglos mit Dezentralisierungsprojekten unter Überseeminister Adriano Moreira experimentiert. International verteidigte Portugal weiterhin seine Kolonialpolitik mit dem Mythos von angeblicher Rassenharmonie und sah sich als Opfer einer kommunistischen Verschwörung. Dass sich auch die spärlich vorhandene Opposition mit Ausnahme der Kommunistischen Partei zur kolonialen Bestimmung Portugals bekannte, wertet Abele dahin gehend, dass der Kriegsausbruch für das Regime erst einmal positive Effekte hatte. Innenpolitisch ließen sich die Reihen schließen und auch Regimekritiker, wie beispielsweise Henrique Galvão vor der UN-Vollversammlung im Dezember 1963, brachten Verständnis für die Haltung auf, das Kolonialreich mit allen Mitteln zu verteidigen.

In den Jahren 1964–1968 wurde es allerdings immer deutlicher, wie die Kolonialkriege Portugal zunehmend überforderten. Trotz der Kontinuität auf dem Überseeministerposten mit Silva Cunha (1965–1973), den die Autorin als einen mittelmäßigen und ideenlosen Politiker (vgl. S. 142 f.) charakterisiert, wuchs die Unzufriedenheit der Siedler. Auch die angestoßenen „Hearts and Minds“-Projekte fruchteten nicht. Die Militärausgaben und die Desertionsraten schnellten in die Höhe, während auf wirtschaftlicher Ebene der europäische Markt längst wichtiger als der afrikanische geworden war. Die Opposition verhielt sich noch ruhig, trennte das Kolonialproblem inhaltlich unter der Formel „Erst demokratisieren, dann dekolonialisieren“ von der Regimefrage ab und wartete auf den Tod des alternden Diktators Salazar.

Als Marcello Caetano 1968 Salazars Nachfolger wurde, waren die Erwartungen im In- und Ausland groß. Caetanos Maxime „Fortschritt in der Kontinuität“ spiegelte sich auch in der Kolonialpolitik wider, in der nun das Ziel einer „progressiven Autonomie“ der Kolonien propagiert wurde (S. 206). Die Kolonialkriege gingen jedoch unvermindert weiter und mit einer unzureichenden Verfassungsrevision enttäuschte Caetano 1971 Siedler, denen das Projekt nicht weit genug ging, und Hardliner, die diese Verfassungsänderung als Aufgabe des Imperiums interpretierten, gleichermaßen. Auch die eingeleiteten Modernisierungsprogramme und international angelegten Werbekampagnen waren nicht erfolgrecich, während die Opposition die Kolonialfrage immer mehr als Chance zur Profilierung begriff. International blieben wichtige Chancen ungenutzt, wie etwa eine ausbleibende Antwort auf das Lusaka-Manifest der afrikanischen Staaten 1969 oder das Ablehnen von Léopold Sédar Senghors Vermittlungsangebot bezüglich Guinea-Bissau.

Dass Caetano, dessen Politik wie Abele richtig anmerkt nur schwer zu bewerten ist, letztendlich an der Unvereinbarkeit einer gleichzeitigen afrikanischen und europäischen Bestimmung Portugals scheiterte, ist folgerichtig und Gegenstand des letzten Hauptkapitels der Studie. Die Ölkrise 1973 traf auf ein kraftloses Regime, das seinem Ende entgegentaumelte. Nach der Nelkenrevolution vom 25. April 1974, dem Militärputsch unzufriedener und vom Kolonialkrieg desillusionierter Offiziere, implodierte die Diktatur und die Entkolonialisierung fand 1975 fast unbemerkt vom revolutionär durchgeschüttelten Mutterland statt, während gleichzeitig über 500.000 Siedler, die sogenannten retornados nach Portugal „zurückkehren“ mussten.

Insgesamt legt Christiane Abele eine überzeugende Studie vor, die den lusotropikalischen Mythos des portugiesischen Kolonialismus immer wieder als zynisch und offen rassistisch entlarvt und das Festhalten am Kolonialreich als durchaus innovative, wenn auch letztendlich gnadenlos scheitende Palliativpolitik der portugiesischen Diktatur charakterisiert. Kritisch zu sehen ist allenfalls das Kapitel über die Periode von 1964–1968. Trotz des ansprechenden Zwischenfazits trägt dieses den irreführenden Titel „Die Kolonien als Trumpf“, da dieses Kapitel die stetig wachsenden Probleme thematisiert und hier auch der chronologische Aufbau durch zeitliche Vorgriffe ins Wanken gerät. Des Weiteren verwundert es ein wenig, dass die Autorin die Faschismusdiskussion in Portugal für beendet erklärt, zumal an anderer Stelle zu Recht darauf hingewiesen wird, dass die Geschichtsschreibung in Portugal immer noch stark politisiert und viele Fragen portugiesischer Zeitgeschichte von einer konsensualen Deutung weit entfernt sind. Wie Abele treffend konstatiert, gibt es in Portugal noch viel aufzuarbeiten (vgl. S. 278). Dazu kann ihre Studie beitragen, vor allem falls durch eine Übersetzung die Sprachbarriere für portugiesische oder afrikanische Historiker abgeschwächt werden könnte. Bis dahin wird diese Studie aber in der universitären Lehre im deutschen Sprachraum gute Dienste leisten und darf in keiner Veranstaltung über portugiesische Zeitgeschichte oder vergleichende europäische Kolonialgeschichte fehlen.