[1]

Die nur unstete Präsenz rechtsextremer Parteien in den Parlamenten der Bonner Republik hat lange Zeit den Eindruck vermittelt, dass es sich hierbei nicht um eine ernst zu nehmende politische Kraft handeln würde. Am Machtgeschehen unbeteiligt, tauchte Rechtsextremismus in der westdeutschen Öffentlichkeit bis 1990 vor allem in Form von punktueller Jugendgewalt oder den Stammtischparolen Ewiggestriger auf, kaum aber als systemisches Problem; entsprechend selten bildete er daher den Gegenstand ernsthafter historischer Forschung. Das hat sich seit einigen Jahren geändert. In Abgrenzung zu politik- und sozialwissenschaftlichen Betrachtungen fragt inzwischen eine Vielzahl von genuin zeithistorischen Untersuchungen nach der Persistenz und Transformation rechtsextremer Haltungen, die für beide deutsche Staaten nach 1949 inzwischen dicht belegt nachgewiesen werden können.

[2]

In diesen Forschungszusammenhang gehört auch die Studie von Niklas Krawinkel, welche mittelbar an seine Dissertation über die NS- und Nachkriegskarriere des Tübinger Oberbürgermeisters Hans Gmelin anknüpft. Krawinkel weitet den Blick nun über den Einzelfall hinaus und fragt nach den Verbindungen, die zwischen der extremen Rechten und der demokratischen „Mitte“ der Gesellschaft bestanden. Damit unternimmt er den Versuch, rechtsextreme Haltungen nicht länger an einer Peripherie zu isolieren und zu bagatellisieren, sondern in eine kritisch gefasste Geschichte der Bundesrepublik – die DDR wird mit guten Gründen ausgeklammert – zu integrieren. Auf diese Weise rückt die Fortdauer völkischen Denkens, autoritärer Haltungen oder rassistischer und antisemitischer Gewalt innerhalb der Demokratie in den Blick. Denn über viele Jahrzehnte habe eine gesellschaftliche Mehrheit den Rechtsextremismus nicht allein durch Untätigkeit und bewusstes Wegsehen gefördert, so Krawinkels untersuchungsleitende These, sondern ebenso durch die Bereitschaft, rechtsextreme Beschreibungen gesellschaftlicher Probleme unkritisch zu übernehmen und lediglich vor den radikalen Schlussfolgerungen zurückzuschrecken.

[3]

Die Studie nimmt die Vielfalt rechtsextremer Strömungen, Denkhaltungen und Praktiken in der Bundesrepublik von den 1950er bis in die frühen 1990er Jahre in Form von vier Fallstudien in den Blick. Die Fallbeispiele verteilen sich auf jeweils zwei chronologisch differenzierte Kapitel und verfolgen unterschiedliche konzeptionelle Zugriffe: Der einstmalige Kampfpilot und NS-Apologet Hans-Ulrich Rudel dient als Beispiel für eine wichtige Bezugsfigur des rechtsextremen Milieus; die Zeitschrift „Nation Europa“ wird als zentrales Organ für eine klandestine Öffentlichkeit und Ideendiskussion untersucht; die Wiking-Jugend steht für einen organisatorischen Knotenpunkt und ein Forum institutioneller Vernetzung; schließlich wird die Straßenpolitik der extremen Rechten einschließlich der lokalen Gegenbewegung am Beispiel von Frankfurt am Main in den Blick genommen. Dabei kann der Autor auf Grundlage einer Fülle unveröffentlichter Quellen zahlreiche wichtige und unbekannte Einsichten zusammentragen. Greifbar wird beispielsweise, wie wertvoll eine Figur wie Rudel auch international als Aushängeschild eines ‚unpolitischen‘ und ‚anständigen‘ deutschen Soldatentums war, welches erst ab den 1970er Jahren in die Krise geriet. Zahlreiche Innenansichten zur Wiking-Jugend, welche von der Familie Nahrath gleichsam als Erbdomäne verwaltet wurde, finden sich hier zum ersten Mal mit geschichtswissenschaftlicher Solidität dargestellt. Besonders lesenswert ist auch die Rekonstruktion der Bemühungen im Umfeld von „Nation Europa“, ab den 1970er Jahren linke Kapitalismuskritik, ökologisches Bewusstsein und Nationalismus zu almagieren und einen nationalrevolutionären Brückenschlag zu versuchen. Ebenso instruktiv fällt die Fallstudie zum offenen Rechtsextremismus in der vornehmlich sozialdemokratisch dominierten Metropole Frankfurt am Main aus. Nicht zuletzt in der Fußballszene waren hier einschlägige gewaltaffine Gruppen präsent, Krawinkel kann aber immer auch lokale Gegenkräfte oder zumindest warnende Stimmen der Stadtöffentlichkeit nachweisen.

[4]

Wer sich für die Gegenstände der einzelnen Fallstudien interessiert, wird viele Anknüpfungspunkte finden und die jeweiligen Kapitel mit großem Gewinn lesen. In der Gesamtschau können die zusammengetragenen Einsichten die These einer Legitimation des Rechtsextremismus durch eine gesellschaftliche Mehrheit allerdings nur bedingt stützen; dazu erscheint die Kluft von den exemplarischen und milieuspezifischen Einzelbetrachtungen zum politischen Gesamtbild doch zu groß. Bereits die weitgehende Gleichsetzung von Rechtsextremismus und Nationalsozialismus wirkt nicht immer stimmig und dürfte die Eigenlogik und Eigendynamik rechtsextremer Positionierungen nach 1945 ebenso unterschätzen wie die Fusion von nationalistischen und radikalkonservativen Impulsen ganz unterschiedlicher Herkunft. Aber auch der implizit normative Maßstab, mit dem Krawinkel der bundesdeutschen Gesellschaft ein „Versagen“ im Umgang mit rechtsextremen Phänomenen attestiert, macht es schwer, die häufig unterschätzte Stärke des Rechtsextremismus mit seinen spezifischen Schwächen und Defiziten in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Am Ende bleibt etwas rätselhaft, warum die extreme Rechte der Bundesrepublik trotz angeblicher Ausstrahlung bis in die Mitte der Gesellschaft über Jahrzehnte in der öffentlichen Wertschätzung wenig gelitten war, gesellschaftspolitisch nahezu stets auf verlorenem Posten stand und parteipolitisch nie wirklich reüssieren konnte.