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Das International Military Tribunal for the Far East saß von April 1946 bis November 1948 in Tokio über 28 militärische und zivile Anführer des besiegten Japan zu Gericht. Es ging zurück auf den Wunsch des amerikanischen Kriegsministers Henry L. Stimson, mögliche Rachegelüste gegenüber einem brutalen Gegner mit den Mitteln des Rechts im Zaum zu halten. Anders als in Europa, waren die USA auf dem asiatischen Kriegsschauplatz die dominierende Siegermacht, und so fiel es dem allmächtigen „Prokonsul“ in Japan, General Douglas MacArthur, zu, den Gerichtshof einzusetzen. Unter dem Vorsitz eines australischen Richters wurden Juristen aus Kanada, Neuseeland, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, der Sowjetunion und den USA beteiligt. Asien war durch Richter aus Indien, China und den Philippinen vertreten. Sämtliche Angeklagte wurden schuldig gesprochen, sieben von ihnen zum Tode verurteilt. Auf Betreiben der USA wurde Kaiser Hirohito, an dessen Verstrickung in den Aufstieg des japanischen Militarismus kaum jemand zweifelte, ebenso wenig belangt wie die Führungsriege der großen Mischkonzerne, der zaibatsu, die im imperialen militärisch-industriellen Komplex eine zentrale Rolle gespielt hatten.
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Das Tokioter Kriegsverbrechertribunal schloss an einige juristische Neuerungen des im Oktober 1946 beendeten Nürnberger Prozesses an – etwa an das Prinzip der individuellen Verantwortlichkeit für Untaten in staatlichem Namen – war aber keine unmittelbare Kopie des Verfahrens gegen die NS-„Hauptkriegsverbrecher“. Der Prozess in Tokio gab sich eine tiefere historische Dimension, indem er die Ursachen der japanischen Kriegspolitik bis zur imperialen Expansion in die Mandschurei 1931 zurückverfolgte. Dies wurde juristisch durch die neue Konstruktion von „Verbrechen gegen den Frieden“ abgedeckt. Zeitlich fiel das Verfahren in den beginnenden Kalten Krieg. Es stellte einen der letzten gemeinsamen Auftritte der antifaschistischen Weltkriegsallianz dar. Die USA waren zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr an einer harten Bestrafung eines künftigen antisowjetischen Verbündeten interessiert. Zugleich verlief der Prozess parallel zur Anfangsphase der asiatischen Dekolonisation. Während der Sitzungsperiode gewannen die beteiligten Länder Indien und die Philippinen ihre Unabhängigkeit. Die Philippinen saßen als einzige Repräsentanz der südostasiatischen Opfer des japanischen Imperialismus auf der Richterbank. Die frühere japanische Kolonie Korea war nicht vertreten.
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Während der Tokioter Prozess in Asien nie vergessen wurde, spielt er bis heute im westlichen Geschichtsbewusstsein eine geringe Rolle. Gary Bass, der als Professor für Politik und internationale Beziehungen in Princeton lehrt, will dies mit einem Buch ändern, das auf 48.000 Seiten offizieller Prozessdokumentation, ausgedehnten Archivstudien und zahlreichen Interviews beruht. Als erfahrener Reporter und Journalist, der unter anderem für den „Economist“ gearbeitet hat, belebt er die überaus detailreiche Darstellung mit geradezu romanhaft profilierten Porträts der Angeklagten und vor allem der Richter. Der Gerichtshof, in dem man unter den Juristen weniger harmonisch miteinander umging als in Nürnberg, wird zur Bühne für markante Persönlichkeiten: den eitlen und cholerischen Vorsitzenden Sir William F. Webb, den intellektuellen Niederländer Bert Röling oder den unbeholfenen Amerikaner Joseph B. Keenan. Besonders eindrücklich wird der chinesische Richter Méi Rǔ'áo vorgestellt, der von Chiang Kai-sheks Guomindang-Regierung nach Tokio entsandt worden war: ein brillanter Jurist, Moralphilosoph und patriotischer Vertreter des Landes, das am meisten unter japanischer Aggression und Besatzung gelitten hatte. Später ging er nicht nach Taiwan, sondern in die Volksrepublik China und wurde 1973 ein Opfer von Mao Zedongs Kulturrevolution.
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Überall in Asien ist der Tokioter Kriegsverbrecherprozess bis heute durch das mehr als tausendseitige Sondervotum des indischen Richters Radhabinod Pal berühmt. Pal entlastete Japan in allen Anklagepunkten, oft unter bizarrer Missachtung unstreitiger historischer Sachverhalte. Deshalb wird er bis in die Gegenwart von der japanischen Rechten gefeiert. Aber auch Postkolonialisten können sich mit einigen seiner Bewertungen anfreunden, denn Pal sah den Zweiten Weltkrieg als einen Kampf der Imperien und Japan als ein aufstrebendes asiatisches Reich, das berechtigt gewesen sei, sich gegen die westlichen Imperialismen zu wehren. Mochte man in Nürnberg über einen Staat (und seine Vertreter) richten, der das singulär Böse verkörperte, so habe sich Deutschlands ostasiatischer Verbündeter – das ist der Kern des Entlastungsarguments – wie eine ‚normale‘ expansive Großmacht benommen. Eine solche Rechtfertigung von Aggression als Notwehr und präventiver Wahrung eigener ‚Sicherheitsinteressen‘ erfreut sich heute neuer Beliebtheit. Wladimir Putin benutzt sie explizit. Richter Pal gibt hingegen dort zu denken, wo er auf eine gewisse Heuchelei der Schuldzuweisung hinwies. Niemand hat die USA je für das Flächenbombardement japanischer Städte zur Rechenschaft gezogen. Gary Bass ist in seinem eigenen Urteil sehr nuanciert und bleibt nicht bei dem simplen Verdikt der „Siegerjustiz“ stehen. Er geht auch abwägend mit dem schwierigen Thema des Rassismus um. Einem zweifellos vorhandenen japanophoben Rassismus stand die Tatsache gegenüber, dass sich die Japaner gegenüber den angegriffenen asiatischen Völkern als Herrenmenschen verstanden.
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Seit dem Erscheinen des Originals 2023 hat das Buch in völkerrechtlichen Besprechungen einige Federn lassen müssen. So ist ihm vorgeworfen worden, die Legitimität des Tribunals nicht ausreichend diskutiert zu haben. Aus der Sicht des Historikers gelingt es ihm jedoch eindrucksvoll, die nationalspezifischen Hintergründe der einzelnen Akteure in diesem hochpolitischen Prozess sichtbar zu machen. Ob das Verfahren so wichtig für die „Neuordnung Asiens nach 1945“ war, wie Bass behauptet, bliebe zu diskutieren. Bedeutsam war es für Japans Integration in eine „Neuordnung“, über die allein in Washington entschieden wurde. Ansonsten lag es eher quer zu einer keineswegs einmütigen Überwindung des Kolonialismus in Asien. Dass kein Konsens über die Bedeutung von Imperialismus und Weltkrieg erzielt wurde, ist eine der Ursachen für die gegensätzlichen Geschichtsnarrative, die heute in Japan, China, Korea und den Ländern Südostasiens gepflegt werden. Richter Pal benannte einige wunde Punkte, übertrieb aber so maßlos, dass selbst seine eigene Regierung, die des unabhängigen Indien, auf Distanz zu ihm ging.