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Mit „Rheinwissen. Die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt als Wissensregime“ hat Nils Bennemann eine instruktive Studie zur Geschichte internationaler Organisationen, technischer Expertise und transnationaler Infrastrukturpolitik im 19. Jahrhundert vorgelegt. Im Zentrum seiner Essener Dissertation steht die Frage, wie die 1815 gegründete Zentralkommission für die Rheinschifffahrt (ZKR) Wissen über den Rhein erzeugte, ordnete und politisch wirksam machte. Bennemann interessiert sich damit weniger für die klassische Institutionengeschichte der Kommission als vielmehr für ihre Rolle als Produzentin eines spezifischen „Rheinwissens“, in dem sich Aspekte aus Verwaltung, Technik, Recht und Ökonomie miteinander verbanden.
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Die Studie bewegt sich auf konzeptioneller Ebene an der Schnittstelle von Wissens-, Verwaltungs- und Umweltgeschichte sowie der Geschichte internationaler Kooperationen. Methodisch knüpft Bennemann an Konzepte der Science and Technology Studies sowie an wissenshistorische Überlegungen zu Regimen, Zirkulationen und Expertisen an. Der Rhein erscheint in seiner Darstellung somit nicht als gegebener Naturraum, sondern als Ergebnis permanenter Vermessungen, Klassifikationen und politisch-diplomatischer Verhandlungen. Gerade hierin liegt eine der großen Stärken des Buches: Auf überzeugende Weise gelingt es dem Autor darzulegen, dass die Regulierung der Schifffahrt untrennbar mit der Produktion standardisierten Wissens verbunden war. Karten, Pegelstände, Statistiken, Gutachten oder technische Normierungen fungierten nicht lediglich als administrative Hilfsmittel, sondern bildeten die Voraussetzung dafür, den Rhein überhaupt als international regulierbaren Verkehrsraum zu konstituieren. Das mag vielleicht nicht überraschend sein, doch im Detail zeigt sich, wie wichtig solche Normierungen letztlich waren. Erst als sich die Kommission dafür einsetzte, die in den verschiedenen Staaten höchst unterschiedlichen Rhein- und Auenkarten anzugleichen und gemeinsam den Fluss zu begehen (oder besser: zu befahren), kam Bewegung in die Sache, wenngleich auch dieses Engagement nicht unmittelbar dazu führte, dass sich ein einheitlicher Standard zur Flusskartografie etablierte.
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Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die differenzierte Analyse der ZKR als transnationale Kommunikations- und Übersetzungsinstanz. Bennemann arbeitet heraus, wie unterschiedliche staatliche Interessen mit regionalen Wissensbeständen und technischen Traditionen in der Kommission aufeinandertrafen und in langwierigen Abstimmungsprozessen vereinheitlicht werden mussten. Die ZKR erscheint dabei als eine Art Schaltstelle, die politische Diplomatie, technische Expertise und ökonomische Interessen miteinander verknüpfte, auch wenn mitunter die Motive und der Wandel der Agenden etwas in den Hintergrund geraten. Doch es ist gerade diese Perspektive, die die bisherige Forschung zur Geschichte internationaler Organisationen erweitert, die zumeist stärker institutionell oder völkerrechtlich argumentiert. Bennemann zeigt demgegenüber, dass internationale Kooperation in der Schifffahrt wesentlich auf der Herstellung gemeinsamer Wissensordnungen beruhte.
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Quellenmäßig basiert die Untersuchung auf einer beeindruckenden Breite archivalischer Überlieferungen aus verschiedenen europäischen Kontexten – aus zwanzig Archiven und Bibliotheken hat Bennemann sein Material zusammengetragen. Die Auswertung von Protokollen, technischen Berichten, Korrespondenzen und statistischen Unterlagen erlaubt es dem Autor, die alltägliche Arbeit der Kommission detailliert zu rekonstruieren. Dabei gelingt es ihm, auch die oftmals sperrigen administrativen Prozesse analytisch fruchtbar zu machen. Besonders überzeugend sind jene Passagen, in denen technische Detailfragen – etwa zur Vermessung des Flusses oder zur Vereinheitlichung schifffahrtsrelevanter Standards – mit größeren Fragen der politischen Ordnung und internationalen Governance verbunden werden.
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Darüber hinaus leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur neueren Infrastrukturgeschichte. Bennemann versteht den Rhein nicht nur als Verkehrsweg, sondern als technisch-administrativ produzierten Raum. Die Regulierung des Flusses erscheint damit als Teil jener umfassenden Verdichtung staatlicher und internationaler Steuerungsansprüche, die das 19. Jahrhundert auch in vielen anderen Bereichen prägte. Gerade die Verbindung von Wissensproduktion und Infrastrukturentwicklung macht das Buch auch für umwelt- und technikhistorische Debatten anschlussfähig.
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Gelegentlich führt die starke Orientierung an wissensgeschichtlichen Begrifflichkeiten dazu, dass die empirischen Befunde hinter theoretischen Rahmungen etwas zurücktreten. Insbesondere der Begriff des „Wissensregimes“ bleibt stellenweise etwas weit gefasst und hätte an einigen Punkten noch präziser von benachbarten Konzepten abgegrenzt werden können. Auch hätte man sich bisweilen eine stärkere Einordnung der ZKR in breitere politische und gesellschaftliche Transformationsprozesse des 19. Jahrhunderts gewünscht, etwa im Kontext von Industrialisierung und Kapitalisierung oder in Bezug auf imperiale Handelsräume.
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Insgesamt handelt es sich jedoch um eine äußerst lesenswerte und innovative Studie, die eindrucksvoll demonstriert, wie fruchtbar wissenshistorische Perspektiven für die Erforschung internationaler Organisationen und technischer Infrastrukturen sein können. Weil es fast schon etwas aus der Zeit gefallen ist, ist es vielleicht umso wichtiger, es an dieser Stelle hervorzuheben: Das Buch ist nahezu üppig ausgestattet. Im Anhang finden sich ausfaltbare, teils farbige Karten und Tafeln, die zumindest einen Teil der Faszination übertragen, die sich einstellt, wenn man heute das Originalmaterial in den Archiven konsultiert.
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Bennemann zeigt überzeugend, dass die Geschichte des Rheins im 19. Jahrhundert nicht allein als Geschichte eines Flusses oder einer Schifffahrtsverwaltung verstanden werden kann, sondern als Geschichte der Produktion von Wissen, das politische Ordnung überhaupt erst ermöglichte. Das Buch dürfte daher nicht nur für die Rhein- und Verkehrsgeschichte von Bedeutung sein, sondern weit darüber hinaus Beachtung finden – insbesondere in der Wissens-, Umwelt-, Technik- und Globalgeschichte.