Reimann, Sarah: Die Entstehung des wissenschaftlichen Rassismus im 18. Jahrhundert, 345 S., Steiner, Stuttgart 2017.
Von Rassisten abgesehen, gilt ‚Rasse‘ heute weithin als ein Konstrukt. Das mag auf den ersten Blick im Widerspruch dazu stehen, dass die empirische Analyse menschlicher Diversität vom 18. bis weit ins 20. Jahrhundert den Anspruch einer wissenschaftlichen Disziplin erhob: der ‚Rassenkunde‘, der man heute bestenfalls einen pseudowissenschaftlichen Charakter attestiert. Insofern ist die historische Auseinandersetzung mit dem Rassismus auch eine Aufgabe der Wissenschaftsgeschichte. Die Angelegenheit ist methodisch heikel, weil sie einerseits von der Einsicht in die katastrophalen Folgen des Postulats natürlicher Ungleichheit nicht absehen darf, andererseits ihren Gegenstand und ihre Protagonisten ernst nehmen muss, um beide zu verstehen.
Hier setzt Sarah Reimann mit ihrer Züricher Dissertation an. Im methodischen Schnittpunkt von Wissenschafts‑, Ideen- und Kulturgeschichte interessiert sie sich für die Entstehung des Rassendiskurses zwischen 1735 und 1800. Wie war es möglich, dass im Zeitalter der Aufklärung, die sich die Gleichheit aller Menschen auf die Fahne geschrieben hatte, ein „wissenschaftlicher Rassismus“ (S. 11) entstand? Zur Beantwortung dieser Leitfrage werden zahlreiche rassentheoretischen Schriften systematisch ausgewertet, verglichen und aufeinander bezogen. Die Liste der Autoren reicht von Carl von Linné, Pierre Louis Moreau de Maupertuis und Georges-Louis Leclerc de Buffon über Eberhard August Wilhelm von Zimmermann, Immanuel Kant und Georg Forster bis zum ‚Kraniologen‘ Johann Friedrich Blumenbach.
Zunächst erinnert Reimann an die Voraussetzungen – die europäische Expansion in Übersee, den Mythos vom ‚edlen Wilden‘ die Debatte über den Ursprung des Menschen –, bevor sie im Hauptteil systematisch nach den verantwortlichen Akteuren des Rassendiskurses fragt. Nicht zuletzt geht es hier um die fachliche Seite: Wie haben die Rassentheoretiker argumentiert? Welche Merkmalskataloge haben sie aufgestellt? Welche moralischen Urteile haben sie möglicherweise gefällt? Akribisch untersucht die Autorin die Schriften bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nach der Chronologie ihres Erscheinungsdatums, um Kontinuitäten und Brüche aufzuspüren und mögliche qualitative Veränderungen zu entdecken. Möglich sei dieses Vorgehen, weil sich der Rassendiskurs zunächst vergleichsweise linear entwickelt habe. Doch seit den 1770er Jahren habe sich der Rassendiskurs durch gleichzeitige, zum Teil miteinander verwobene Ansätze aufgefächert, sodass Reimann hier thematisch vorgeht.
Der außereuropäische Kulturkontakt und seine Verarbeitung in der Reiseliteratur haben den Blick auf die Anderen verändert. Diese Einsicht ist nicht neu. Doch indem die Autorin diese Entwicklung mit dem aufklärerischen Impuls, die Welt im Glauben an die Erklärbarkeit der Natur empirisch zu erforschen, und mit dem Fortschritt der länderübergreifenden, durch Akademien und Gelehrtengesellschaften institutionalisierten Kommunikation verbindet, kann sie die Entstehung eines übergreifenden Diskurses verständlich machen, in dem sich Gelehrte über menschliche Varietäten verständigten. Bei der Darstellung einzelner Werke geht die Autorin schematisch vor: Einer biografischen Skizze folgen Hinweise zur jeweiligen Methode sowie die Analyse des Modells im rassentheoretischen Kontext. Zudem spürt Reimann den Netzwerken der jeweiligen Akteure nach. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts hat sich der Rassendiskurs deutlich radikalisiert; die pseudowissenschaftliche Vermessung der Schädelform erweiterte die Palette der Klassifikationskriterien; Juden spielten in den Rassentheorien keine große Rolle – so lauten einige Befunde.
Das wichtigste Ergebnis bezieht sich auf das Verhältnis dieses frühen Rassendiskurses zum Rassismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Reimann hält zunächst den quantitativen Unterschied fest: Während der frühe Rassendiskurs auf die Kreise europäischer Gelehrter begrenzt geblieben ist, sorgte die Popularisierung rassentheoretischer Ideen ab dem 19. Jahrhundert für ihre destruktive Dynamik. Doch lange vorher fänden sich die wesentlichen Komponenten: „die Angst vor Vermischung, die moralische und kulturelle Marginalisierung der Nicht-Weissen, der Glaube an die Vererbbarkeit rassischer Charakteristika, die zunehmende Wahrnehmung der Juden als Fremdkörper“ (S. 281). Wenngleich die Theorie erst jetzt zur Ideologie geworden war, liegen die Wurzeln dieser rassischen Ideologie nicht bei Arthur de Gobineau und Charles Darwin – so lautet deshalb ihre zentrale These –, sondern in den Rassentheorien der Aufklärung.
In der Stärke der Konzentration auf 70 Jahre europäischer Wissensgeschichte liegen zwei Schwächen, derer sich die Autorin wohl bewusst ist. Zum einen trennt sie sorgsam zwischen rassistischer Theorie und Praxis. Das ist analytisch klug und nachvollziehbar, lässt aber die Frage unbeantwortet, ob und inwieweit die neuen Ideen unter Adeligen und Bildungsbürgern verfingen und zur Richtschnur zeitgenössischen Handelns wurden. Waren die Rassentheoretiker Rassisten? Zum anderen wird der Leser bedauern, dass am Ende nicht ein längerer Bogen ins 19. Jahrhundert geschlagen wird, schon um die Kontinuitätsthese zu stärken. Man hätte gerne mehr über diese Wirkungsgeschichte erfahren, und sei es auf der Basis vorliegender Studien der Historischen Rassismus- und Nationalismusforschung. Dass den deutschen Leser die durchgängige Umwandlung des ‚ß‘ irritiert, die selbst vor der Quellensprache nicht Halt macht (Lavaters „Stirnmaass“ ist ein Beispiel, S. 150), sei am Rande erwähnt.
Man kann der Autorin nur zustimmen, der „‚moderne‘ Rassismus“ sei besser zu verstehen, wenn man seine Vorgeschichte durchschaut. Ihr Verdienst ist es daher, unsere Kenntnis dieses frühen Rassendiskurses erweitert und für Kontinuitäten sensibilisiert zu haben. Zudem empfiehlt sich der historische Rückblick auf die Genese, wo Alltagsrassismus Weltoffenheit beschränkt – ein Buch zur richtigen Zeit.