Bechhaus-Gerst, Marianne/Klein-Arendt, Reinhard (Hrsg.): Die (koloniale) Begegnung. AfrikanerInnen in Deutschland 1880–1945, Deutsche in Afrika 1880–1918, 332 S., Lang, Frankfurt a. M. u. a. 2003.

Rund dreißig Jahre währte das deutsche Kolonialreich. Eine erheblich längere Zeit beschäftigt sich mittlerweile die historische Forschung mit der kolonialen Vergangenheit und man sollte meinen, alles Erhellende wäre hierzu gesagt und geschrieben. Tatsächlich aber gibt es immer noch durchaus wesentliche Aspekte, die bislang übersehen, ignoriert oder verdrängt wurden.

Eine Bonner Tagung hat sich im September 2001 mit verschiedenen Gesichtspunkten der Begegnung zwischen Afrikanern und Deutschen während der kolonialen Epoche und darüber hinaus beschäftigt. Der Tagungsband versammelt 22 Beiträge von Historikern, Afrikanisten, Ethnologen aber auch Juristen, Literatur- und Religionswissenschaftlern. Die Bandbreite der Themen reicht von biographisch ausgerichteten Fallstudien bis zu breiter angelegten Darstellungen kolonialer Ereignisse oder Prozesse. Die Texte sind – ohne oberflächlich zu sein – alle erfreulich kurz und mit Literaturlisten versehen, sie sind durchweg anschaulich geschrieben und anregend zu lesen. Im Einzelnen:

S. Abu Nasr gibt einen Einblick in Leben und Selbstverständnis des afrikanischen Missionars David Asante, den sie als Vermittler europäisch-afrikanischer Interaktion vorstellt. S. Komlan Gbanou erinnert an den deutschen Missionar Paul Wildgräbe, der die orale Literatur Togos sammelte und übersetzte.

R. Austen beschreibt die besondere Stellung deutschsprachiger Afrikaner in Kamerun und Tansania. Unter deutscher Herrschaft waren sie zu jung für eine herausgehobene Rolle, die ihnen erst in der Zeit danach als Träger des Protestes gegen Briten oder Franzosen zufiel. Mehrere Aufsätze beschäftigen sich mit den Erfahrungen von Afrikanern im Deutschen Reich, so A.P. Oloukpona-Yinnon am Beispiel von Togoern. H. Möhle zeigt, wie die deutschen Behörden bemüht waren, die kleine Gruppe Afrikaner in Deutschland, ihre „Schutzbefohlenen“, erst zu erfassen, um sie dann zu kontrollieren. Hieran schließt inhaltlich P. Martin an, wenn er die Anfänge der politischen Selbstorganisation der schwarzen Deutschen nachzeichnet. L. Hopkins berichtet von den Erfahrungen eines Hamburger Geschäftsmanns afrikanischer Herkunft mit dem Begehren auf Einbürgerung vor dem Ersten Weltkrieg. M. Bechhaus-Gerst schildert vor dem Hintergrund eines Hamburger Sondergerichtsprozesses im Jahr 1942 gegen einen ehemaligen Askari von den Überlebensstrategien der in Deutschland lebenden Afrodeutschen während der NS-Zeit. Die ganz andere Überlebensgeschichte der Familie Bruce, die seit 1898 als togoische Schaustellertruppe 22 Jahre Europa bereiste, erzählt R. Brändle. Zwei so genannte Völkerschauen in Berlin 1896/97 stellt U. van der Heyden in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

Die von alltäglichem Rassismus geprägten afrikanisch-deutschen Geschlechterbeziehungen untersuchen F. El-Tayeb und W. Hartmann in ihren Beiträgen. An Beispielen aus Nordnamibia und Nordkamerun erläutern A. Eckl und A.-P. Temgoua das konkrete Begegnungsgeschehen zwischen Europäern und indigenen Herrschern. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Darstellung des dualen Rechtssystems in den Kolonien im Beitrag von H. Sippel.

Weitere Studien befassen sich mit afrikanischen Gewalterfahrungen. J.-B. Gewald beleuchtet den ideengeschichtlichen Hintergrund des Genozids an der Hererobevölkerung, R. Klein-Arendt den exzessiven Gebrauch von modernen Feuerwaffen in Ostafrika, S. Michels den Widerstand der Bewohner des Crossrivergebietes in Kamerun.

Der Beitrag von M. Peseck bringt den Leser zu den Anfängen des deutschen Kolonialismus, zu Carl Peters, zurück. In die nachkoloniale Ära führen dagegen die Texte von K. Schmidt-Soltau und P. Sebald, die zeigen, wie sich die retrospektive Wahrnehmung kolonialer Vergangenheit in Kamerun und Togo entwickelte.

Der Band zeigt, wie notwendig es ist, den kolonialhistorischen Blick auszuweiten und die Geschichte der Kolonialherrschaft nicht als Einbahnstraße zu betrachten. Er verknüpft auf fruchtbare Weise die afrikanische mit der deutschen Geschichte, beschreibt eindrücklich koloniale Ideen und Leitbilder, die alltagskulturellen Wechsel- und Rückwirkungen des Kolonialismus sowie die Vorstellungen von dessen Wesen, die sich größtenteils erst im Nachhinein herausbildeten.

Köln/Berlin, Martin Kröger

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