Baumgart, Winfried: Bücherverzeichnis zur deutschen Geschichte. Hilfsmittel, Handbücher, Quellen, 310 S., dtv, München 1999 (13. durchgesehene und erweiterte Auflage).

Wer greift nicht immer wieder dankbar zu Baumgarts Bücherverzeichnis, und vor allem: Wer empfiehlt es nicht häufig seinen Student/innen, ja reicht es in corpore im Proseminar herum, damit es kein leerer Begriff bleibt, sondern buchstäblich begriffen werden kann? Und es scheint sich ja auch zu verkaufen, wie die regelmäßigen Neuauflagen zeigen. Die Anfänge, als Baumgart noch Repgens Assistent in Bonn war, reichen bis 1969 zurück. Damals war es noch nicht auf die deutsche Geschichte beschränkt und so gab es – deshalb habe ich das Buch bis heute aufbewahrt – nach den „Quellen zur deutschen Geschichte“ (der Neuzeit) noch sechs weitere Abteilungen mit Quellen zur außerdeutschen Geschichte. Tempi passati. Heute sind nur noch, aber immerhin, Handbücher zur Geschichte anderer Länder verzeichnet, wenn auch die Aktualisierung zu wünschen übrig lässt. Sonst hat sich am Aufbau so gut wie nichts geändert. Das ist womöglich nicht das beste Rezept für ein in starkem Wandel begriffenes Fach. Aber vielleicht soll es sich ja auch gar nicht so stark wandeln.

Kein solches Werk ist vollkommen in dem Sinne, dass ihm nichts entgeht. Deshalb soll hier nicht über Titel gemäkelt werden, die Baumgart ganz einfach übersehen hat (aber wundern darf man sich – z. B., dass er die Quellen zur Geschichte des Deutschen Bundes übersehen hat, die so weit vom Krimkrieg auch wieder nicht entfernt sind). Wer hier ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein. Ärgerlich ist dagegen die Eigenart Baumgarts, alles was nicht in sein Geschichtsbild passt, nur zu streifen oder ganz zu übergehen. Und es passt vieles nicht in sein Geschichtsbild: die Jakobiner, die Protestanten, die Sozialgeschichte, erst recht die neue Kulturgeschichte. Das Verzeichnis bleibt so einem engen politik- und diplomatiegeschichtlichen Zugriff verhaftet und lässt von den vielen Aufbrüchen unseres Faches in den vergangenen Jahrzehnten wenig ahnen. Ehrfurchtsvoll wird noch immer Günther Franz’ „Bücherkunde zur Weltgeschichte“ oder die von Ernest Lavisse verantwortete „Histoire de France“ vom Anfang dieses Jahrhunderts genannt, aber die „Cambridge Social History of Britain“ oder Wehlers bei Suhrkamp (aber auch bei der Baumgart durchaus nahestehenden Wissenschaftlichen Buchgesellschaft) herausgegebene „Moderne deutsche Geschichte“ fehlen. Dafür erscheint Karlheinz Weißmanns Weg in den Abgrund in der zurückgezogenen Propyläenausgabe (sie ist bei Herbig 1997 ein zweites Mal erschienen), aber, so könnte man einwenden, Baumgart listet ja auch die alte MEGA auf, die ebenfalls seinerzeit zurückgezogen worden ist (nur dass Weißmann, anders als Rjazanov, nicht für sein Werk erschossen wurde). Tempi passati auch dies.

Um die Kritik etwas systematischer zu machen, beginnen wir mit den Zeitschriften. Dass hier circa 130 in- und ausländische Titel aufgezählt sind, lässt der Buchtitel gar nicht vermuten. Da findet man dann die altehrwürdige Savigny-Zeitschrift, aber nicht die Zeitschrift für neue Rechtsgeschichte, Technikgeschichte, aber nicht Technology and Culture, das Archiv für Kulturgeschichte, aber nicht 1999, von Alltags- und Gender-Journalen ganz zu schweigen. Mittelweg 36, Comparativ, Medizin, Gesellschaft und Geschichte – alles Fehlanzeige. Jakobiner passen nicht ins Geschichtsbild Baumgarts, hieß es oben, und der genius loci half offenbar auch nicht. Jedenfalls keinerlei Hinweis auf Heinrich Scheels mehrbändige Edition zur Mainzer Republik, ganz zu schweigen von Walter Grabs sechs Bänden „Deutsche Jakobiner“; aber nicht weniger als drei Seiten Acta Borussica. Mit dem Protestantismus ist es ähnlich. Die Ausgaben der Reformatoren sind natürlich alle da. Das katholische Quellenmaterial reicht von den altehrwürdigen Ausgaben von Mabillons „Acta sanctorum Ordinis S. Benedicti“, immerhin 1738 in letzter Auflage erschienen, bis zur sehr ausführlichen über drei Seiten sich erstreckenden Vorstellung der 42 Bände „Quellenedition der Kommission für Zeitgeschichte“ und der elf Bände „Actes et Documents du Saint Siège“. Für die fünfzehn Bände der Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes reichte da dann nur noch ein knapper Hinweis, die von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft herausgegebenen Dokumente zur Kirchenpolitik des ‚Dritten Reiches‘ fehlen vollends – wie übrigens auch die fünf Bände der Dokumente zur Geschichte des Staatskirchenrechts von Vater und Sohn Huber, obwohl dort ein Teil der katholischen Leidensgeschichte im preußisch-deutschen Reich zu finden ist. Kultur: Baumgart hat von ihr jenen altehrwürdigen Begriff, der sie vor jedem Kontakt mit Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, kurz: mit der Welt bewahrt. Deshalb findet man nur die beiden einschlägigen Handbücher der Kulturgeschichte von Heinz Kindermann, deren Konzept aus den dreißiger beziehungsweise fünfziger Jahren stammt, aber Fehlanzeige beim Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Deshalb mehrere Leibnizbibliographien, aber keinerlei Hinweis auf Max Weber-, Ernst Troeltsch- oder Wilhelm Dilthey-Ausgaben. Schließlich Sozialgeschichte. Es geht nicht um die Bindestrichgeschichte Wirtschafts- und Sozial. Sie ist längst außer Verdacht und bei Baumgart hinreichend vertreten. Sogar Wehlers „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ findet sich in dieser Rubrik (der dafür sonst Federn lassen musste gegenüber früheren Auflagen). Von Wehler abgesehen fehlt alles Wichtige an Handbüchern. Familie, Kindheit, Alter, Geschlecht, Arbeit, Klassen und Stände – nichts von alledem erfährt, wer sich auf dieses Bücherverzeichnis verlässt (es sei denn, er stößt auf Geschichte und Gesellschaft in der Abteilung Zeitschriften und beginnt in ihr zu lesen).

Baumgart ist konkurrenzlos, er ist daher so etwas wie eine Institution. Deshalb sollte er mehr Neutralität walten lassen. Verzeichnisse dürfen kein Instrument zur Verbreitung von Weltanschauung sein. Es geht, wohlgemerkt, nicht um abstrakte Objektivität mittels Vollständigkeit; da griffe man besser gleich zum VLB. Es geht um eines jener ersten Arbeitsinstrumente, die Student/innen, vielleicht sogar auch Schüler/innen, in die Hand gedrückt wird. Deshalb soll sie hilfreich sein, nicht tendenziös.

Darmstadt, Christof Dipper

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