[1]

Die ‚primäre‘ Grundlagenforschung zum Zeitalter der Weltkriege gerät zunehmend in Schwierigkeiten, da die großen Quellenbestände abgearbeitet sind. Außer bei Restforschungsthemen kommt man in Bedrängnis, nichts Neues mehr beitragen zu können, wollte man nicht in wenig überzeugende Ansätze zu Neuinterpretationen verfallen, etwa durch die Konzentration auf schwammige und wenig taugliche Leitbegriffe wie „Effizienz“. Die Komparatistik, die auch in der Militärgeschichte durchaus gute Ergebnisse erzielt hat, bleibt in diesem Kontext ein zentraler Weg für neue Erkenntnisse.

[2]

In diesem methodischen Spannungsfeld bewegt sich die Arbeit von Markus Pöhlmann. Er untersucht die Geheimdienste der drei wichtigsten europäischen Mächte Deutschland, Frankreich und Großbritannien von 1871 bis zum Ersten Weltkrieg im Vergleich, dies unter der Leitfrage, wie die Nachrichtendienste das Wissen über ihre potenziellen Gegner produzierten und organisierten. Der Autor, ein anerkannter Experte zum Zeitalter der Weltkriege, nähert sich dem Thema auf der Grundlage großer Erfahrung und mit entsprechend reichhaltigem Wissen. Standardmäßig wendet er dabei ein bereits etabliertes methodisches Instrumentarium an, hier insbesondere ein Netzwerk aus mehrschichtigen Kategorien. Zunächst verweist Pöhlmann auf besondere Problembereiche, auf Sprache, das „Geheime“ als spezifischen Aspekt und auf „Hierarchie“. Für die Untersuchung der Rahmenbedingungen kommen dann Standardperspektiven zum Einsatz: Raum, Nation, Staat und politische Kultur, Wissen, Sicherheit sowie das jeweilige Offizierskorps. Ansatzweise berücksichtigt er auch diskursanalytische Methoden. Das ganze Werk hat Handbuchcharakter, trägt den Forschungsstand zusammen, ordnet ihn vergleichend neu an und versucht dann eine Analyse.

[3]

Pöhlmann geht deduktiv von den methodischen Rastern hin zur Quellenbasis vor. Für einen wirklichen Erkenntnisgewinn wäre ein induktives Vorgehen notwendig, sprich zunächst Konzentration auf und Auswertung der Quellen und erst danach die Anwendung eines analytischen Instrumentariums. Denn die Frage ist, ob der Grundcharakter von Herrschaftsordnungen oder ihrer Elemente gewinnbringend verglichen werden kann, indem man vorwiegend relative Größen wie Raum, Zeit, Wissen et cetera betrachtet.

[4]

Ein markantes Defizit bilden die vom Autor sicherlich nicht zu verantwortenden Lücken und die Episodenhaftigkeit der historischen Substanz. Die untersuchten Fallbeispiele, etwa das des preußischen Polizeibeamten Wilhelm Stieber 1871, des Spionagebetrügers Hendrik Reeser 1892 oder die Ausspionierung deutscher Aufmarschpläne beziehungsweise der deutschen Nordseeküste Anfang des 20. Jahrhunderts, bieten ein sicherlich interessantes und lesenswertes Portefeuille, können aber kaum eine systematische Basis für einen tiefergehenden Vergleich bieten. Pöhlmann muss daher im Fazit aus seiner großen Forschungserfahrung ergänzen, zu viel wird dabei aus den Rahmenbedingungen abgeleitet und bleibt im Allgemeinen.

[5]

Dass etwa die stark entwickelten französischen Geheimdienste die gesellschaftliche Paranoia nach der Niederlage von 1871 noch befeuerten, in Deutschland und Großbritannien – letzteres betrieb ohnehin eher im imperialen Zusammenhang ausgeprägte Intelligence – hingegen noch Entwicklungsbedarf bestand, ist ganz interessant, jedoch wenig verwunderlich. Die Bedeutung von politischer Kultur und Verwissenschaftlichung wird gut dargestellt, bietet für den Vergleich der Nachrichtendienste indes nur blasse Ergebnisse. Der Einfluss des Militärs wird trotz vieler interessanter Aspekte nicht ganz klar. Einerseits berichtet Pöhlmann von einer Einhegung durch zivile Akteure, andererseits spricht er vom Militär als „Mutterschiff“ der Geheimdienste, wie wir sie heute kennen (S. 214f.). Letztere These ist ohne Zweifel sehr diskussionswürdig. Die Rolle der Nachrichtendienste im Vorfeld des Ersten Weltkriegs bleibt ebenfalls eher an der Oberfläche, dies – wie Pöhlmann durchaus zutreffend konstatiert – unter anderem aufgrund der „Monstrosität“ der Debatte um die Kriegsschuld. Hier müsste einmal weitergedacht werden. Anstatt sich immer wieder in innereuropäische Schulddebatten zu vergraben mit steter Gefahr, Nationalismen zu bedienen, wäre es an der Zeit, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen und Europas Position in der gefährlichen globalen Sicherheitslage als methodische Grundfrage zu betrachten. Leider sind einige Ansätze, wie etwa der von Stig Förster zum Vergleich mit dem Kalten Krieg (S. 214), versandet.

[6]

Komparatistische Arbeiten müssen keineswegs stets in allen Teilabschnitten völlig neue Quellenforschungen bieten – eine derartige Annahme ist ein schwerwiegender Irrtum. Vergleich muss immer substanziell auf vorgeleistete Forschung zurückgreifen. Entscheidend ist aber, dass eine ausgedehnte, tragfähige Quellentextur zum Kernthema erschlossen und dann erst verglichen wird. Wenn der Vergleich jedoch nicht nur als untergeordnetes Nebeninstrument ohne wirklich neues Erkenntnispotenzial Anwendung finden soll, müssen gesellschaftliche, politische und organisatorische Großbereiche im Gesamtzusammenhang systematisch auf breiter Basis aus einer Makroperspektive in den Blick genommen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Vergleichen immer auch Relativieren und Abstrahieren bedeutet.

[7]

In Teilen der deutschen Militärgeschichte droht der Stillstand – zumindest, wie in der Vergangenheit immer wieder geschehen, solange Ansätze zu einer neuen Terminologie lediglich als ‚störend‘ empfunden werden, anstatt sie zu diskutieren, Vergleiche eher als Geschäft einer allgemeinen Nebeneinanderstellung betrieben werden, wie etwa in einer Studie zum Bombenkrieg gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg, oder mit dem Verweis als ‚unnötig‘ bezeichnet werden, es sei doch klar, dass der britische Parlamentarismus ja allein ein schon so offensichtliches Unterscheidungsmerkmal zu einer Diktatur darstelle. Die politischen Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass der Hinweis auf den Parlamentarismus nicht ausreicht, um den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur zu beleuchten. Gerade deswegen muss auf Basis des schon lange vorhandenen methodischen Instrumentariums verglichen werden. Pöhlmann hat mit seiner Arbeit immerhin einen Schritt in die richtige Richtung unternommen. Indes müssten noch viele weitere folgen. In der Zwischenzeit bleiben vergleichende Arbeiten in der Militärgeschichte Ausnahmeerscheinungen.