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Einzelrezension

Moderne zwischen Allgemeinem und Besonderem


Abstract

Modernity of Universality or Particularity?

Keywords: Review, Reckwitz, Andreas, 2017, Singularität, Moderne

How to Cite:

Köhler, V., (2019) “Moderne zwischen Allgemeinem und Besonderem”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0004-7

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© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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2019-07-01

Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, 480 S., Suhrkamp, Berlin 2017.

Mit „Die Gesellschaft der Singularitäten“ hat der Kultursoziologe Andreas Reckwitz eine zum Nachdenken anregende Gegenwartsdiagnose vorgelegt, die das Besondere – oder Singuläre – als Signum unserer Zeit ausmacht und den Befund an einer Vielzahl von Phänomenen aufzuzeigen vermag. Als Singularitäten bezeichnet Reckwitz dabei all das, was als „nichtaustauschbar und nicht vergleichbar erscheint“ (S. 11). Diese Rezension nähert sich der Reckwitz’schen Analyse in – hoffentlich – bester Tradition der Zeitschrift, in der sie erscheint: Sie richtet einen historischen Blick des Rezensenten auf die mit soziologischer Schärfe geschriebene Publikation. Dabei werden vielleicht einige Elemente des Buches überbetont, andere vernachlässigt. Doch mag dies vor dem Hintergrund der Möglichkeiten eines fruchtbaren interdisziplinären Dialogs verzeihbar sein.

Reckwitz’ Hauptthese, dass es zwischen 1970 und 1990 einen gesamtgesellschaftlichen Wandel gegeben habe, der mit einem Übergang von einer Dominanz der sozialen Logik des Allgemeinen hin zu der des Besonderen beschrieben werden kann (ebd.), ergibt erst durch eine historische Einordung Sinn. Nur wenn, wie Reckwitz schreibt, unsere heutige Zeit „vollständig“ dem Kern der vorhergehenden 200 Jahre der modernen Gesellschaft widerspreche (S. 14f.), taugt das vom Autor herausgestellte Merkmal des Singulären als Unterscheidungskategorie.

Reckwitz deutet unsere Gegenwartsphänomene als angetrieben von dem Wunsch besonders zu sein. Egal ob Facebook-Profil, Bewerbungsgespräch oder Wettbewerb im Einzelhandel: Kriterium des Erfolgs sei nicht mehr, wie noch in der klassischen Moderne, „normal“ zu sein, sondern durch „Besonderes“ aufzufallen. Die Entstehung dieser Gesellschaft der Singularitäten führt der Autor dabei auf drei Faktoren zurück, die ihm zufolge seit den 1970er Jahren zusammenwirken: eine soziokulturelle „Authentizitätsrevolution“, die Entstehung einer postindustriellen, kulturellen Ökonomie und die technische Revolution der Digitalisierung (S. 103).

Um seine These zu belegen und auszuführen, hat Reckwitz sein Buch in sechs inhaltlich voneinander getrennte Großkapitel unterteilt. Innerhalb der einzelnen Großkapitel geht es in einer beindruckenden Zahl von Unterkapiteln um das Aufspüren der sozialen Logik des Singulären innerhalb einzelner Themenfelder. Nach einer historischen Einordnung der Gesellschaft der Singularitäten in die Moderne (Teil I, S. 27–111) beschäftigt sich Reckwitz in den Abschnitten II–VI seines Buches nacheinander mit der „postindustrielle[n] Ökonomie der Singularitäten“ (S. 111–180), der „Singularisierung der Arbeitswelt“ (S. 181–224), der „Digitalisierung als Singularisierung“ (S. 225–272), der „singularistische[n] Lebensführung“ (S. 273–363) und schließlich mit dem „Wandel des Politischen“ unter der Überschrift „Differenzieller Liberalismus und Kulturessenzialismus“ (S. 371–428). Abschließend führt der Autor unter der Fragestellung „Die Krise des Allgemeinen?“ seine Überlegungen zu einem etwa 20-seitigen Schluss.

Der Parforceritt durch nahezu alle Aspekte spätmodernen Lebens zwingt den Autor zu Kompromissen und Verkürzungen in der Darstellung. So untersucht er etwa im Unterkapitel „Bausteine des singularistischen Lebensstils“ (S. 308–349) auf jeweils nur wenigen Seiten „Essen“, „Wohnen“, „Reisen“, „Körper“, „Erziehung und Schule“ und darüberhinausgehend „Work-Life-Balance, Urbanität, Juvenilisierung, Degendering und Neuer Liberalismus“ in einem einzigen siebenseitigen Abschnitt. Das Vorgehen führt zu Zuspitzungen und Abstraktionen. Diese gelingen Reckwitz in der Regel gut, auch wenn der historisch geschulte Leser das ein oder andere Mal eine stärkere empirische Fundierung gewünscht hätte. An deren Stelle tritt oft eine assoziativ-logische Aneinanderreihung von Argumenten. Insbesondere an Stellen, an denen die Singularität als Erklärung etwas weit hergeholt scheint – so beim Unterkapitel zu „Terror und Amok als Zelebrierung des singulären Aktes“ (S. 423–428) –, hätte man sich mehr Raum zur Entfaltung der Gedanken auf breiter empirischer Basis gewünscht.

Völlig überzeugend – auch auf empirischer Ebene – ist dagegen der Abschnitt über „Digitalisierung als Singularisierung“. Bisweilen entsteht der Eindruck, dass alle Prämissen und Argumentationsgänge auf dieses Kapitel zulaufen. Kultureller Kapitalismus und die Logik des Singulären erscheinen in der Welt von big data und winner-takes-all-Internetmonopolen jedenfalls ausgesprochen einfach erkennbar. Auch die digitalen Neogemeinschaften, die sich um eine gemeinschaftsstiftende Singularität wie etwa eine gemeinsame Erfahrung oder Einstellung, nicht mehr um Abstammung herum organisieren, lassen sich durch Reckwitz’ Gesellschaftsanalyse besser verstehen.

Vor dem Hintergrund der – freilich erst in der letzten Dekade so richtig in Fahrt geratenen – digitalen Entwicklung bleibt nun zu fragen, inwieweit Reckwitz einen Beitrag zu einer weiteren Historisierung der Moderne, die er in drei Abschnitte (bürgerliche, organisierte und späte) einteilt, geliefert hat und beziehungsweise oder zur Analyse unserer Gegenwart vorlegen konnte. Der Blick in die Geschichte dient Reckwitz vor allem als Kontrastfolie und zur Identifizierung längerer Prozesse. Den sehr allgemein gehaltenen, und darüber hinaus verschiedene Zeiten und Orte nur wenig berücksichtigenden Aussagen fehlt jedoch die Unterfütterung mit empirischem Material. Es bleibt dem Autor nicht genug Raum, um auf gegenläufige Tendenzen und Widersprüche ausreichend einzugehen. Dabei räumt er selbst immer wieder ein, dass eine klare Trennung von Spätmoderne und Moderne zugespitzt ist; etwa wenn er betont, dass die Logik des Singulären in der Moderne, genauer der Romantik, entstanden (S. 96–100) und auch die Kunst ein früher Träger solcher Ordnungsvorstellungen gewesen sei (S. 155f.).

Der historische Blick ist freilich auch nicht Hauptanliegen des Buches. Vielmehr identifiziert Reckwitz mit der Akademikerklasse und den „Erben von 1968“ eine neue Trägerklasse beziehungsweise ein neues Trägermilieu, welche den Lebensstil des Singulären vorlebt. Er möchte mithin eine genuin soziologische Erklärung für das spätmoderne Leben anbieten, indem er den vermeintlichen Individualismus wieder auf eine soziale Gruppierung zurückführt. Es ist dabei nicht ohne Ironie, dass er für diese Gruppierung den Begriff der „neuen Mittelklasse“ vorschlägt (S. 273f.).

Dieser Begriff fußt auf drei Prämissen des Autors, die auch nach Reckwitz’ Ausführungen zumindest diskutabel bleiben: Erstens der tatsächlichen Herausbildung einer urbanen, akademischen Schicht, die sich gerade auch kulturell klar trennbar von einer Unterschicht unterscheidet, deren Lebensstil in Kontrast zu den Akademikerinnen und Akademikern als „muddling through“ (S. 350) gekennzeichnet wird, und dadurch die alte Mittelschicht nicht als ‚normal‘, sondern „Mittelmaß“ erscheinen lässt (S. 282); zweitens einer Interpretation der Politik der letzten Jahrzehnte nicht als neoliberal, sondern über das Wirtschaftliche hinausgehend als Politik des Besonderen (S. 371) und drittens einer soziologischen Formierung dieser Klasse jenseits des Digitalen.

Die Debatte um derlei weitreichende, zugespitzte Interpretationen sollte jedoch unbedingt geführt werden. Sie verspricht nicht nur neue Kategorien zur Analyse gegenwärtiger Gesellschaften zu schaffen, sondern auch neue Fragen zu generieren. Gerade auch für eine historische Einordung unserer Gegenwart und Interpretation der Moderne bietet Reckwitz reichhaltige Anknüpfungspunkte, die es ermöglichen, Tendenzen und Prozesse der letzten 300 Jahre jenseits normativer Debatten um Normalität zu begreifen und praxeologische Unterscheidungen zur sozialen Logik des Singulären und Allgemeinen, zur Bedeutung von Maß und Mitte, Mittelmaß und Durchschnitt neu zu stellen. Reckwitz’ Analyse der Gesellschaft synthetisiert somit nicht nur historische und soziologische Forschungen der letzten Jahre, sondern eröffnet zugleich neue Diskussionen und regt zum Nachfragen an. Daher ist dem Buch, trotz mancher Zuspitzung, eine breite Leserschaft zu wünschen.