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Einzelrezension

Technikgeschichte interdisziplinär


Abstract

Technikgeschichte interdisziplinär

Keywords: Review, Van der Vleuten, Erik, Oldenziel, Ruth, Davids, Mila, 2017, Technikgeschichte, Sozialgeschichte

How to Cite:

Schuetz, T., (2019) “Technikgeschichte interdisziplinär”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0011-8

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-07-01

Van der Vleuten, Erik/Oldenziel, Ruth/Davids, Mila: Engineering the Future, Understanding the Past. A Social History of Technology, 212 S., Amsterdam UP, Amsterdam 2017.

„Engineering the Future, Understanding the Past. A Social History of Technology“ ist eine Einführung in die Technik- und Unternehmensgeschichte, die nach Aussage des Autorinnenteams um Erik van der Vleuten an der Technischen Universität Eindhoven für Studierende der Ingenieurswissenschaften verfasst wurde. Ziel ist es, einen allgemeinverständlichen und knappen Überblick zur technischen Entwicklung in ihrer sozialen Vernetzung zu geben, um die Erkenntnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus fruchtbar zu machen. Das Buch soll dazu dienen, den Studierenden der Ingenieurwissenschaften in der Gegenwart und für die Zukunft einen weiteren Horizont zu erschließen und ihnen so die Fähigkeit geben, in aktuellen Diskursen reflektiert und nachhaltig zu agieren. Dieser Ansatz sei durch die gegenwärtige prekäre Lage der Welt legitimiert, dazu der Klappentext: „The world is in turmoil: we are witnessing steep social and environmental challenges. Technology is identified as both cause of and solution to these challenges. How can we use technology to solve problems – without creating new ones?“

Die zentrale Hypothese des Buches ist, dass seit rund zwei Jahrhunderten die Ingenieurswissenschaft die Welt nachhaltig verändert habe und dass sie dazu parallel selbst durch soziale Herausforderungen in Theorie und Praxis geprägt worden sei. Demnach gelte es, die Anforderungen, die von der Gesellschaft, Unternehmen und Nutzern an die Technik gestellt wurden, in historischer Perspektive zu untersuchen. Die Texte sind knapp gehalten und bedienen sich einer verständlichen Sprache, ohne die komplexen Zusammenhänge zu simplifizieren. Es findet sich eine große Anzahl von hochwertigen und aussagekräftigen Abbildungen, die ausreichend kommentiert werden.

Der Text ist chronologisch in vier Hauptkapitel unterteilt. Zunächst wird die Zeit von 1815 bis 1914 betrachtet, die als „Age of Promise“ benannt wird. Technology habe in dieser Ära dazu beigetragen, die Beschränkungen der menschlichen Existenz durch den Zugriff auf Energie, Information, Mobilität und Nahrungsmittel zu verringern, weshalb die Zeit daher durch einen unbändigen Fortschrittsoptimismus geprägt gewesen sei. Doch bereits die Zeit von 1914 bis 1945, die unter der Überschrift „Age of Crisis“ eingeordnet wird, sei in den Katastrophen der Weltkriege und Wirtschaftskrisen der Fortschrittsglauben ad absurdum geführt worden. Das dritte Kapitel, welches die Zeit bis 1970 untersucht, wird als Zeitalter der Technokratie beschrieben, während dem der Glauben an die Planbarkeit dazu führte, dass großtechnische Systemlösungen unter Ausschluss der Bürger von Wissenschaft und Technik diktiert werden konnten, ohne dass die sozialen und ökologischen Folgen berücksichtigt worden wären. Den Abschluss dieser Chronologie bildet der Zeitraum von 1970 bis 2015, der unter der Überschrift „The Age of Participation“ die Phase beschreibt, in der es langsam zu einem offenen Diskurs zwischen den Akteuren kommt.

Diese vier chronologischen Kapitel sind jeweils in weitere Unterkapitel namens „Society“, „Enterprise“, „Users“ und „Engineers“ unterteilt, die dazu dienen, die Genese innovativer Technologien und die daraus resultierenden sozialen Wechselwirkungen aus den jeweiligen Perspektiven nachzuzeichnen. Das Werk schließt mit einem Ausblick auf zukünftige Entwicklungen. Die systematische Gliederung spiegelt einerseits den didaktischen Anspruch wider, ermöglicht es aber andererseits auch gut, nur Teile daraus, etwa in der Lehre, zu verwenden.

Selbstverständlich kann eine derartige Einführung, die explizit für ein fachfremdes Publikum verfasst wurde, nicht die vielschichtigen und kontroversen, aktuellen Diskurse der Technikphilosophie und der Technikgeschichte widergeben. Ebenso ist es unmöglich, auf einem so knappen Raum die epistemische Genese der Fächer selbst nachzuzeichnen. Das ist auch nicht der Anspruch dieses gelungenen und lesenswerten Buches. Vielmehr geht es darum, einerseits das Interesse eines nicht vorgebildeten Publikums zu erwecken und andererseits die selbstkritische Reflektion bei angehenden Ingenieurinnen und Ingenieuren anzuregen. Das gelingt sehr gut, indem in ebenso knappen wie intelligenten Texten anhand von Beispielen auf die Komplexität der Wirkzusammenhänge hingewiesen wird, ohne dass ein Anspruch auf Vollständigkeit der Darstellung erhoben wird. Negative Aspekte wie Auswirkungen auf die Umwelt, die Ausbeutung des Globalen Südens oder die Utilisierung von Technik von menschenverachtenden, totalitären Systemen werden dabei nicht ausgeblendet. So wirkt die Lektüre anregend.

Einschränkend ist lediglich anzuführen, dass der Fokus eindeutig auf der Entwicklung in den Niederlanden liegt. Vor allem wird Philips als Beispiel aus der Unternehmensgeschichte angeführt und auch die Chronologie orientiert sich unzweifelhaft an der lokalen Geschichte. So beginnt die Untersuchung um 1815, ein Zeitpunkt der für die Geschichte der Niederlande absolut legitim ist, wenn nach dem Ende der Napoleonischen Kriege die Industrialisierung in Europa langsam einsetzte. Allerdings berücksichtigt diese Sicht nicht, dass hier Phänomene beschrieben werden, die in England schon auf das 18. Jahrhundert zu datieren sind. Darüber hinaus bedingt die Progressivität und Liberalität der Niederlande, dass insbesondere die Partizipation von Nutzern und die freie, faire und vorurteilslose Kommunikation zwischen den relevanten Akteursgruppen bezüglich Technikgenese, die das Autorinnenteam um van der Vleuten mit den 1970er Jahren beginnen lassen, in vielen Industrienationen selbst in der Gegenwart keinerlei Bedeutung haben. Diese Einschränkungen haben zur Folge, dass die Verwendung des Textes als Lehrmittel außerhalb der Niederlande lediglich bedingt sinnvoll sein kann. Dennoch handelt es sich um eine ebenso gelungene wie attraktive Einführung in den Gegenstand und es steht zu hoffen, dass entgegen der vorherrschenden Praxis, wissenschaftliche Texte möglichst kryptisch zu gestalten, das Werk von van der Vleuten, Oldenziel und Davids dazu beiträgt, den Snow’schen Graben zwischen den zwei Kulturen ein Stück weit zu verschütten.