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Wie der vorliegende Band eindrucksvoll anhand verschiedener Fallbeispiele zeigt, ist kaum ein Gebiet der historischen Sprachforschung komplexer als die Geschichte der wissenschaftlichen Begrifflichkeiten. Dies trifft insbesondere auf die Begriffe solcher Disziplinen zu, die in der Frühen Neuzeit von großer Bedeutung waren, wie die Alchemie und die Medizin. Es ist oftmals schwierig zu rekonstruieren, zu welchem Objekt ein bestimmtes Wort einmal gehört haben mag – genauso, wie zu manchem Objekt der passende Name kaum noch zu identifizieren ist.

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Geschichten von Dingen, die hergestellt, wiederhergestellt und nach einer gewissen Zeit vielleicht auch in modifizierter Weise gefertigt werden, sind eigenständig gegenüber den Geschichten der Begriffe, die zu einem bestimmten Zeithorizont verwendet wurden, dann aber wieder aus der Mode kamen oder weiterentwickelt wurden. Diese Dynamik der voneinander unabhängigen historischen Entwicklungen hat im späten 19. Jahrhundert schon Rudolf Meringer (im Buch leider fälschlich: „Mehringer“, S. 61) klar erkannt, und am Beispiel unzähliger Alltagsobjekte und der dafür in verschiedenen Regionen von deutschsprachigen Bevölkerungen verwendeten Begriffe anschaulich demonstriert. Dass der gesamteuropäische Blick auf Begriffe für wissenschaftliche Objekte eher noch komplexer ist als die historische „Wörter-und-Sachen“-Forschung, darf nicht verwundern.

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Der Fokus des hier zu besprechenden Sammelbandes von Bettina Lindner-Bornemann und Sebastian Kürschner liegt auf Fallstudien von erstaunlicher Differenzierung. Gleich viel, ob es sich dabei um gläserne Gefäße (in der Chemie und Alchemie) oder medizinische Apparate handelt – die Kompendien, Handbücher und Manuale für Arbeitstechniken aus dem Zeithorizont zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert enthalten zahllose Begriffe, die zuzuordnen eine wirklich schwierige Aufgabe darstellt.

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Es fällt dem Rezensenten schwer, eine gemeinsame Klammer für die einzelnen Beiträge zu finden, abgesehen von der verwirrenden Vielfalt der Namen und der Objektformen. Konstruiert man ein hypothetisches Dreieck von Zeit, Materialität und Begrifflichkeit, so ist die Vergeblichkeit jedes Versuches herauszustellen, die Dominanz von einem der drei Eckpunkte zu identifizieren. Manchmal scheint es, als würden technische Innovationen die entsprechenden Experten vergangener Epochen förmlich zwingen, auch neue Begriffe zu finden; in anderen Fällen wiederum ist man verblüfft über die Einheitlichkeit eines Begriffes, der ganz offensichtlich zu unterschiedlichen Zeiten, mitunter sogar aber auch gleichzeitig, deutlich verschiedene Objekte bezeichnet (z. B. der Glaskolben).

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Während die ersten drei Beiträge erkennbar dem Paradigma der alten „Wörter-und-Sachen“-Forschung anhängen, ist der Bezug zum Gesamtthema bei den beiden darauffolgenden Beiträgen weniger deutlich. So definiert Marcus Stelter „Schenken“ als Teil materieller Kultur, anstatt das Schenken als eine „Umgangsweise“ mit Dingen zu verstehen. Dieser Unterschied mag auf den ersten Blick vernachlässigbar erscheinen. Ihn nicht zu beachten, führt hier jedoch dazu, dass weder den Eigenschaften der Dinge noch deren Bezeichnungen größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Auch der Beitrag von Thomas Fuchs über Wilhelm Wundt und dessen Völkerpsychologie verlässt den Bereich materieller Kultur, indem er sich dem Abstraktum der „Völkerpsychologie“ und der Frage nach dem Festhalten an diesem zweideutigen Begriff widmet.

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Positiv hervorzuheben ist der letzte Beitrag von Alexander Waszynski. Er zeigt zunächst die Ungenauigkeit des Begriffes „Mikrobe“ auf. Mit diesem Wort wird alles und zugleich nichts konkret bezeichnet, weil es eben sehr unterschiedliche Lebewesen umfasst. Sodann erläutert der Autor aber anhand der Korrespondenz von Mikrobiologen und Sammlungsverantwortlichen aus dem späten 19. Jahrhundert die sehr gut reflektierte Unsicherheit bezüglich der Taxonomie. Schließlich zeigt sich, dass scheinbar grob vereinfachende sprachliche Differenzierungen sich Jahrzehnte später auch als biologisch-morphologische Unterschiede durchgesetzt haben.

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Der Kontrast zwischen den drei ersten Beiträgen, welche die Ungenauigkeit der Begriffe als Problematik in den Mittelpunkt stellen, zeigt der letzte Beitrag zu einem wissenschaftsgeschichtlichen Objekt des 19. und 20. Jahrhunderts, wie die Sprache selbst zu einem Vehikel aufsteigt, das erneutes und genaueres Beobachten erforderlich macht.

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Es ist schade, dass dieses historisch offensichtliche ,Unentschieden‘ zwischen dem Primat der Sprache und dem Primat des Objektes an keiner Stelle in diesem Band zu einem theoretischen Problem aufgewertet wurde. Überhaupt verweigert sich die äußerst knappe Einleitung (Umfang von nur 4,5 Seiten) jeder tiefergehenden Reflexion über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der in diesem Band versammelten Beiträge. Bei genauerer Lektüre ist die Spannung zwischen den verschiedenen Erwartungen an das Verhältnis von Wort und Objekt in jedem Beitrag spürbar. Leider wird die zwischen den einzelnen Beiträgen deutlich variierende Einschätzung zum Umgang mit dieser Spannung weder in der Einleitung noch in den einzelnen Beiträgen selbst reflektiert. Insofern möchte man den Herausgebern und den Editoren der Buchreihe empfehlen, bei zukünftigen Gelegenheiten der Erörterung dieses Themas deutlichere Vorgaben im Hinblick auf einen gemeinsamen konzeptionellen Diskursraum zu machen.