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Einzelrezension

Agrarwissen in der Welt


Abstract

Agrarwissen in der Welt

Keywords: Review, Arend, Jan, Russland, Bodenkunde, Transfergeschichte, Linne, Karsten, Tropenlandwirte, 2017

How to Cite:

Aldenhoff-Hübinger, R., (2019) “Agrarwissen in der Welt”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0005-6

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-01-14

Arend, Jan: Russlands Bodenkunde in der Welt. Eine ost-westliche Transfergeschichte 1880–1945, 320 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017.

Transfergeschichten verlaufen nicht immer von West nach Ost und sind auch nicht auf bestimmte Wissensfelder beschränkt. Das ist gut bekannt. Weniger bekannt sind Geschichten, die sich auf einen Ost-West-Transfer von Wissen über Agrarwissenschaften fast um den ganzen Globus herum beziehen, von Russland über Mitteleuropa bis in die USA. Ein solcher Fall ist hier vorzustellen: Die russische Bodenkunde, begründet von Vasilij Dokučaev, St. Petersburg, zusammengefasst auf Deutsch in einem Lehrbuch von seinem ebenfalls in Russland lehrenden Schüler Konstantin Glinka, dieses redigiert in Berlin von dem deutschen Bodenkundler Hermann Stremme und so 1914 veröffentlicht, anschließend ins Englische übersetzt von dem amerikanischen Bodenkundler Curtis F. Marbut und 1927 in Ann Arbor erschienen.

Die Kontexte dieser spannenden Transfergeschichte beleuchtet methodisch reflektiert und systematisch Jan Arend in seinem Buch. Warum Transfergeschichte und nicht Verflechtungsgeschichte? Die Antwort fällt eindeutig aus: Es handelte sich um Transfer von Wissen in eine Richtung, nämlich der in Russland ohne Einfluss von westlichen Modellen entwickelten „Wissenschaft vom Boden“ (S. 77) gen Westen. Als Transfermedium diente das Lehrbuch Glinkas, das dieser auf der Basis seiner Vorlesungsmanuskripte auf Deutsch entwarf und somit den ersten Schritt zu einer Verständigung über den russischen Sprachraum hinaus ermöglichte. Der Berliner Bodenkundler Stremme wiederum schuf durch seine Bearbeitung von Glinkas Entwurf und Transformation in ein lesbares Deutsch die Voraussetzung dafür, dass das 1914 gedruckte Lehrbuch Mitte der 1920er Jahre ins Englische übersetzt und rezipiert wurde. Neben diesen Formen der Vermittlung und Aneignung des Wissens via Übersetzung, das heißt Integration von neuem Wissen in die eigene Sprache und eigenen Denkstrukturen (S. 14), spielten auch hier, wie in allen wissenschaftlichen Disziplinen, große Kongresse eine zentrale Rolle. Zwei für internationale Bodenkunde gab es bis 1945: in Washington, D.C. 1927 und Leningrad und Moskau 1930. Warum in den USA und Russland? Mit ihren ungeheuer großen Landmassen waren beide Staaten vergleichbar; nicht um anwendungsbezogene Agrarwissenschaften ging es hier primär, wie in dem dicht besiedelten West- und Mitteleuropa, sondern um die grundsätzliche Erfassung des Bodens, die Entwicklung von national übergreifenden Kategorien zu dieser Erfassung und die Kartierung, somit natürlich auch um weitere potenzielle Erschließung riesiger Regionen für die Besiedlung. Und genau auf diesen Gebieten – Bodenkartografie und -klassifikation in Verbindung mit Theorien zur Genese des Bodens – war die russische Schule allen anderen voraus. So wie hier nicht die Laborforschung im Zentrum stand, sondern die Feldforschung, so brachte die internationalen Bodenkundler auch ihre gemeinsame 30-tägige USA-Reise von der Ost- an die Westküste und über Kanada zurück im Anschluss an den eigentlichen Kongress 1927 bei der Entwicklung neuer Methoden weiter. Unabhängig von politischen Systemen fand die russische Bodenkunde, die im Zarenreich entwickelt und inzwischen von sowjetischen Bodenkundlern weiter ausgebaut worden war, Anerkennung in Nordamerika. Im Laufe der 1930er Jahre änderte sich das politische Klima einer auf wissenschaftliche Fragen konzentrierten internationalen Zusammenarbeit auch für die Disziplin Bodenkunde. Unter Stalin favorisierte die Sowjetunion andere wissenschaftliche Systeme (Lysenkoismus) (S. 246–251). Aber, so bemerkt Arend treffend, „da war das Wissen […] bereits in der Welt“ (S. 17) und entfaltete sich in ganz unterschiedlichen Kontexten. In Deutschland erlangten Hermann Stremme und seine Kenntnisse der russischen Bodenkunde Anerkennung und Verbreitung im Kontext der nationalsozialistischen Eroberungspläne und des „Generalplan Ost“ (S. 256f.). In den USA dienten die Grundlagenforschungen der russischen Bodenkundler zur Verarbeitung der dust-bowl-Katastrophe. Arends Studie, der eine Münchener Dissertation von 2016 zugrunde liegt, zeichnet sich durch eine beeindruckende Zahl von Recherchen in russischen und nordamerikanischen Archiven aus, ist konzeptionell durchdacht und flüssig geschrieben. An Anschaulichkeit gewinnt sie zudem durch teils farbige Abbildungen und Karten; erschlossen wird der Band durch Personen‑, Sach- und Ortsregister.

Linne, Karsten: Von Witzenhausen in die Welt. Ausbildung und Arbeit von Tropenlandwirten 1898–1971, 526 S., Wallstein, Göttingen 2017.

Mit dem ‚Wandern‘ von Wissensbeständen zwischen den Kontinenten befasst sich auch Karsten Linne in seiner Geschichte der Ausbildung von Tropenlandwirten im nordhessischen Witzenhausen. In der 1898 auf private Initiative und nach britischem Vorbild begründeten Deutschen Kolonialschule und ihren Nachfolgeinstitutionen wurden Auswanderungswillige speziell für die Tropen und Subtropen geschult. Nach 1919 setzte die Schule die Ausbildung der neuen „Kolonisten ohne Kolonien“ (S. 179) bis 1943 fort; 1957 wurde sie als Lehranstalt für tropische und subtropische Landwirtschaft neu begründet, firmierte dann als Ingenieurschule und ist seit 1971 Fachbereich der Gesamthochschule beziehungsweise der Universität Kassel. Der Band ist nach den Einschnitten der deutschen Geschichte und den jeweils korrespondierenden „politischen Generationen“ (S. 23) der Schüler strukturiert (Gründung bis 1918; 1918–1933; 1933–1945; Neubeginn 1945–1966; 1966–1971 und schließlich Ausblick ab 1971). Der Verfasser wertet einen beeindruckenden Quellenbestand von über 3.000 Schülerakten aus. Der Blick ist auf die Schüler und Absolventen zentriert (S. 8), die nach dem Abschluss ihrer Schullaufbahn noch lange in Kontakt mit der jeweiligen Schulleitung standen. Ihre Erfahrungsberichte vor allem, aber nicht nur, aus Ostafrika, West- und Südwestafrika – Afrika blieb auch nach dem Verlust der Kolonien Hauptziel vor Nord- und Südamerika – bilden tatsächlich einen reichen ‚Schatz‘, der Einblicke in Mentalität und Fremdwahrnehmung gewährt. Der Autor, ein hervorragender Kenner der deutschen Kolonialgeschichte, erhebt dabei den Anspruch, weniger Transfer- als Verflechtungsgeschichte zu schreiben, seien doch die Absolventen und ihre Tätigkeit im Ausland auch geprägt worden, nämlich durch die ganz anderen Verhältnisse, die sie dort vorfanden (S. 21f.). Die Bildung ‚charakterfester‘ Männer, die das ‚Deutschtum‘ im Ausland vertreten sollten, war bis 1943 zentral; doch darüber hinaus galt das Bemühen der national gesonnenen Direktoren einer wissenschaftlich fundierten Arbeit in den Kolonien. Unterrichtet wurden Kulturgeschichte, Kolonialgeschichte, Chemie, Botanik, Veterinärlehre, Kolonialwirtschaft und natürlich Landwirtschaftslehre, zugeschnitten auf die Tropen und Subtropen, für Pflanzer und Viehzüchter. Englisch wurde bereits 1901/2 Pflicht (S. 44f.). Dazu trat praktischer Unterricht in allem, was Siedler brauchten. Aufgrund des relativ hohen Schulgelds bewarben sich vor allem junge Männer aus den oberen (Mittel-)schichten (S. 58f.), Bewerber aus dem bäuerlichen Milieu waren hingegen kaum vertreten. Ihre Motive, sich nach dem klösterlich streng geregelten Internatsleben in Witzleben auf die Reise zu machen, sind nicht auf einen Begriff zu bringen, scheint es doch eine Mischung von Neugierde, Flucht aus der Enge, Sehnsucht nach Abenteuer und Exotik gewesen zu sein. Die Überlegenheit des ‚weißen Mannes‘ war unbestritten; darüber, ob man sich von der Lektüre der ‚Klassiker‘ eines Paul Rohrbach inspirieren ließ, wird nicht berichtet.

Unter dem Nationalsozialismus spielte die Schule keine besondere Rolle; zwar gab es Hoffnungen, dass es vielleicht doch gelingen könne, die verlorenen Kolonien zurückzugewinnen und somit die Lehranstalt wieder aufzuwerten, doch war man sich auch darüber klar, dass sich der Expansionsdrang auf den Osten richtete. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog sich der Einstieg in eine demokratische Staatsordnung und Gesellschaft zwar bis 1957 hin, gelang aber über die Entwicklungshilfe erstaunlich gut. Nicht nur deutsche Tropenlandwirte wurden entsendet, sondern auch zahlreiche Studenten aus den Entwicklungsländern in Witzenhausen ausgebildet (Tabelle, S. 372). Auch verschob sich die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft nach Herkunft zur mittleren Mittelschicht (S. 373). Zahlreiche Schüler waren aus den agrarisch geprägten Regionen der DDR sowie aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hinzugekommen (ebd.). Die fortschreitende Technisierung der Landwirtschaft führte 1966 zur Umwandlung in eine Ingenieurschule; seit 1971 bildet die Lehranstalt einen Fachbereich der Gesamthochschule beziehungsweise der Universität Kassel, zunächst als Internationale Agrarwirtschaft, heute als Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften, Ausdruck einer erfolgreichen Transformation und Integration. Die Studie ist eine gelungene und materialreiche Darstellung der Geschichte einer Schule als Teil der deutschen Geschichte; inwieweit es dem Autor darüber hinaus geglückt ist, sie auch als internationale Verflechtungsgeschichte (und nicht nur als Transfergeschichte) zu schreiben, muss allerdings bezweifelt werden. Was die deutschen Siedler und Kolonisten dank ihrer Ausbildung im Reisegepäck hatten, wird deutlich, was sie aber von den fremden Kulturen aufnahmen und mit zurückbrachten, bleibt offen.