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Einzelrezension

Zukunft als Themenfeld und theoretische Herausforderung


Abstract

The Future as a Topic and Theoretical Challenge

Keywords: Hölscher, Lucian, 2017, Zukunft, historische Zukunftsforschung, 20. Jahrhundert

How to Cite:

Spakowski, N., (2019) “Zukunft als Themenfeld und theoretische Herausforderung”, Neue Politische Literatur 64(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-018-0003-8

Rights:

© The Author(s) 2019 under CC BY International 4.0

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Published on
2019-01-16

Hölscher, Lucian (Hrsg.): Die Zukunft des 20. Jahrhunderts. Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung, 322 S., Campus, Frankfurt a. M. 2017.

„Die Zukunft des 20. Jahrhunderts“ ist der Titel eines Forschungsnetzwerkes, das Lucian Hölscher 2014 ins Leben gerufen hat und das an sein Pionierwerk „Die Entdeckung der Zukunft“ (1999) anknüpft. Beiträge aus diesem Netzwerk sind in dem von ihm herausgegebenen und hier zu rezensierenden Band versammelt. Er ergänzt eine Reihe von jüngeren, deutschsprachigen Sammelbänden zur historischen Zukunftsforschung, die von Hölscher 2016 besprochen wurden (in: Neue Politische Literatur 61 (2016), H. 1, S. 47–62). Diese Bände belegen, dass sich die historische Zukunftsforschung als eigenes und produktives Forschungsfeld etabliert hat. Maßgebliche Impulse bezieht sie dabei zum einen aus der im Wesentlichen von Reinhart Koselleck eröffneten, fundamentalen Neuvermessung von Zeitlichkeit, die mit Begriffen wie „Zeitregime“ und „Zeitordnung“ mittlerweile einer größeren Systematisierung zugeführt wurden. Zum anderen bleiben die Verhandlung und Generierung von Zukunft in Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel oder Finanzkrise drängende Anliegen der Gegenwart, die in der historischen Reflexion an Kontur gewinnen. So liefert auch der vorliegende Band sowohl theoretische Impulse als auch Einblicke in empirische Felder eines breiteren Themenspektrums.

In der Einleitung vermisst der Herausgeber das gesamte Forschungsfeld nach den grundlegenden theoretischen Herausforderungen und speziell der Frage, wie sich Zukunft in Konzepten historischer Zeit darstellt. Ausgehend von der „Kontingenz kommender Erfahrung“, unterstreicht er insbesondere die Chancen der historischen Zukunftsforschung für die Geschichtsschreibung generell: „Insgesamt kann die Geschichte der vergangenen Zukunft deshalb dazu beitragen, die faktische Geschichte um die Vielzahl ihrer jeweils kontingenten Möglichkeiten zu erweitern und so ein Bild der Vergangenheit zu gewinnen, das auch deren Zukunft mit einschließt“ (S. 15). Fernando Esposito führt in seinem Beitrag zur „Posthistoire“ die verschiedenen ereignisgeschichtlichen und geschichtstheoretischen Elemente zusammen, die das „Ende der Geschichte“ und, damit verbunden, die „Schließung der Zukunft“ im Sinne eines „verdunkelte[n] und verengte[n] Erwartungshorizont[es]“ (S. 291) begünstigten. Rüdiger Graf problematisiert den Zukunftsbezug der Zeitgeschichte, die, möchte sie der Absage an eine teleologische Geschichtsschreibung treu bleiben, einen eindeutigen Endpunkt ihres Narratives nicht bestimmen kann. Ähnlich wie Hölscher sieht auch Graf hierin eine Chance für Geschichtsdarstellungen, „diese Pluralität der gegenwärtigen Zukunft und die daraus resultierende multiple Ausdeutbarkeit der Gegenwart als zukünftige Vergangenheit in die Analyse einzubeziehen“ (S. 315) und „nicht eine, sondern verschiedene Geschichten zu erzählen“ (S. 317).

Neben diesen drei stark theoretisch akzentuierten Aufsätzen enthält der Band Beiträge zu ausgewählten Themen der historischen Zukunftsforschung. Einige von diesen liegen besonders nahe, weil sie Modi der professionellen Zukunftsgenerierung oder konkrete Zukünfte behandeln, wie sie in der Vergangenheit imaginiert wurden: die Zukunftsforschung in West und Ost in den 1960er Jahren (Elke Seefried); Vorstellungen einer computerisierten Welt von 1945 bis 1990 (Frank Bösch); Katastrophenschutz im 20. Jahrhundert (Nicolai Hannig); Zukunftsvorstellungen in der deutschen Sozialdemokratie von den Anfängen bis zum Ersten Weltkrieg (Thomas Welskopp) und vom Ersten Weltkrieg bis heute (Stefan Berger) sowie die postapokalyptischen Szenarien in den literarischen Texten von Arno Schmidt und Marlen Haushofer (Stefan Willer). In anderen Themenfeldern wird „Zukunft“ erst aus umfassenderen Zeitordnungen extrahiert: Zeitpraktiken im Ersten Weltkrieg, wie sie sich in Kriegstagebüchern niederschlagen und keineswegs nur auf die Gegenwart kaprizieren (Sabine Mischner); die zwischen Rastlosigkeit und immerwährender Ordnung changierende Zeitordnung des Nationalsozialismus (Anselm Doering-Manteuffel); die nicht gelungene Verständigung über Vergangenheit und Zukunft in zwei Generationen der deutschen Jugendbewegung (Jürgen Reulecke) sowie Zukunft in der Altersforschung, der es gelang, Alter zu entpathologisieren und mit der Fortschrittsideologie des 20. Jahrhunderts in Einklang zu bringen (Helge Jordheim).

Der Band ist dort besonders anregend, wo er über die „Zukunftsthemen“ im engeren Sinne (Planung, Katastrophe, Utopie, Nachhaltigkeit und andere) hinausweist – hier hat die Geschichtsschreibung zu Deutschland und Europa bereits gute Fundamente gelegt – und stattdessen Zukunft als grundsätzliche Dimension der Geschichtswissenschaft ‚entdeckt‘. Wesentliche Potenziale des Forschungsfeldes liegen erstens in der Weiterentwicklung der geschichtstheoretischen Überlegungen: Wie können die insbesondere von Hölscher und Graf vorgebrachten theoretischen Anregungen zur Pluralität der Möglichkeiten des historischen Verlaufs in eine Pragmatik der Geschichtsdarstellung übersetzt werden? Zweitens ist Zukunft als integraler Bestandteil von Konzepten des Zeitverlaufs immer und in jedem Gegenstand der Geschichtsschreibung präsent. Gerade der Beitrag von Jordheim, der das vermeintliche Gegensatzpaar von Alter und Zukunft thematisiert, belegt nicht nur das hohe Potenzial der historischen Zukunftsforschung in scheinbar abwegigen Themen, sondern auch die Wirksamkeit diskursiver Zukunftsbezüge. Eine Leerstelle des Bandes liegt in der Frage nach der Spezifik der Zukunft des 20. Jahrhunderts. Muss dieses nicht dezidiert als globales Jahrhundert verstanden und dann in den je eigenen Ausprägungen, Transfers und Verflechtungen von westlicher und außereuropäischer Welt thematisiert werden? Nicht alle Regionen der Welt sehen sich heute am ‚Ende der Geschichte‘, und Zeitverlaufsvorstellungen und Positionierungen in der Zeit fußen und fußten stets auch auf gegenseitigen Spiegelungen, auf Orientalismen und Okzidentalismen. Die Zukunft des 20. Jahrhunderts war geprägt von globalen Formationen, Prozessen und Ereignissen. Dies zeigen im Ansatz bereits die Beiträge von Doering-Manteuffel und Seefried, die Nationalsozialismus und Stalinismus beziehungsweise „West und Ost“ der Nachkriegszeit aufeinander beziehen. Eine Öffnung der historischen Zukunftsforschung gegenüber der außereuropäischen Geschichte würde den globalen Charakter der „Zukunft des 20. Jahrhunderts“ noch deutlicher machen.