Bavendamm, Dirk: Roosevelts Krieg 1937–1947 und das Rätsel von Pearl Harbor, 484 S., Herbig, München 1993.

Wieder ein historisches Buch das „grundsätzlich zukunftsorientiert“ (S. 18) ist. Und was ist die Zukunft im wiedervereinten Deutschland im Vergleich zur Vergangenheit, zumal einer Vergangenheit in der, wie der Autor versichert, die deutsche Geschichtswissenschaft seit 1945 mit ihrer vorherrschenden Ideologie des aufgezwängten „liberal-demokratischen Internationalismus Amerikas“ (S. 11) verhaftet ist'? Auch Herr Bavendamm leidet unter dem Joch der Geschichte, insbesondere aber der „vorherrschenden“ Geschichtswissenschaft, die zum einen nicht lehre, wer „unsere großen Gegner in diesem Jahrhundert gewesen sind“ und die immer noch daran glaube, dass der Zweite Weltkrieg ‚Hitlers Krieg‘ gewesen sei (S. 16). Ein Macht wie das wiedervereinte Deutschland könne es sich auf Dauer nicht leisten, ihre „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft so zu betrachten, wie sie es gern möchte oder wie es andere von ihr verlangen“ (S. 17). Nach dem Ende des Kalten Krieges gelte es, die auf „falsche Harmonie angelegte public relations“ der Amerikaner zu dekuvrieren. Das ist wohlgemerkt auch präventiv als Feindaufklärung gedacht; denn der Verwalter des Bischmarck’schen archivalischen Erbes in Friedrichsruh hat dunkle, schwerwiegende Vorahnungen, die er seinen Lesern trotz einiger Bedenken nicht vorenthalten will: Den in die Zukunft Blickenden treibt nämlich die Sorge vor Konflikten um, bei denen auf „beiden Seiten des Atlantiks voraussichtlich dieselben Argumente, Scheinargumente und Vorurteile eine Rolle spielen“ werden wie vor den beiden letzten Weltkriegen; aufgrund der kontinentalen Mittellage des neuen Deutschland könnten sich diese, so seine dunkle Vision, derart zuspitzen, dass sie unter Umständen in einen „Dritten Weltkrieg“ münden werden (S. 18).

Angesagt ist die Wiedergewinnung der „wahren Relationen und Proportionen“ in der deutschen Geschichte. Dies sei solange nicht möglich gewesen, als die Deutschen ihre eigene Nationalgeschichte mit „moralischer Unnachsichtigkeit“ (S. 11), sprich: mit der Brille der Sieger betrachteten. Einen Grund für vermeintliche Selbstgeiselungen kann es für ihn nun wirklich nicht mehr geben: ‚Hitlers Krieg‘ war, wie Bavendamm in prosaischer Breite Glauben machen will, ‚Roosevelts Krieg‘. Dieser habe diesen Krieg „listenreich von langer Hand“ geplant (S. 91), mit allen Mittel auf diesen Krieg hingearbeitet und dabei systematisch die amerikanische wie die Weltöffentlichkeit getäuscht und obendrein die Verfassung seines Landes wie alle Regeln der Menschlichkeit gebrochen. Ziel des „Ideologen Roosevelts“ war, so der Autor, die Etablierung der Weltidee des Internationalismus unter amerikanischer Vorherrschaft. Voraussetzung für das amerikanische Streben nach Weltmacht sei die Zerschlagung Japans und Deutschland gewesen; Roosevelt habe die eigenen „Supermachtambitionen“ nur auf Länder wie Deutschland, Italien und Japan projiziert: Der „autarke Großraum Amerika“ habe nichts von der Landmacht Deutschland zu befürchten gehabt (S. 120). Die Achsenmächte seien durch das riesige amerikanische Kriegspotential ebenso bedroht gewesen wie das amerikanische Programm der „one world“. Die Politik der Isolierung, der Quarantäne, die Verbannung Deutschlands und Japans aus dem Kreis der zivilisierten Länder, habe den Weg in den Krieg beschleunigt, ja Roosevelt wird die Schuld zugeschrieben, dass die Friedensangebote Hitlers im Herbst 1939 wie später ins Leere liefen (S. 133ff.); selbst den deutschen Angriff auf Russland hätte er „möglicherweise verhindern“ können (S. 388). Aber Roosevelt musste Hitler in einen ‚Zweifrontenkrieg‘ verwickeln, was ihn opportunistisch auf Stalin verwies; damit ist Roosevelt auch für den Kalten Krieg verantwortlich. Alles war nach Ansicht Bavendamms imperiales Kalkül und Planung. Roosevelts Strategie ging endgültig beim „Pearl-Habor-Komplott“ (S. 442) auf. Gezielt habe Roosevelt die Japaner provoziert, um auf diese Weise den „Einstieg in den Krieg“ zu finden. Die Japaner liefen in die aufgestellte „Mausefalle“ (S. 408): Es war der einzige Weg, die „Selbstlähmung der angelsächsischen Seemacht“ zu überwinden, Russland vor der Niederlage zu bewahren und die amerikanische Nation von der Notwendigkeit des Kriegsbeitritts zu überzeugen (S. 420). Die Pointe ist, dass Roosevelt, der auf diesen Krieg seit 1937 hingearbeitet habe, mit der Kriegserklärung Japans und Deutschlands an die USA genau seine Ziele erreicht habe.

Aus Täter werden Opfer. Hitler degeneriert in diesem Buch endgültig zu einer Randfigur, die nur auf Druck von außen reagierte. So wird Hitlers Drohungen mit der „Vernichtung der jüdischen Rasse“ 1939, falls „Roosevelt und seine Hintermänner einen Krieg vom Zaun brächten“ (S. 376) als eine Reaktion auf die offensive Machtdemomonstration der amerikanischen Flotte gewertet. Aufgrund der Politik der Isolierung „musste“ Hitler die Verwirklichung eigener Expansionspläne beschleunigen (S. 378). Es ist fast schon faszinierend, nicht nur mit welcher monomanischer Energie auf der Grundlage der Verwechslung von Ursache und Wirkung Geschichte neu konstruiert wird, sondern auch wie die Kritik der amerikanischen Linken der 60er und 70er Jahre an den imperialen Machtambitionen ihres Landes, mit einem Schuss Spengler gewürzt, im revisionistischen deutschen Kleid gewendet neu auftaucht.

Auch wenn wir uns nicht der Meinung des Autors anschließen, dass „in letzter Zeit kein Buch über den Zweiten Weltkrieg geschrieben (wurde), das progressiver, innovativer und weltoffener“ (S. 15) ist, so sind wir doch der Meinung, dass hier eine interessante Quelle vorliegt, die einiges über die vielfältigen geistigen Strömungen der neuen Bundesrepublik verrät.

Washington, Martin Geyer

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