Dahrendorf, Ralf: Über Grenzen. Lebenserinnerungen, 190 S., Beck, München 2002.

Professoren und Politiker neigen wohl mehr als andere Berufsgruppen dazu, Memoiren nicht nur zu schreiben, sondern auch noch zu veröffentlichen. Als notorische Rechthaber neigen sie weiter dazu, alte Schlachten noch einmal zu schlagen und alte Rechnungen zu begleichen. Das mag erklären, weshalb die meisten dieser Bücher rasch wieder in Vergessenheit geraten. Dieses Schicksal - das sei hier schon vorweggenommen - wird den Dahrendorfschen Lebenserinnerungen gewiss nicht widerfahren. Ralf Dahrendorf (Jahrgang 1929) besinnt sich in seinem Erinnerungsbuch zurück auf seine Anfänge. Er berichtet über Kindheit und Jugend im NS-Staat. Er schildert seinen beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang nach dem Kriege. Der Verfasser möchte keine umfassende Autobiografie vorlegen; er präsentiert vielmehr sein Leben als Patchwork. Die Darstellungsform, die dazu passt und die der Autor bevorzugt, ist der Essay. Das Buch ist unprätentiös geschrieben. Trotz der durchweg moderaten Tonlage bleibt die Lektüre spannend und interessant. Zu den Vorzügen des Autors gehört der völlige Verzicht auf Selbstlob, Wichtigtuerei oder gar Auftrumpfen, andererseits zeigt er auch keine falsche Bescheidenheit. Was ihn überdies auszeichnet, sind gerade jene bei uns als typisch britisch geltenden Eigenschaften wie Understatement, Humor und (Selbst-Ironie), wovon er seinesgleichen, das heißt Angehörige der eigenen Statusgruppe, keineswegs ausnimmt.

Zum Besten und Bewegendsten, was je über das Thema geschrieben wurde, zählt die Schilderung der Jugendjahre im ‚Dritten Reich‘. Das wichtigste Vorbild für ihn während dieser Zeit war zweifellos der Vater. 1932 in Hamburg zum sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten gewählt (was die Familie zum Umzug nach Berlin veranlasste), mit Julius Leber befreundet und in der Untergrund-SPD aktiv, beteiligte sich der Vater am bürgerlichen Widerstand gegen Hitler. Nach dem 20. Juli 1944 verhaftet, von Freislers ‚Volksgerichtshof‘ abgeurteilt, überlebte er das Kriegsende im ‚Zuchthaus‘. Für den Sohn ist die Welt des Vaters bis heute „der Inbegriff des Guten in der deutschen Tradition“. Von ihm hat er gelernt, dass selbstverständlicher Anstand unter einem totalitären Regime möglich ist. Das Vorbild des Vaters wirkte so stark, dass sich der Sohn seinerseits ebenfalls im antifaschistischen Widerstand engagierte.

Wie viele Angehörige seiner Generation nutzte Dahrendorf umsichtig und geschickt die Möglichkeiten, die ihm die Nachkriegszeit für Studium und Karriere(n) bot. Auf das Studium der Philologie und der Philosophie in Hamburg, das er mit einer summa cum laude-Dissertation abschloss, folgte 1952 ein Soziologiestudium an der London School of Economics and Political Science (LSE), wo er gleich ein weiteres Mal promovierte. Am 1. Mai 1958, an seinem neunundzwanzigsten Geburtstag, hatte er auch die Habilitation (an der Universität Saarbrücken) hinter sich. Nach einem Zwischenstopp an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg erhielt er nicht einmal zwei Jahre später seinen ersten Soziologie-Lehrstuhl an der Universität Tübingen, den die (alte) Philosophische Fakultät gerade eingerichtet hatte. Für die Berufung Dahrendorfs hatte sich insbesondere der Ordinarius für klassische Philologie Ernst Zinn, Dahrendorfs ehemaliger Hamburger Lehrer, stark gemacht. Weshalb sich Dahrendorf für die Soziologie entschied, welche Rolle dabei reine Karriere-Erwägungen spielten, all dies bleibt letztlich unklar. Zweifellos bot das – neben Politikwissenschaft – wohl modernste Fach, das es an deutschen Universitäten gab, im Vergleich zu den etablierten Fächern bessere Karrierechancen. Dabei ist zu beachten, dass die deutschen Universitäten damals eine Periode äußerer und innerer Stagnation durchlebten. Eines der Hauptdefizite lag im Bereich der systematischen Sozialwissenschaften. Mit der Einrichtung von Soziologie-Lehrstühlen sollte dem Mangel an unmittelbar gesellschaftsbezogener Forschung abgeholfen werden. Das mag erklären, weshalb mit Soziologie und zwar sowohl in Forschung und Lehre als auch im Studium hohes Prestige verbunden war. Von den Soziologieprofessoren der ersten Stunde – allesamt bedeutende Gelehrte wie Helmut Schelsky, Arnold Gehlen, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Mario Rainer Lepsius – war Dahrendorf der jüngste und wohl auch der bekannteste, wozu nicht zuletzt wissenschaftliche Bestseller wie „Pfade aus Utopia“, „Homo Sociologicus“, „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ beitrugen. Auf den ersten Blick erscheint die wissenschaftliche Laufbahn Dahrendorfs bestechend und folgerichtig. Schaut man genauer hin, dann bemerkt man auch Brüche und Umwege. Hin und wider wird auch er von Unsicherheiten und Selbstzweifeln geplagt, so etwa wenn ein Hochschullehrer, der mehr von den Fähigkeiten seines candidatus philosophiae überzeugt ist als dieser selbst, ihm ein altphilologisches Dissertationsthema aufdrängen möchte. Auch Dahrendorfs Frankfurter Episode will nicht so recht zu seinem Glückskind-Image passen: Obgleich der junge Soziologe sich bewusst war, dass es für ihn „keine vornehmere Anfangsstellung als die des Assistenten von Professor Max Horkheimer geben konnte“, kündigte er im Sommer 1954 seine Stelle am Institut für Sozialforschung bereits wenige Wochen nach Dienstantritt wieder. Der ‚Holterdipolter-Abgang‘ war zwar dramatisch inszeniert, gleichwohl war er kläglich. Zweifellos waren Fleiß und Arbeitsfähigkeit zentrale Voraussetzungen für seinen Erfolg. Karrierefördernd wirkten zu Beginn auch die übliche Protektion und später eine Reihe sorgsam gepflegter Lebensfreundschaften, zum Beispiel mit Theo Sommer von der ZEIT.

Ohne borniertes Wissenschaftsverständnis und Gelehrtendünkel, auch ohne Berührungsängste näherte er sich der Politik; er beriet den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger, er diskutierte mit Akteuren der Studentenbewegung, er unterstützte die Politik Brandts. Sein Interesse galt vor allem der Bildungspolitik. Er forderte Bildung als Bürgerrecht. Für das Land Baden-Württemberg verfasste er den richtungweisenden Hochschulgesamtplan; er war Mitbegründer der Konstanzer Universität – nach großem Vorbild als Klein-Harvard am Bodensee gedacht. Er scheute sich nicht, unter Missachtung der sozialdemokratischen Familientradition Mitglied einer anderen politischen Partei zu werden. Als FDP-Mitglied schaffte er binnen weniger Jahre den atemberaubenden Aufstieg vom Staatssekretär einer Landesregierung (Stuttgart) über den Posten eines Parlamentarischen Staatssekretärs in der Regierung Brandt-Scheel bis zum Europa-Kommissar in Brüssel. Es ist gewiss kein Zufall, dass mit dem Abflauen der Reformpolitik Mitte der siebziger Jahre das Interesse an der Politik bei ihm nachließ. „Politik als Beruf“ war mitnichten das, was Dahrendorf sich für den Rest seiner tätigen Jahre gewünscht hätte.

Dahrendorfs englische Karriere begann im Jahr 1974 mit der Berufung zum Rektor jener Hochschule, an der er bereits studiert und promoviert hatte. An der LSE war er auch dem Sozialphilosophen Karl Popper begegnet, der für ihn neben dem Vater zum prägenden Vorbild wurde. Bis heute sieht er in dem Zusammentreffen mit Popper ein Schlüsselereignis seiner Vita. Die Reihe der ehrenvollen Berufungen setzte sich fort mit dem Amt des Warden am Oxforder St Antony's College. Den Gipfel erreichte seine englische Karriere mit der Erhebung in den Adelsstand; seit 1993 ist er als „Baron of Clare Market in the City of Westminster“ Mitglied des Oberhauses. Kein Zweifel, England ist seine zweite Heimat geworden.

Dahrendorf hat sich nicht nur als Wissenschaftler, Wissenschaftsorganisator und Politiker hervorgetan, sondern in gleicher Weise als streitbarer Journalist. Seine Lieblingsrolle ist zweifellos die des zeitkritischen Intellektuellen, der fähig ist, „über Grenzen“ hinweg „die großen geistig-politischen Auseinandersetzungen der Zeit zu verstehen, ja sich aktiv an ihnen zu beteiligen, aber dennoch nicht der Versuchung [erliegt], sich einem Lager hinzugeben“.

Heidelberg, Caspar Ferenczi

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