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Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist aus verschiedenen Blickwinkeln geschrieben worden. Rhena Stürmer eröffnet nun eine neue Perspektive, indem sie organisations-, ideen- und sozialgeschichtliche Ansätze mit einem kollektivbiografischen Ansatz verbindet. Sie möchte damit dem Denken und Wirken einer vierköpfigen Gruppe von deutschen Linkskommunisten auf die Spur kommen, die in den 1880er Jahren geboren wurden und mehrere politische Herrschaftsformen durchlebten. Die fulminante Studie, die an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) als Dissertation eingereicht wurde, beeindruckt durch eine bravouröse Quellenrecherche, eine sorgfältige Auswertung der unterschiedlichen Quellen sowie eine stupende Kenntnis der Forschungsliteratur. Dass das Thema dennoch weder im Material erstickt noch in Spezialwissen untergeht, ist dem klaren Aufbau der Arbeit, dem luziden Untersuchungsgang, einem verständlichen Sprachgebrauch und einer umsichtigen Darstellung komplexer Zusammenhänge zu verdanken.
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Die Protagonisten der Studie – Karl Schröder, Alexander Schwab, Adam Scharrer und Bernhard Reichenbach – wuchsen im wilhelminischen Kaiserreich auf. Keiner von ihnen wurde in die Arbeiterbewegung hineingeboren: Scharrer kam aus einer bäuerlichen Welt und fand während seiner Wanderzeit als Schlossergeselle zur SPD; der aus einem Lehrerhaushalt stammende Schröder gelangte nach der Promotion über die zufällige Bekanntschaft mit Franz Mehring in die Partei. Schwab fand in Karl Korsch einen langjährigen Freund, den er in Eugen Diederichs jugendbewegtem Serakreis in Jena getroffen hatte. Beide lernten den Kaufmannssohn Reichenbach in der freistudentischen Bewegung Berlins kennen.
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Während die Russische Revolution für ihre weitere politische Sozialisierung keine erkennbare Rolle spielte, verhielt sich dies mit der Haltung der SPD zum Krieg und der Revolution anders. Alle vier radikalisierten sich in der Revolution 1918/19, engagierten sich in oder für die KPD, trennten sich schon bald von ihr und fanden sich im April 1920 in der KAPD wieder. Doch auch diese zweite kommunistische Partei war alles andere als politisch homogen, reichte sie doch von den Hamburger „Nationalbolschewisten“ bis zu den Dresdner Rätekommunisten. Scharrer, Schröder, Reichenbach und Schwab setzten unverdrossen auf den Aufstand der Arbeiterbewegung, agitierten gegen Parteien, Parlamente und Gewerkschaften. So weit, wie sich die Linkskommunisten vom demokratischen Sozialismus entfernt hatten, so nah standen sie mit ihrem Maximalismus und Voluntarismus in dieser Zeit doch der KPD. Aus dem Scheitern der KAPD und dem Niedergang der mit ihr affiliierten Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands (AAUD, die zeitweilig nach dem „Alten Verband“ zweitstärkste Bergarbeiterorganisation) zogen die vier Häretiker keine wirklichen politischen Konsequenzen. Unter der leicht euphemistischen Kapitelüberschrift „Die Erweiterung der politischen Praxis“ schildert Stürmer, wie Schröder und Reichenbach die SPD zu unterwandern suchten, und beschreibt Scharrers Versuche, die KAPD zu reanimieren, was in seinem Ausschluss aus der AAUD endete, weil er in KPD-Medien publiziert hatte. Schwab reüssierte als Pressesprecher der neuen Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, nicht ohne diese Position im öffentlichen Dienst für die linkskommunistische Netzwerkarbeit auszunutzen.
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Schröder, Reichenbach und Schwab setzten dagegen ihre entristische Arbeit in der SPD mit dem Zeitschriftenprojekt „Der Rote Kämpfer“ fort. Sie organisierten so lange Widerstand gegen den Nationalsozialismus, bis Schröder und Schwab inhaftiert wurden und Scharrer und Reichenbach emigrieren mussten. Scharrer ging nach Moskau, arrangierte sich mit den dortigen Machthabern und entging der Verfolgung, weil er kein Mitglied der KPD war. Reichenbach fasste im Londoner Exil allmählich Fuß, Schröder kam 1940 aus dem NS-Haftsystem heraus und überstand den Krieg; Schwab dagegen starb 1943 im Zuchthaus Zwickau.
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Nach 1945 trennten sich die politischen Wege der drei Überlebenden. Schröder versuchte bis zu seinem Tod 1950 vergeblich, die alten „Roten Kämpfer“ zu sammeln, Scharrer füllte als „Bauernschriftsteller“ in Schwerin eine Nische im SED-Regime. Nur Reichenbach brach mit seiner sektiererischen Vergangenheit und bereute die eigene „intransigente Geisteshaltung“ (S. 339), die in die politische Isolation geführt habe. Die endlosen Scharmützel unter den Linksparteien betrachtete er im Nachhinein als „glattes Irrenhausbenehmen“ und bedauerte es, einen politischen „Reinheitsdusel“ (S. 340) gepflegt zu haben, der allzu leicht dazu verleitet habe, sich als ‚besserer‘ Mensch aufzuführen, anstatt konstruktiv an der ersten deutschen Demokratie mitzuwirken.
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Nach dieser Abrechnung ist man vom Fazit der Autorin enttäuscht, weil es auf die Selbstkritik Reichenbachs nicht eingeht. Vielmehr schlägt bei Stürmer nun endgültig die Tendenz durch, den Irrweg der Linkskommunisten durch deren Kritik am „Bolschewismus“ zu eskamotieren. Aber nicht einmal diese Kritik kann durchgehend bestehen – man denke etwa an die Vorwürfe der KAPD an Lenin, mit seiner Neuen Ökonomischen Politik im Bündnis mit den Bauern den Kapitalismus in Russland rehabilitiert zu haben. Ob die Linkskommunisten wirklich als die ‚besseren‘ Kommunisten gelten können, ist nicht nur deswegen zweifelhaft.
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Im Dunklen bleibt auch die Haltung der vier Protagonisten zur Frage der politischen Gewalt. Dabei kostete der Mitteldeutsche Aufstand 1921 über 150 Menschenleben, und als Adam Scharrer in den 1930er Jahren bei seinem Aufenthalt in Malodolynske mit den Folgen des Holodomor in Berührung kam, camouflierte er diesen gleichsam als ‚natürliche‘ Hungersnot. Am Ende des Buches entsteht daher der Eindruck, die Autorin suche eher nach äußeren Erklärungen, um die Fehler und inneren Widersprüche linkskommunistischer Gesinnung zu entschuldigen, anstatt die Ursachen für deren Scheitern in einem Verständnis „von Politik als ganzheitlicher Gestaltung der Lebensweise von unten“ (S. 351) zu suchen. Letztlich lag diesem Scheitern doch die Hybris einer elitären Haltung zugrunde, die meinte, die Arbeiterklasse auf die ‚richtige‘ Art und Weise belehren und bevormunden zu können.