Ruckstuhl, Brigitte/Ryter, Elisabeth: Von der Seuchenpolizei zu Public Health. Öffentliche Gesundheit in der Schweiz seit 1750, 343 S., Chronos, Zürich 2017.
Das öffentliche Gesundheitswesen ist ein gern bearbeitetes Thema sowohl in der europäischen als auch in der transatlantischen Medizingeschichte. Mit „Von der Seuchenpolizei zu Public Health“ legen nun Brigitte Ruckstuhl und Elisabeth Ryter ein Buch vor, das diese Thematik für die Schweiz überblicksartig behandelt. Es geht den Autorinnen um nichts weniger, als 250 Jahre Gesundheitswesen in der Schweiz darzustellen und zu verorten. Es ist dabei das konkrete Anliegen, nicht nur die einzelnen Phasen der Entwicklung des öffentlichen Gesundheitswesens von den Anfängen bis zur Gegenwart näher zu beschreiben, sondern auch auf längerfristige Kontinuitäten hinzuweisen. Dies rechtfertigt auch die longue durée als Untersuchungszeitraum. Konkret geht es um die Frage, wie der Staat als Akteur auf spezifische gesundheitliche Problemfelder reagierte.
Das Buch besteht aus acht chronologisch angelegten Teilen, welche jeweils eine bestimmte Charakteristik des Gesundheitswesens der jeweiligen Zeit in den Mittelpunkt stellen. Jedes der Kapitel besitzt eine Einleitung und ein Fazit, sodass die Kapitel in sich geschlossen sind und theoretisch auch einzeln rezipiert werden können. Wie Ruckstuhl und Ryter selbst einräumen, konzentriert sich der Inhalt des Werkes aufgrund der disparaten Forschungslange insbesondere auf die Kantone Zürich, St. Gallen, Basel, Bern, Neuenbrug, Waadt und Genf. Damit wollen sie aber auch neue Forschungen zu anderen Gebieten anregen.
Im ersten Kapitel werden mit der Etablierung der „medicinischen Policey“ die ersten zaghaften Zugriffe der Obrigkeiten auf die Gesundheit der Bevölkerung dargestellt. Die auf kantonaler Ebene erlassenen Medizinalordnungen galten als wichtige Grundlagen für die Etablierung eines öffentlichen Gesundheitswesens. Daran anschließend widmen sich die Autorinnen ausgehend von der Industrialisierung dem Aufstieg des Hygienediskurses zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei können sie zeigen, wie Expertenwissen popularisiert wurde. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielten Pflegende und Hebammen, die das Wissen zum großen Teil ‚unters Volk‘ gebracht haben. In den Kapiteln 3 und 4 rückt die zunehmende politische Normierung der Gesundheit in den Vordergrund. So wird zum einen die Gesetzgebung zur Hygiene in Städten, Wohnungen und Schulen näher beschrieben und zum anderen wird die Entstehung verschiedener Gesetze wie dem Fabrik- oder dem Epidemiengesetz dargestellt. Diese Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit werden gegenwärtig unter dem Stichwort der Verhältnisprävention subsumiert und zeigen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts biopolitische Maßnahmen vorzugsweise über staatliche Normierungen gehandhabt wurden. Die Ausbreitung der Tuberkulose verdeutlichte der Medizin, die sich seit der Etablierung der Bakteriologie auf spezifische Erreger als Krankheitsursachen konzentrierte, dass neben individuellen auch soziale Faktoren für Krankheiten verantwortlich sein konnten. Die sich aus dieser Einsicht entwickelte Sozialhygiene fasste auch in der Schweiz schnell Fuß und entwickelte sich zur Leitdisziplin der öffentlichen Gesundheitspflege. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entstanden mit der Schweizerischen Sanitätsdirektorenkonferenz, der Gesellschaft schweizerischer Amtsärzte und der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspflege wichtige Institutionen, die das öffentliche Gesundheitswesen der Schweiz nachhaltig prägen sollten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren die Leistungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit weiter ausgebaut, wie in Kapitel 6 thematisiert wird. Die immer weiter steigenden staatlichen Investitionen in diesem Bereich führten allerdings zu einer Kostenexplosion, die einhergehend mit einer Wirtschaftskrise ab Mitte der 1970er Jahre zunehmend die Diskussion um den Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens beherrschte und zur Einsicht führte, dass nicht allein der Staat für die Gesundheit der Bürger verantwortlich sein kann. Im vorletzten Kapitel beschreiben die Autorinnen dann die Entwicklung und Veränderungen der Präventivmedizin in den 1970er und 1980er Jahren, die durch den Aufstieg des Risikofaktorenmodells und der damit einhergehenden Individualisierung präventivmedizinischer Ansätze geprägt war. Im abschließenden achten Kapitel wird diese Entwicklung mit der Thematisierung des präventiven Selbst fortgesetzt, was die kontinuierliche Entwicklung individualpräventiver Ansätze verdeutlicht. Zum Abschluss werfen die Autorinnen noch einen Blick auf die Möglichkeiten der Gentechnik im Bereich der öffentlichen Gesundheit.
Zwar ist das Buch als Überblickswerk angelegt, doch überzeugt die wohlüberlegte Konzeption des Bandes auch den medizingeschichtlich vorgebildeten Leser. So kratzen die beiden Autorinnen nicht nur an der Oberfläche, sondern gehen an vielen Stellen ins Detail und vermitteln auch Experten noch neues Wissen über das öffentliche Gesundheitswesen in der Schweiz. Dabei gelingt ihnen der schwierige Spagat zwischen Sach- und Fachbuch sehr gut. Durch ein ansprechendes Design, einen qualitativ hochwertigen Farbdruck, eine Vielzahl von Illustrationen und die Verwendung von Endnoten wird dieses Buch von einem breiten Publikum wohl gerne gelesen werden.