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Warum ist die Demokratisierung Russlands gescheitert? Guillaume Sauvé bereichert die wissenschaftliche Debatte zu diesem Thema um eine ideengeschichtliche Interpretation, in deren Zentrum die liberale Intelligenzija im Zeitraum von 1987 bis 1993 steht. Er argumentiert, dass ihr Aufstieg an die Spitze der demokratischen Bewegung während der Perestrojka zu einem Pyrrhussieg wurde. Die Weigerung, sich als autonome Opposition gegen die autoritär agierende Exekutive zu konstituieren, mündete seit 1993 in die Marginalisierung des liberalen Lagers.

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In den ersten beiden Kapiteln charakterisiert der Autor den spätsowjetischen Liberalismus als eine intellektuell-politische Strömung, die eine Reaktion nicht auf den Bankrott der marxistisch-leninistischen Ideologie, sondern auf die Wahrnehmung eines tiefen moralischen Verfalls der Gesellschaft darstellte. Im Unterschied zu konservativ-nationalistischen Intellektuellen, die Moral im individuellen Gewissen verorteten und daher eine Rückbesinnung auf „traditionelle Werte“ forderten, machten die Liberalen die „künstlichen Strukturen des administrativen Kommandosystems“ für den allgegenwärtigen Zynismus und die Heuchelei verantwortlich. Mit ihrer Forderung, den Pfad der „natürlichen Entwicklung“ einzuschlagen, um in die durch den Westen verkörperte „zivilisierte Welt“ mit ihren universellen Werten zurückzukehren, erlangten sie 1987 die öffentliche Deutungshoheit.

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Die Liberalen vertraten im „Kampf um die Herzen und Hirne“ der Sowjetbürger einen widersprüchlichen „moralischen Monismus“, wie Sauvé in Kapitel 3 zeigt. Einerseits lehnten sie jegliche Zensur ab und bekannten sich zu Gewissensfreiheit und Pluralismus. Andererseits traten sie im Namen der „moralischen Wahrheit“ kompromisslos gegen die Positionen ihrer kommunistischen und nationalistischen Widersacher auf. Politische Auseinandersetzungen resultierten in ihrer Sicht aus binär kodierten Wertekonflikten und nicht aus unterschiedlichen, institutionell vermittelbaren Interessen.

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Im vierten Kapitel analysiert der Autor die zögerliche, reaktive Radikalisierung der liberalen Intelligenzija im Verlaufe des Jahres 1989. Sie stand vor einem Dilemma: Einerseits positionierte sie sich zunehmend eindeutiger gegen das Sowjetsystem. Andererseits trieb die sowjetische Regierung unter Gorbatschow die ersehnten Reformen zur Erneuerung der Gesellschaft voran, weshalb sie Unterstützung verdiente. Auch als die Wahlen zum Obersten Sowjet den politischen Pluralismus faktisch durchgesetzt hatten, sprachen sich die Liberalen mehrheitlich dagegen aus, sich als autonome politische Kraft zu organisieren. Die institutionelle und rechtliche Ausgestaltung der Demokratie erschien ihnen gegenüber dem Kampf für die Wahrheit als nachrangig. Gleichzeitig plädierten einige liberale Intellektuelle erstmals offen für die Übergabe der politischen Macht an eine „harte Hand“, deren Mission es sei, den Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft gegen alle Widerstände durchzusetzen (Kapitel 5).

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Vom gleichen strategischen Dilemma waren Sauvé zufolge die Jahre 1991 bis 1993 geprägt – nun jedoch bezogen auf die Regierung Russlands (Kapitel 6). „Moderate“ und „radikale“ Liberale verband zwar eine antikommunistische Grundhaltung sowie die Skepsis gegenüber der Theorie der autoritär-technokratischen Transition. Die Moderaten unterstützten aber Boris Jelzin dennoch vorbehaltlos, weil er Demokratie einzuführen versprach und damit eine Ordnung, mit der sie die Verwirklichung von Moral und Fortschritt verbanden. Auch aus Furcht vor einer „kommunistischen Revanche“ oder einem „revolutionären Chaos“ stellten sie sich hinter ihn, als er den Konflikt mit dem Obersten Sowjet im Jahr 1993 gewaltsam beendete. Bezeichnenderweise bewegte sich auch Jelzin selbst innerhalb des Moraldiskurses, als er bekundete, sein „Gewissen“ sei die einzig wirksame Form von checks and balances seines Handelns (S. 163).

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Infolge dieser Entscheidung, so Sauvé, manifestierte sich das Dilemma der Liberalen, das zwischen politischer Opposition und moralisch gebotener Konsolidierung der Exekutive bestand, fortan als Alternative zwischen politischer Irrelevanz und Kooptation in das Regime. Gleichzeitig unterminierte ihre Haltung auch die Selbstwirksamkeitserfahrung der Bevölkerung während der Perestrojka, die – ebenso wie die moralischen Eliten – Ergebnisse über Verfahren priorisierte und die Zerstörung der Demokratie hinnahm.

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Die Studie, eine leicht erweiterte Fassung der 2019 auf Französisch erschienenen Monografie, besticht durch ihre Methode, die strategischen Entscheidungen der liberalen Intelligenzija aus deren gesellschaftstheoretischen Positionen herzuleiten und historisch zu kontextualisieren. Sauvé setzt einen komplexen, ebenso detailreichen wie spannenden Kontrapunkt zu bisherigen Interpretationen, die er in der binären Sichtweise des Kalten Krieges verwurzelt sieht. Diese führen das Scheitern der Liberalen entweder auf ihren in bolschewistischer Tradition stehenden „Radikalismus“ und die Unfähigkeit zurück, ein konstruktives Programm zu formulieren, oder aber auf exogene Hindernisse, speziell die rückständige politische Kultur Russlands, oder die strukturellen Überforderungen durch die Transformation. Sauvé zufolge verfehlen beide Interpretationen das Wesen des spätsowjetischen Liberalismus, der für einen eigenständigen Zweig liberalen politischen Denkens stehe. Ähnlich wie ein großer Teil der ostmitteleuropäischen Dissidenz habe er sich durch „moralischen Fundamentalismus“ und „politischen Perfektionismus“ ausgezeichnet, die im westlichen Liberalismus jener Zeit nur eine marginale Rolle spielten; seine Attraktivität bezog er aus der Verbindung des liberalen Gesellschaftsmodells mit romantischen Vorstellungen einer harmonischen Entfaltung des Individuums und einer „organischen“ Entwicklung der Gesellschaft.

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Nach einer Analyse heute weitgehend vergessener Projekte einer autonomen liberalen Opposition (Kapitel 7), die zeigen soll, dass die Entscheidung zugunsten der Unterstützung eines „demokratischen Diktators“ nicht unausweichlich war, diskutiert Sauvé diesen Liberalismus im Schlusskapitel nicht nur als Erbe des Sozialismus, sondern auch als Illustration der unauflöslichen Widersprüche, die einer der zentralen Fragen der politischen Philosophie innewohnen: „Are there shared moral norms that are prerequisites for the lasting establishment of democracy, and if so, how can they be nurtured?“ (S. 189). Damit schlägt der Autor eine Brücke zwischen dem politischen Drama, das sich in einer entscheidenden Phase der jüngsten Geschichte Russlands abspielte, und einem nicht nur zeitlosen, sondern auch außerordentlich aktuellen Problem.