Tischler-Hofer, Ulrike/Kaser, Karl (Hrsg.): Provincial Turn. Verhältnis zwischen Staat und Provinz im südöstlichen Europa vom letzten Drittel des 17. bis ins 21. Jahrhundert, 252 S., Lang, Frankfurt a. M. 2017.
Die oft als turn bezeichneten konzeptuellen Wenden wecken die Hoffnung auf bedeutende epistemologische Impulse. Die Initiatoren der Grazer Tagung von 2015, auf welche dieser Sammelband zurückgeht, fordern zwar in ihrer Einleitung eine methodisch-theoretische Neuorientierung, „die einer vertieften historischen Erforschung von Provinz aus der Perspektive von unten Rechnung trägt und dadurch die adäquate Einordnung von Provinz in räumlich und zeitlich größere Zusammenhänge ermöglicht“ (S. 7, Hervorhebung im Original), aber dieser Anspruch wird nicht eingelöst. Die meisten Autoren des Bandes bemühen sich, einen Zusammenhang zum Generalthema herzustellen, haben es aber nicht leicht angesichts dieses unbestimmten Rahmens. Hier bestätigt sich der Eindruck, dass turns nicht ausgerufen werden, weil jemand das wissenschaftliche Denken umpflügen möchte – sondern vor allem, um die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen.
Zehn Beiträge von überwiegend guter Qualität decken ein weites zeitliches und räumliches Spektrum ab, das von einer österreichischen Diplomatenfigur im Istanbul des 17. Jahrhunderts bis zur Insel Hvar in der Gegenwart reicht. Dabei gliedert sich der Band in zwei Hauptabschnitte: „Vormoderne“ und „Modernisierung“.
Da sind zunächst die Beiträge, in denen der Gegensatz von Provinz und Zentrum als konstruiert, historisch entstanden und wandelbar erscheint. Ulrike Tischler-Hofer verdeutlicht an der Biografie des österreichischen Diplomaten Johann Christoph Kindsperger (1636–1678), dass für manchen „Provinzler“ die eigene Heimat zeitlebens Mittelpunkt der emotionalen Welt blieb. Der Spross einer Beamtenfamilie aus Triest stieg unter Kaiser Leopold I. zum Residenten der Monarchie an der Hohen Pforte auf, umgab sich dort aber mit heimischen Gegenständen – zu seinem Nachlass zählten unter anderem eine Lederhose, venezianische Laternen und ein Stück Parmesankäse. Die Provinzialität schadete dem Diplomaten nicht, im Gegenteil – Kindsperger machte nicht nur auf diplomatischem Parkett eine gute Figur, sondern galt in der einfachen Bevölkerung als mitfühlend und menschlich.
Roumiana Preshlenova zeigt am Beispiel Bulgariens, dass Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts das herkömmliche imperiale Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie deutlich infrage stellten. Die konstituierende bulgarische Volksversammlung, die von Februar bis April 1879 in Tărnovo tagte, vermied in ihren Diskussionen den Begriff des Guberniums, weil dies zu sehr an die innere Ordnung Russlands erinnerte – man wollte, nach der Erfahrung der eigenen Provinzialisierung gegenüber Istanbul, nicht in ein ähnliches Verhältnis gegenüber Sankt Petersburg rutschen. Dass es offenbar die Russen waren, die durch die Verlegung wichtiger Institutionen nach Sofia die Hauptstadtfrage des neuen Staates vorentschieden, zeigt die Grenzen symbolisch-linguistischer Befreiungsschläge auf.
Die slowenische Nationalbewegung musste versuchen, die Machtverhältnisse innerhalb eines bestehenden Imperiums zu verschieben. Wie Petar Vodopivec zeigt, wurde die Provinzialität zunehmend als Mangel empfunden, sodass man schon Ende des 19. Jahrhunderts Wert auf repräsentative Gebäude und eine moderne Infrastruktur legte, die den Anspruch als inoffizielle Hauptstadt der Slowenen untermauern könnten. Dennoch lief es auf einen nicht gewinnbaren Wettbewerb mit „zentraleren“ Städten der Doppelmonarchie hinaus. Das Gefühl der eigenen Provinzialität änderte sich erst mit der Gründung Jugoslawiens, als die Gegend „quasi über Nacht zum am stärksten entwickelten Teil des neuen südslawischen Königreiches“ (S. 143) wurde.
Dieser Band handelt auch davon, wie Kriege das Kräfteverhältnis von Zentrum und Provinz beeinflussen können. Der griechische Befreiungskampf, den Olga Katsiardi-Hering untersucht, bedeutete die Dezentralisierung des politisch-militärischen Geschehens, nämlich auf die Peloponnes, wo die griechische Revolution in den 1820er Jahren im Wesentlichen ausgefochten wurde. Walter Lukan zeigt dagegen am Beispiel von Kriegspostkarten Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg, dass Krieg auch Zentralisierung bedeuten konnte. Zwar gaben Provinzverlage eigene Kriegspostkarten heraus, mit denen spezifisch nationale Sichtweisen auf den Krieg ausgedrückt wurden; insgesamt aber dominierten Karten aus dem imperialen Zentrum Wien beziehungsweise sogar aus dem Deutschen Reich, welche die übergeordneten Ziele der Mittelmächte in den Vordergrund stellten. Der markante Unterschied zwischen beiden Beiträgen verweist wohl auf Charakteristika beider Imperien. Während das Habsburgerreich bis zuletzt als staatlicher Mechanismus recht gut funktionierte und sich diese Zentralisierung im Krieg „leisten“ konnte, obwohl viele seiner Nationen mit dem Krieg nicht einverstanden waren, wurde Macht im Osmanischen Reich seit dem 18. Jahrhundert immer mehr in Form provinzieller Netzwerke ausgeübt, was zunächst Unsicherheit und schließlich eine gewaltsame Emanzipation von Provinzen zu eigenen Staaten begünstigte.
Dass sogar eine Adriainsel wie Hvar vorübergehende Zentralität erlangen konnte, zeigt Florian Bieber. Die Wahrnehmung dieser wie auch anderer Adriainseln hing stets von ihrer politischen Zugehörigkeit, aber auch von wirtschaftlichen Konjunkturen ab. Inseln sind nur aus der Sicht kontinental orientierter Staaten „Provinz“, in Seereichen dagegen stehen sie näher am Zentrum. Hvar lag als Teil des venezianischen Stato da Mar an der Handelsroute entlang der östlichen Adria und wurde erst durch den Anschluss an die kontinental orientierte Habsburgermonarchie in die Marginalität gedrängt. Der Bedeutungsverlust führte zu massenhafter Auswanderung, die erst durch die Entwicklung des Tourismus im sozialistischen Jugoslawien gestoppt wurde.
In autoritären, zentralistischen Staaten ist die Provinz seit jeher ein bevorzugter Platz der Bestrafung. Mathias Beer untersucht die Deportation von etwa 4000 österreichischen Kryptoprotestanten nach Siebenbürgen im 18. Jahrhundert – eine Maßnahme, mit der Karl VI. und Maria Theresia die österreichischen Kernländer von Protestanten „säubern“, den südöstlichen Rand des Imperiums wirtschaftlich stärken und das aufklärerische Gebot der Glaubensfreiheit umsetzen wollten. Die Umsiedelungen waren für die Betroffenen oft grausam; die altansässigen Sachsen waren von den „elenden Cärtnern“ nicht begeistert, sie wurden als Bettler angesehen, die den Gemeinden zur Last fielen. Von daher verwundert nicht, dass die Deportierten, die Beer irritierenderweise „Transmigranten“ nennt, nicht im Siebenbürger Sachsentum aufgingen, sondern als „Landler“ eine eigene Gruppe bildeten.
Auch Anelia Kassabova beschäftigt sich mit negativen Wahrnehmungen der Provinz, bricht aber gleichzeitig eine Lanze für sie. In dem Film „Sei gesegnet“ von Aleksander Obreshkov (1978) warten ledige, werdende Mütter in einem staatlichen Mutter-Kind-Heim auf die Geburt ihres Kindes. Dieses Heim liegt idyllisch-majestätisch am Hang eines bewaldeten Berges, die Ärzte dort kümmern sich vorbildlich um die werdenden Mütter. Aber wenn diese in das Dorf hinabsteigen, werden sie mit den alten Vorurteilen gegen alleinstehende Mütter konfrontiert. Die realen Mutter-Kind-Heime waren allerdings ungemütliche Plätze, an denen die Mütter autoritär umerzogen wurden, zunehmend gefüllt mit „Problemfällen“, die von der sozialistischen Gesellschaft isoliert werden sollten. Die vermeintliche Grenze zwischen der „moralischen Verstocktheit“ der Provinz und der humanen Offenheit des Zentrums gab es also in der Realität nicht; vielmehr standen die Kommunisten selbst hinter dem Konservatismus, missbilligten etwa außereheliche Schwangerschaften als unsozialistisch.
Wie bei fast jedem Sammelband stellt sich auch hier die Kohärenzfrage. Die Mehrzahl der Beiträge lässt sich durchaus in einen gemeinsamen Zusammenhang einordnen; das gilt allerdings nicht für den an sich interessanten Aufsatz von Ivan Părvev über „Mediales Räsonieren im Hl. Römischen Reich über die Zukunft der Balkanländer während des Türkenkriegs, 1788–1791“. Părvev zeigt anhand von Zeitschriften, dass die deutschsprachige Öffentlichkeit grundsätzlich die osmanische Präsenz in Europa für nicht legitim hielt – denn die Osmanen hätten sich auf dem Boden des alten Römischen Reiches ausgebreitet, sodass das Heilige Römische Reich Deutscher Nation das Recht habe, es von hier zurückzudrängen und das alte Reich wieder herzustellen. Ein neues Byzanz wollte man auch nicht sehen – das „Historische und geographische Journal“ argumentierte 1789, ein eigenes christlich regiertes Reich im Südosten könne auch zu einer unliebsamen Konkurrenz werden.
Etwas erratisch wirkt schließlich der Beitrag von Mira Miladinović Zalaznik über das Tagebuch des österreichischen Offiziers Johann von Maasburg aus dem Ersten Weltkrieg. Von Maasburg war Teilnehmer der verlustreichen Isonzo-Schlachten und hinterließ interessante Aufzeichnungen, die sowohl die militärische Seite als auch Politisches und Privates beleuchten. Allerdings fehlt sowohl der Bezug zum Thema des Bandes als auch eine rote Linie im Text selbst.
Insgesamt zeigt der Band, dass die Beschäftigung mit der Provinz ein lohnendes Unterfangen ist. Die südosteuropäische Geschichte sollte sich vornehmen, systematischer Wissen über wenig beachtete Regionen jenseits der Hauptstädte zu erzeugen. Auch konzeptionelle Schärfungen des Begriffs „Provinz“ sind willkommen – selbst wenn nicht gleich ein turn daraus wird.