Einleitung: Historia magistra vitae
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„Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Auch wenn diese Redensart wohl nicht, wie oft behauptet, vom Münchener Kabarettisten Karl Valentin stammt, bleibt die Aussage richtig. In die Zukunft schauen zu können, wünscht sich die Menschheit seit undenklichen Zeiten. Die Griechen bemühten die Seherin Pythia, die Römer verließen sich auf ihre Auguren, nur Juden und Christen vertrauen – offiziell jedenfalls – auf Gottes unerforschlichen Ratschluss und wissen sich aufgehoben zwischen Schöpfung und Rückkehr des Messias beziehungsweise jüngstem Tag. Damit wollen sich viele jedoch nicht abfinden und bemühen daher entweder die Sterne, die Kristallkugel oder anderes für die Erschließung der Zukunft.
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Einen seriöseren Weg entdeckten im Humanismus die Gebildeten. Ihre Welt war ja noch nicht wirklich dynamisch und so erlangte der Blick in die Vergangenheit hohen Rang für die Deutung der Zukunft. Auf den Punkt hatte es schon Cicero in seinem der Redekunst gewidmeten Werk mit der Versicherung gebracht, dass die Geschichte Lehrmeisterin sei − „historia magistra vitae“1 −, und so schlossen seine Leser im Vertrauen auf die immer gleichbleibende Natur der Dinge auf die Wiederholbarkeit der Geschichte. Diese avancierte daher zur universalen Lehrmeisterin namentlich der Staatsmänner, die sich von ihrem Studium Aufschluss für die nähere Zukunft erhofften, ja sogar konkrete Handlungsanleitungen. So stieg die Historie zur praxisnahen Disziplin auf.2 Auch gebildeten Feldherren wie Friedrich dem Großen oder Napoleon lieferten die antiken Schriftsteller mit ihren Schlachtgeschichten oftmals Lehrstücke in taktischer, wenn nicht gar strategischer Hinsicht.3
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Der Norweger Odd Arne Westad, Professor für internationale Beziehungen und Globalgeschichte in Harvard und Yale, wo er viele Jahre das „Grand Strategy Seminar“ geleitet hat, vertritt mit großer Beharrlichkeit die Ansicht, dass sich die Geschichte wiederholt. Zwar nicht die ganze und nicht jederzeit, aber in der Gegenwart (und deshalb auch in naher Zukunft). So sei „[d]iese Welt […] anders als alles, was irgendjemand von uns je erlebt hat. Aber sie sieht der Welt recht ähnlich, die vor mehr als hundert Jahren, vom späten 19. Jahrhundert bis 1914, bestand“ (S. 12). „Historia magistra vitae“ in heute selten gewordener Reinkultur.
Aus der Geschichte lernen?
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Für Historiker, die ihren Koselleck kennen, ist es unlogisch, dass die Gegenwart anders ist als die Vergangenheit und dennoch die Zukunft dieselbe sei wie einstmals. Westad zitiert keine deutsche Literatur, aber Reinhart Kosellecks Buch „Vergangene Zukunft“ von 1979, in dem die für diese Frage entscheidenden Aufsätze abgedruckt sind, erschien bereits 1985 in englischer Sprache.4 Er hätte das Buch also durchaus rezipieren können, um die in diesem Werk angewandte Methode kritisch zu hinterfragen. So schließt Westad ohne theoretische Reflexion aus Ähnlichkeiten, die es in mancher Hinsicht zwischen damals und heute gibt, auf identische Folgewirkungen, das heißt auf den „kommenden Sturm“ oder den „nächsten Großen Krieg“, um den suggestiven Buchtitel zu zitieren. In mehrfachen Anläufen bemühte sich Koselleck, seinen Lesern den eingefleischten Glauben auszureden, dass auch „unter neuzeitlichen Bedingungen“ der alte Topos weiterhin gelte. Er begründete dies mit der Beschleunigung des Wandels seit der Sattelzeit, sprich seit etwa 1770, welcher von Generation zu Generation grundlegend neue Gegebenheiten geschaffen habe. Zeitlich übergreifende Erfahrungsräume seien dadurch obsolet geworden. Die Entdeckung der Geschichtlichkeit der Welt habe „die Modellhaftigkeit vergangener Ereignisse“ zertrümmert und „an deren Stelle die Einmaligkeit geschichtlicher Abläufe und die Möglichkeit ihres Fortschritts“ bewirkt.5
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Lernen ja, aber es ist komplizierter als viele denken. „Wer aus der Geschichte lernen will, muß sich darüber im klaren sein, daß die schlichte Übertragung vergangener Ereignisfolgen auf die Gegenwart nicht mehr möglich ist“.6 Daraus folgt: „Der Erkenntniswert von Geschichte kann demnach nicht in Erfahrungsanalogien liegen, sondern in methodischen Verfahren der Erkenntnisgewinnung“, schrieb 2018 Manfred Hettling seinem Berufsverband ins Stammbuch, der in einer Resolution politische Wertaussagen als Ergebnis historischer Forschung ausgegeben hatte7, worin Hettling bei aller Sympathie für die Aussagen selber einen Kategorienfehler sah – zu Recht.8 Um es kurz zu machen: Nicht aus der Geschichte kann man lernen, denn diese ist ja nichts anderes als die grundsätzlich andere Vergangenheit, sondern aus der Historie, also aus der wissenschaftlichen, kritischen Aufarbeitung von Vergangenheit für die Bedürfnisse der Gegenwart, freilich im Wissen um die Standortgebundenheit aller entsprechenden Ableitungen.
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Was also kann man erwarten, wenn man die Vergangenheit mit dem Ziel erforscht, daraus Lehren zu ziehen? Nach Koselleck ist „der Verzicht auf Aktualität […] die Bedingung“ für die spezifische Leistung der Geschichtswissenschaft. Dann aber zeigt sie „Perspektiven, Bedingungsnetze möglichen Handelns“ auf und „empirisch liefert sie Daten, um Trends zu extrapolieren – insofern hat sie Teil an der Prognostik“.9 Weil das für viele eher verrätselt klingt, sei Ralf Dahrendorf zitiert, der bündig festgestellt hat: „Man kann aus der Geschichte lernen, aber man kann sie nicht anwenden“.10
„Der Aufstieg der Großmächte“
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Westad sieht das anders – übrigens ohne, dass er das an irgendeiner Stelle begründet. Sein in der Presse hochgelobtes Buch – Katastrophenmeldungen finden bekanntlich mehr Gehör als differenzierte Erörterungen11 – besteht aus einer Einleitung („Warnungen der Geschichte“), drei Kapiteln zu Geschichte und Gegenwart beziehungsweise naher Zukunft des internationalen Systems und einem „Plädoyer für den Frieden“ als Schluss. Während in Christopher Clarks bekanntem Buch „Die Schlafwandler“ zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Verstehen der subjektiven Motive, des nicht kohärenten Denkens und Agierens im Vordergrund steht12, macht Westad kurzen Prozess. Die Politiker seien 1914 von der Zwangsläufigkeit eines bevorstehenden Konflikts überzeugt gewesen und hätten sich deshalb nicht ernsthaft mit seiner Vermeidung befasst. Folglich habe die „tödliche Kombination von Hurrapatriotismus, Angst, Fatalismus und schierer Dummheit“ (S. 13) zum Krieg geführt. Heute aber sei es noch schlimmer. Das „gegenseitige Misstrauen ist viel größer als vor dem Ersten Weltkrieg“ (S. 14) und so sind die in Umfragen oder von Westad auch nur in persönlichen Gesprächen ermittelten Vorstellungen einfacher Bürger für ihn „ein echter Grund zur Sorge“ (ebd.). Für ihn besitzen sie den gleichen politischen Rang wie die Großmachtvisionen Xi Jinpings und Wladimir Putins (S. 14f.).13
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In Kapitel 1 – „Der Aufstieg der Großmächte“ – wird es nicht besser, zumindest was die historischen Aussagen betrifft. Warum war das 19. Jahrhundert so friedlich? Nicht wegen der Pentarchie, die alle politischen Verschiebungen innerhalb Europas bis um 1910/1911 zu bewältigen vermocht hat – so die international akzeptierte Ansicht −, sondern, so Westad, wegen der Erinnerung an die katastrophalen Kriege seit 1740. Zudem sei es jedem Land vorrangig um die eigene Entwicklung gegangen und auch die Angst vor der Revolution der eigenen Arbeiter habe dazu beigetragen (S. 23f.). Der dritte Grund ist besonders abwegig, aber auch die beiden anderen sind frei von Spurenelementen geschichtswissenschaftlicher Forschung. Dass Westad zwischen Preußen und dem Deutschen Reich keinen Unterschied macht – geschenkt. Dessen Zusammengehen mit Österreich im Zweibund 1879 verwundert ihn dann doch, denn „beide Staaten waren, ein bisschen wie China und Russland im 20. Jahrhundert, jahrelang auf Konfrontationskurs gewesen“ (S. 33). Panslawismus? Fehlanzeige. Dass Frankreichs Politik durchgängig bis 1914 vom Revanchegedanken gekennzeichnet gewesen sei, entnimmt Westad einem Buch von 1968. Ebenfalls total veraltet ist seine Ansicht, was Bismarck und die Annexion Elsass-Lothringens betrifft. Mit seinen Vergleichen hat Westad auch kein Glück: „Wenn Deutschland bis 1870 randständig war, dann war China vor 1980 ein Katastrophengebiet“ (S. 49), und: „Der Aufstieg Chinas beruhte vielleicht weniger auf Kriegen als der Deutschlands, doch der Unterschied war nicht sonderlich groß“ (S. 54). Xi Jinpings „autoritäre Instinkte [sind] vermutlich ähnlich ausgeprägt wie die Wilhelms II.“ (S. 57), schreibt jemand, der, wenn er schon kein Deutsch kann, doch angeblich das Chinesische beherrscht. Dass „Anfang des 20. Jahrhunderts […] die Vereinigten Staaten den Rahmen für den freien Handel und die Investitionen der zweiten großen Globalisierung abgesteckt“ hätten (S. 73), liegt so weit daneben, dass schon ein Blick in Wikipedia Westad eines Besseren hätte belehren können. Kein Industrieland hatte damals höhere Schutzzölle. Aber auch der Blick auf die Gegenwart verursacht beim Leser Kopfschütteln. Die Europäische Union „beginnt sich […] immer mehr wie eine Großmacht oder sogar ein Imperium zu verhalten. Sie erlegt ihren Mitgliedern Beschränkungen auf und zwingt sie zu bestimmten Handlungsweisen, selbst wenn die Mehrheit ihrer nationalen Parlamente Bedenken hat“ (S. 70). Man meint, US-Vizepräsident J.D. Vance beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2025 zu hören. Das Fazit von Kapitel 1 ist erstaunlich banal. „Die offensichtlich wichtigste Lehre aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg lautet, dass eine plötzliche und dramatische Veränderung der Großmachtkonstellation zum Krieg führen kann, aber nicht muss“ (S. 75f.). Was gab denn dann den Ausschlag? Angst, Fehlwahrnehmungen und Fehlkalkulationen (S. 76f.). Letztere waren in der Tat beim jüngsten Irankrieg, den Westad natürlich noch nicht kennen konnte, die entscheidenden Ursachen, aber für diese Erkenntnis benötigt man keine umständliche Analyse der Zeit vor 1914, sondern es genügt das Lesen von Donald Trumps und Benjamin Netanjahus Social-Media-Einträgen.
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Kapitel 2 behandelt „Ängste und Ressentiments“. Westad möchte hier zeigen, „wie 1914 die Angst zum Ausbruch eines Krieges beitrug und wie sie das heute […] wieder tun könnte“ (S. 79). Jörn Leonhard verortet in seinem hochgelobten Buch über den Ersten Weltkrieg Angst in erster Linie bei ganz normalen Menschen, während den Regierenden anders als in den vorangegangenen Krisen das Vertrauen verlorengegangen sei und sie das durch „enorm verstärktes Prestigedenken“ ersetzt hätten, das die Anwendung massiver Kriegsgewalt einkalkulierte.14 Aber im weiteren Sinne sind Ängste ein geeignetes Analyseinstrument für die Zeit vor 1914 und so sind Westads Diagnosen in diesem Kapitel viel akzeptabler als im vorherigen. Beispielhaft dafür steht sein Befund, dass damals wie heute wirtschaftliche Abstiegsängste oder extremer Nationalismus das Handeln der führenden Politiker der Großmächte beeinflussen und friedensgefährdende Wirkung entfalten. Aber auch hier entwerten bisweilen katastrophale Gleichsetzungen den Gang der Argumentation. So gibt es für Westad etwa außer der Geschwindigkeit keinen nennenswerten Unterschied zwischen den Bemühungen europäischer Staaten im 19. Jahrhundert, ihre Staatsangehörigen zu national zuverlässigen Bürgern heranzubilden, und Chinas zwangsweiser Umerziehung seiner ethnischen Minderheiten und befohlenen Zuzügen nach Tibet, Xinjiang oder in die Innere Mongolei (S. 113f.). Dagegen stimmt es natürlich, dass sich die strategischen Ziele der Großmächte um 1900 und in der Gegenwart ähneln, nur dass das heute neben Europa auch Ostasien betrifft. Aber dass damals wie heute Bündnisse zur Absicherung dieser Ziele geschlossen worden seien, stimmt einfach nicht. Mit welchem Land hat denn China gegenwärtig ein Verteidigungsbündnis abgeschlossen, das diesen Namen verdient, und welcher Art von Bündnissen vor 1914 entspricht die NATO? Auffallend ist dagegen in der Tat, dass 1914 Großbritannien und heute die USA mit ihren Militärkapazitäten das Ziel verfolg(t)en, auf zwei Kriegsschauplätzen gleichzeitig eingreifen zu können. 1914 musste Großbritannien den Beweis nicht antreten, und ob die USA dazu heutigentags in der Lage sind, kann man bezweifeln. Bedenkenswert ist auch Westads Beobachtung, dass technologische Veränderungen als solche keinen Einfluss auf die Entscheidung über Krieg und Frieden haben, „aber wenn sie schnell und gehäuft auftreten, vergrößern sie die Gefahr“, konfliktsteigernd zu wirken, weil die sich unterlegen Fühlenden zu raschem, vielleicht präventivem Handeln veranlasst sein könnten; so sei es 1914 jedenfalls gewesen (S. 151).
„Die Welt von heute“
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Das dritte Kapitel „Kriegsgründe“ ist das längste. Dabei geht es Westad nicht um abstrakte Kriegsgründe, sondern – nachdem er nochmals ausführlich den Kriegsausbruch 1914 geschildert hat – um heutige Konfliktgebiete. Dass „die Welt von heute […] mindestens so chaotisch [ist] wie die vor dem Ersten Weltkrieg“ (S. 176), widerspricht jedoch allem historischen und politologischen Wissen. Auch wenn die regelbasierte internationale Ordnung ins Rutschen geraten ist, bildet sie nach wie vor für viele Staaten den Maßstab und ist damit handlungsleitend. Und das Völkerrecht ist mittlerweile immerhin kodifiziert (auch wenn die Großmächte sich daran in der Regel nicht halten). Dazu gab es 1914 kein Pendant.
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Westad nutzt das Kapitel, um die gegenwärtigen Krisengebiete zu kartografieren. Er beginnt mit Taiwan, wo er noch – das ändert sich im Fortgang des Kapitels – mit einem historischen Vergleich arbeitet. „Der Konflikt um Taiwan ist ein wenig wie Elsass-Lothringen, Bosnien und Belgien auf einmal“ (S. 178), liest man mit Verblüffung, denn Taiwan ist dem kommunistischen China nach internationaler Lesart eben nicht weggenommen worden (und was Belgien hier sucht, bleibt Westads Geheimnis). Es folgen Ausführungen zu Korea, zur Krisenzone Südchinesisches Meer, zum Himalaya-Konflikt, zu Putins Ziel der Wiederherstellung des Sowjetimperiums und schließlich zum Nahostkonflikt. Historische Rückblenden oder ‚Lehren‘ werden zunehmend seltener, aber für Westad ist das kein Anlass, seine leitende These zu überprüfen. Immerhin begeht er deshalb auch keine abenteuerlichen historischen Fehler mehr. Die Schilderungen der konkreten Konflikte sind kenntnisreich, aber gründliche Zeitungsleser wissen das meiste auch so schon. Westads Bilanz lautet, dass heute wie vor 1914 das Gefühl vorherrscht, dass „Krieg zwischen Großmächten wenn nicht unmöglich, dann doch höchst unwahrscheinlich ist“ (S. 223), aber damals wie heute trüge dieses. Erschwerend komme hinzu, dass es, anders als im Kalten Krieg, keine bi- oder multilateralen Vorkehrungen zum Krisenmanagement mehr gebe, vielmehr herrsche der „Glaube“ vor, „dass die andere Seite angesichts des hohen eigenen Einsatzes zuerst einlenken wird“ (S. 224).
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Das Schlusskapitel ist „ein Plädoyer für den Frieden“ und beginnt mit der angeblichen „Erfahrung eines Kriegs zwischen den Großmächten“, die
oft dazu [führe], dass Krieg als natürlicher Zustand der Gesellschaft und der internationalen Politik empfunden wird. Sie weckt die Hoffnung, dass Verluste der Vergangenheit durch künftige, ebenfalls durch Kriege erzielte Gewinne aufgewogen werden könnten. Der Erste Weltkrieg führte zum Zweiten, und das hauptsächlich in den Köpfen derer, die den Ersten verloren. (S. 225)
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Das klingt fast wie ein Naturgesetz, aber die Wirklichkeit ist komplizierter. Die Bemühungen der 1920er Jahre, den Krieg völkerrechtlich einzugrenzen (Völkerbund) oder rundheraus zu verbieten (Briand-Kellogg-Pakt 1928) scheint Westad nicht zu kennen. Er blickt von 1939 aus zurück und argumentiert getreu dem Motto „post hoc ergo propter hoc“. Auch entgeht ihm, dass die Alliierten eben doch aus der Geschichte gelernt haben. Ihre in Casablanca vereinbarte Forderung nach bedingungsloser Kapitulation entsprang nicht so sehr dem Wissen um die Völkerrechtsverbrechen des NS-Regimes als der Erfahrung, dass große Teil der Deutschen nach 1918 der Dolchstoßlegende anhingen und die militärische Niederlage nicht sehen wollten.
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Die sich daran anschließenden Reflexionen Westads, „warum ein Krieg zwischen den Großmächten vermieden werden sollte“ und „wie der Friede erhalten werden kann [Hervorh. jeweils im Orig.]“ (S. 228) laufen letztendlich auf Klugheitsregeln hinaus und müssen deshalb hier nicht referiert werden. Die mit dem Aufstieg Chinas verbundene Verschiebung des internationalen Systems sieht Westad wohl mit Recht derzeit als größte Herausforderung für den Frieden. Hier lehre die Geschichte vor 1914, „dass regionale Konflikte, die lange ungelöst bleiben, ein Pulverfass sein können, die den Weltbrand entfachen“ (S. 242). Aber benötigt man dazu wirklich den Blick auf ‚die Geschichte‘?
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Das große Publikum scheint Westads Buch sehr zu schätzen. Noch im Erscheinungsjahr wurde eine zweite Auflage nötig. Auch die Journalisten loben es sehr. Als Wissenschaftler, zumal als Historiker, tut man sich schwer mit ihm. Methodische Überlegungen sucht man vergebens. Ist das der Grund, weshalb hier ‚Vergleichen‘ stets mit ‚Gleichsetzen‘ verwechselt wird? Dass man nicht erfährt, wie man mit Analogien umgeht, beziehungsweise was man eigentlich von Ähnlichkeiten ableiten kann?15 Stattdessen wird treuherzig verkündet, dass man aus der Geschichte lernen kann, einfach so. Dutzende Bücher erscheinen mit diesem Versprechen. Sie müssen nur hinreichend suggestive Titel aufweisen, dann verkaufen sie sich.16 Meist lehren sie, dass die historische Erfahrung zeige, wie viel Großes aus kleinen Anfängen entstanden ist, und machen damit Mut zum Handeln in der Gegenwart. Westads Traum ist ambitionierter. Er möchte mithilfe der Geschichte in die Zukunft schauen. Selbst wenn man die vielen, oft haarsträubenden Fehler ausklammert, bleibt das Ergebnis mager. So gilt auch für ihn das oft zu lesende Bonmot, dass historische Analogien gerne benützt werden, um die Gegenwart nicht präzise analysieren zu müssen. Dass die amerikanische diplomatische und militärstrategische Elite von solchen Lehrern ausgebildet wird, macht Sorge – und erklärt vieles, was man aus Washington tagtäglich hört.
Besprochene Literatur:
- Westad, Odd Arne: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt, übers. v. Helmut Dierlamm, 272 S., Klett-Cotta, Stuttgart ²2026.
Endnotes
- Cicero: De oratore II, c. 9, 36. Die Geschichte diene dem Redner als Beispielsammlung zur größeren Überzeugungskraft. ⮭
- Luther, Martin: An die Ratsherren aller Stände deutschen Landes, in: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 15: Predigten und Schriften 1524, Böhlau, Weimar 1899, S. 9–53, hier S. 52: In modernem Deutsch: „Als die wichtigsten Bücher sollten Chroniken und Historien gelten, […] denn diese sind wunderbar nützlich, der Welt Lauf zu erkennen und zu regieren, ja auch Gottes Wunder und Werke zu sehen“. ⮭
- « Malgré le changement des armes et la découverte de la poudre, l’art militaire des Anciens sera toujours l’école des bons officiers ». Karl Theophil Guichard : Mémoires militaires sur les Grecs et les Romains, Bd. 1, de Hondt, Den Haag 1758, S. 1. Mit diesem Werk empfahl Guichard sich Friedrich dem Großen, der ihn umgehend einstellte und mit ihm über antike Militärgeschichte diskutierte. Die besondere Aufmerksamkeit des Königs galt unter anderem der von Guichard geschilderten „Schiefen Schlachtordnung“, mit der Caesar die zahlenmäßig überlegenen Truppen des Pompeius in der Schlacht bei Pharsalos (48 v. Chr.) schlug. Friedrich hatte die Schiefe Schlachtordnung jedoch bereits im Dezember 1757 in der Schlacht bei Leuthen erfolgreich angewandt, doch gehört die Vorstellung, er habe in der Schlacht einen Band Xenophon oder Plutarch bei sich gehabt – beide schildern die von dem thebanischen Feldherrn Epaminondas371 v. Chr. erstmals praktizierte Schiefe Schlachtordnung –, eher in den Bereich späterer Anekdoten. ⮭
- Zentral sein dort wieder abgedruckter Aufsatz: Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte, in: Koselleck, Reinhart: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1979, S. 38–66. Der Aufsatz erschien erstmals 1967. In meisterlicher Übersetzung durch Keith Tribe: Historia Magistra Vitae. The Dissolution of the Topos into the Perspective of a Modernized Historical Process, in: ders.: Futures Past. On the Semantics of Historical Time, MIT Press, Cambridge, MA 1985, S. 21–38. ⮭
- Ebd., S. 56. Engl. Ausg., S. 32. ⮭
- Ders.: Lernen aus der Geschichte Preußens?, in: ders.: Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten, hrsg. v. Carsten Dutt, Suhrkamp, Berlin 2010, S. 151–174, hier S. 170. Der Aufsatz stammt von 1984. ⮭
- Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands: Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie, verabschiedet von der Mitgliederversammlung am 28. September 2018 in Münster; URL: https://www.historikerverband.de/wp-content/uploads/2026/06/Erklaerung-des-VHD-Demokratie-2018-09-28.pdf [Zugriff: 06.07.2026]. ⮭
- Hettling, Manfred: Bedingungen möglicher Lektionen. Die politische Resolution des Historikerverbands verkennt die Voraussetzungen, unter denen Aussagen über die Vergangenheit über das bloße Meinen hinauskommen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 253, 31. Oktober 2018, S. N3. ⮭
- Koselleck, Reinhart: Wozu noch Historie?, in: ders.: Sinn, S. 32-51, hier zit. S. 45. Es handelt sich um den berühmten Vortrag Kosellecks auf dem Kölner Historikertag 1970. ⮭
- Zit. n. Herzog, Benjamin: Historia magistra vitae, in: Jordan, Stefan (Hrsg.): Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Reclam, Stuttgart 2002, S. 145–148, hier S. 146. ⮭
- Mehrere hundert Titel allein im englischsprachigen Raum verarbeitete Clarke, Ignatius F.: Voices Prophesying War. Future Wars 1763–3749, Oxford UP, Oxford 21992. ⮭
- Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, DVA, München 2013 (engl.: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914, Allen Lane, London 2012). ⮭
- Westad machte eine Anleihe bei Clarks berühmtem Buch: Sleepwalking Toward War. Will America and China Heed the Warnings of Twentieth-Century Catastrophe?, in: Foreign Affairs 103 (2024), H. 4, S. 78-89. ⮭
- Leonhard, Jörn: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, Beck, München 2014, S. 126. Dieses Buch erschien 2018 in englischer Übersetzung und wurde vielfach besprochen. ⮭
- Das ist auch das Problem bei der historisch arbeitenden Klimatologie. Diskutiert wird das von Tubi, Amit u. a.: Can We Learn from the Past? Towards Better Analogies and Historical Inference in Society-Environmental Change Research, in: Global Environmental Research 76 (2022), URL: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S095937802200108X, [Zugriff: 23.06.2026]. ⮭
- Genannt seien nur die Publikationen des freien Publizisten Zwecker, Loel: Ein Schritt zurück in die Zukunft. Was wir aus der Geschichte lernen können, Pantheon, München 2013; und seine Fortsetzung, sozusagen der Lerneffekt daraus: Die Macht der Machtlosen. Eine Geschichte von unten, Tropen, Berlin 2024. Oder neuerdings plakativ: Aus der Geschichte lernen? Ja, das geht!, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 127, 6./7. Juni 2026, S. 49. Zwecker ist gelernter Kunsthistoriker. ⮭