Rojek, Tim: Hegels Begriff der Weltgeschichte. Eine wissenschaftstheoretische Studie, 310 S., De Gruyter, Berlin u. a. 2017.
Der Befund mag zunächst überraschen: Die Geschichtswissenschaft hat sich nie ernsthaft mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel auseinandergesetzt. Eine Ursache für diesen Befund, von dem Tim Rojeks Studie ausgeht, liegt darin, dass sich die Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert als Wissenschaft erst noch konsolidieren musste. Dies strebte sie nicht zuletzt mittels bewusster „Enthaltung hinsichtlich philosophischer Grundlagenfragen“ (S. 5) zu erreichen, und Hegels Geschichtsphilosophie „fungierte dabei als einer der Marksteine desjenigen Vorgehens, von dem man sich kritisch abzusetzen suchte“ (ebd.) – was wesentlich zur nachhaltigen Diskreditierung Hegels beigetragen hat.
Deshalb tragen die Historiker aber nicht etwa die Hauptverantwortung für das Ausbleiben der Debatte. Die Hauptverantwortung liegt, wie Rojek im ersten Kapitel herausarbeitet, vielmehr aufseiten der sogenannten „Freunde des Verewigten“. So bezeichnete sich ein kurz nach Hegels Tod gegründeter Verein, der dessen Werke unter der Zielsetzung neu herausgab, „einen möglichst abgeschlossenen und vollständigen Eindruck von Hegels Philosophie zu geben“ (S. 13, Hervorhebung im Original). Die Verfolgung dieses Ziels ließ die ‚Freunde‘ zu philologisch äußerst fragwürdigen Mitteln greifen, insbesondere bei zu Hegels Lebzeiten nicht Publiziertem. Deshalb hebt Rojek zurecht hervor, dass die ‚Freundesvereinsausgabe‘ – die lange die einzige blieb, in der die geschichtsphilosophischen Erwägungen (vermeintlich) Hegel’scher Provenienz nachgeschlagen werden konnten – „kaum für eine detaillierte inhaltliche Auseinandersetzung“ (S. 17) mit der Philosophie Hegels taugt. Indem sich die Rezeption seiner Geschichtsphilosophie – anfangs notgedrungen – aber fast ausschließlich auf diese Ausgabe stützte, verabschiedete sie sich de facto „frühzeitig von einer textnahen Deutung“ (S. 4).
Hieraus wird ersichtlich, weshalb die Kenntnis der Editionsgeschichte der Hegel’schen Geschichtsphilosophie unabdingbar für das Verständnis ihrer Rezeptionsgeschichte ist. Letztere erfolgte weitgehend auf philologisch inadäquater Grundlage. Dies motiviert Rojeks Projekt: Es erarbeitet unter philologisch strengen Maßstäben allererst eine adäquate Grundlage für eine geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Hegel. Diesem Zweck dient das mittlere und längste von drei Kapiteln, das als das eigentlich wissenschaftstheoretische gleichsam den Kern der Studie bildet. Hier rekonstruiert Rojek fast ausschließlich aus zwei historisch-kritisch edierten geschichtsphilosophischen Manuskripten Hegels formale Geschichtsphilosophie. Da Hegel vor allem als Vertreter einer materialen Geschichtsphilosophie bekannt ist – die mit der Entwicklung der formalen so sehr in Misskredit geriet, dass sie „heute weithin als obskure Disziplin fragwürdiger Observanz“ (S. 2) gilt –, soll im Folgenden dieses zweite Kapitel im Fokus stehen.
Das Kernkapitel zeichnet Hegels differenzierte Verhältnisbestimmung zwischen Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie nach. Zunächst entwickelt Hegel eine methodische Differenzierungsgeschichte der ersteren und zeigt auf, wie „sich die verschiedenen Formen der Geschichtsschreibung methodisch auseinander entwickeln“ (S. 131). Dabei berücksichtigt er – „anders als die moderne analytische Geschichtsphilosophie“ (S. 163; vgl. 287) – auch „die Genese der Geschichtsschreibung selbst“ (ebd.) und reflektiert bereits deren narratives Moment. Die „Konstruktionsleistung des Historikers“ (S. 67) sucht Hegel einzufangen, indem er dessen notwendig durch den Zeitgeist geprägten Erkenntnisinteressen methodisch gesichert auszuweisen sucht. Mit derartigen methodischen Überlegungen leistet Hegel, so führt Rojeks Studie deutlich vor Augen, in Wahrheit sogar einen wichtigen Beitrag zur „Ausbildung einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung“ (S. 193).
Hegel zufolge baut Geschichtsphilosophie auf dieser Grundlage auf. Sie habe die kategorialen Strukturen freizulegen, auf denen ‚wissenschaftliche‘ Formen der Geschichtsschreibung immer schon basieren, um ihre Quellen überhaupt „als Quellen“ (S. 182, Hervorhebung im Original), mithin als Objekte ihrer Wissenschaft identifizieren zu können – so zeichnet Rojek den Gehalt der zu Unrecht berüchtigten ‚Vernunftthese‘ Hegels als Ermöglichungsbedingung der Geschichtsschreibung nach. Insofern die Geschichtsphilosophie auf deren Forschungsergebnissen aufbaut, ist sie einerseits abhängig von ihr und muss andererseits stets deren methodische Standards wahren. Demgemäß darf sie den Gegenstand ‚Weltgeschichte‘ weder vollständig apriorisch betrachten (vgl. S. 192 sowie 178f.), noch tritt sie in ein „Konkurrenzverhältnis“ (S. 192) zur Geschichtsschreibung. Gleichwohl agiert Hegel insofern als normativer Wissenschaftstheoretiker, als er die Voraussetzungen explizit zu machen fordert, die bei der wissenschaftlichen Arbeit (oft unbewusst) in Anspruch genommen werden. Historiker müssen ihre jeweiligen Erkenntnisinteressen und „nicht-philosophischen theoretischen Annahmen, die den jeweiligen Zugriff auf die Quellen und die Forschungsliteratur anleiten“ (S. 187), offenlegen. Ohne solche Selbstreflexion ist wissenschaftliche Redlichkeit unmöglich.
Insgesamt zeigt Rojeks Studie, dass Hegel über eine Theorie sowohl einer „methodisch-genetische[n] Organisation der Geschichte der Geschichtsschreibung“ als auch einer „normative[n] und rekonstruktive[n] Wissenschaftstheorie“ verfügt (S. 214). Zwar müssten einige ‚Hintergrundthesen‘ des Buches kritisch befragt werden; so scheint es beispielsweise nicht unbedingt gerechtfertigt, Hegel eine derart starke Überzeugung zu unterstellen, sein philosophisches System sei „alternativlos, infallibel und abgeschlossen“ (S. 215 et passim; vgl. dagegen das Hegelzitat auf S. 217). Einwände dieser Art müssen aber andernorts, namentlich innerhalb der philosophischen Fachdisziplin diskutiert werden. Hier bleibt stattdessen, sich Rojek ausdrücklich in der Hoffnung anzuschließen, seine Arbeit möge der „systematische[n] Debatte um Geschichtsphilosophie und Geschichtsschreibung durch die Auseinandersetzung mit Hegel neue Impulse“ (S. 4) versetzen.