Bendikowski, Tillmann/Hoffmann, Arnd/Sawicki, Diethard (Hrsg.): Geschichtslügen. Vom Lügen und Fälschen im Umgang mit der Vergangenheit, 153 S., Westfälisches Dampfboot, Münster 2001.

Die Kritik an der Plakataktion, mit der der Förderkreis um Lea Rosh Spenden für das geplante Holocaust-Mahnmal einwerben wollte, macht deutlich, dass das Thema Geschichtslügen nur mit größter Differenziertheit behandelt werden sollte. Selbst eine gutgemeinte, ironische Funktionalisierung bestimmter Formulierungen ist problematisch, wenn die gesellschaftliche Öffentlichkeit, die angesprochen werden soll, sich in der Bewertung des historischen Sachverhalts keineswegs einig ist. Ein solcher Dissens und ein emotionalisiertes Diskussionsklima sind nahezu ideale Voraussetzungen für den Erfolg von Geschichtslügen.

Das Problem der Geschichtslüge wird im allgemeinen politisch-gesellschaftlichen Diskurs vor allem auf den Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit bezogen; davon zeugen Begriffe wie ‚Reichstagsbrand-Legende‘, ‚Auschwitz-Lüge‘ sowie die Angriffe, die im Zusammenhang mit der Wehrmachts-Ausstellung gegen das Hamburger Institut für Sozialforschung geführt wurden. In diesem emotional aufgeladenen Diskussionszusammenhang werden immer wieder Vorwürfe erhoben, die vom „kommunikativen Beschweigen“ und der individuellen „Lebenslüge“ über unterschiedlichste Spielarten ideologischer Propaganda bis hin zur bewussten Verfälschung von Fakten reichen. Dass jedoch das Problem der Geschichtslüge keineswegs ausschließlich ein Phänomen des 20. Jahrhunderts ist, zeigen Tillmann Bendikowski, Arnd Hoffmann und Diethard Sawicki mit ihrem Band „Geschichtslügen. Vom Lügen und Fälschen im Umgang mit der Vergangenheit“.

Der nach einer kurzen Einleitung an den Anfang gestellte Text von Arnd Hoffmann, „Klios ‚doppeltes Herz‘. Zur Bedeutung von Lüge und Fälschung in der Geschichtswissenschaft“ soll in seinem Versuch einer historisch-systematischen Herleitung und Begründung der verschiedenen Verwendungsweisen des Terminus „Geschichtslügen“ eine Klammerfunktion erfüllen: er muss die begrifflichen Grundlagen schaffen und die in Thema, Intention und Vorgehensweise sehr unterschiedlichen Einzelbeispiele zusammenhalten. Dies gelingt nur bedingt.

Im Anschluss an die Untersuchung von drei Beispielen für Geschichtslügen, die von einer Auseinandersetzung mit Heribert Illigs These vom erfundenen Mittelalter über die Funktionalisierung „protestantischer Geschichtslügen“ im konfessionellen Konflikt am Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zu einer Analyse der Bundestagsdebatte zur umstrittenen Wehrmachts-Ausstellung am 13. März 1997 reichen, enthält der Band noch ein Interview mit Professor Hans Mommsen. Das Interview liefert interessante Facetten zum Thema; der Zusammenhang mit den vorausgehenden Texten ist jedoch eher lose. Zum Schluss gibt „Geschichtslügen“ einige Hinweise auf eine Auswahl von „Lügen-Büchern“ (S. 147–153), wobei auch die hier ausgewählten Texte vor allem die Bandbreite der Beschäftigung mit dem Thema deutlich werden lassen; darüber hinaus bleiben die Kriterien der Auswahl für die Aufnahme in die kommentierte Kurzbibliographie eher im Dunklen.

Der Klappentext verspricht eine Auseinandersetzung mit der Metapher der ‚Geschichtslüge‘: „Aus unterschiedlichen Perspektiven versuchen die Autoren, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, um die politische, soziale und wissenschaftliche Bedeutung solcher Lügen und Fälschungen zu entschlüsseln.“ Diesem sehr ambitionierten Anspruch vermag das Buch mit seinem moderaten Umfang von gut 150 Seiten nicht gerecht zu werden. Was es tatsächlich leistet, formulieren die Autoren in ihrer Einleitung wie folgt: „Insgesamt zeigen die verschiedenen Beiträge dieses Buches, dass sich im Übergang von Geschichtswissenschaft und lebensweltlicher Beschäftigung mit der Vergangenheit ein weites Feld der Uneindeutigkeit, Ungewissheit und Unübersichtlichkeit eröffnet, auf dem heftige Auseinandersetzungen um Lügen und Fälschungen stattfinden“ (S. 11). Solche Uneindeutigkeit und Ungewissheit kennzeichnet jedoch nicht nur den Untersuchungsgegenstand, sondern in mancher Hinsicht auch das Buch selbst: Die angesteuerte Zielgruppe bleibt vage, die Auswahl der Beispiele erscheint nicht zwingend, der Zusammenhang der unterschiedlichen Teile des Buches wird nicht recht erkennbar. Zwar gelingt es den Autoren, die Bedeutung des Themas deutlich zu machen, aber ein systematisches Ausleuchten der Bedeutung von Geschichtslügen für Wissenschaft und Gesellschaft, wie es der Klappentext nahelegt, ist in diesem Format vermutlich schlicht nicht zu leisten.

Geschichtslügen, das heißt lügenhafte oder verfälschende Darstellungen historischer Ereigniszusammenhänge, sind zunächst ein Problem für die Historiographie als Fachdisziplin; sie haben aber oft ungeahnte Auswirkungen auf die Urteilsbildung der Allgemeinheit. Beklagt wird in diesem Zusammenhang, dass die Ergebnisse der Geschichtswissenschaft in der allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion über historische Sachverhalte weitgehend ignoriert werden. Hans Mommsen kritisiert dieses Phänomen als „Resultat einer generellen Enthistorisierung der deutschen Gesellschaft im Vergleich zu westeuropäischen Gesellschaften und des unglaublich niedrigen Sozialprestiges, das hierzulande Historiker haben“ (S. 140). Lügen und Legenden halten sich im allgemeinen gesellschaftshistorischen Diskurs auch dann noch hartnäckig, wenn sie von der Fachwissenschaft längst widerlegt worden sind. Diese Diskrepanz mag in vielen Fällen unproblematisch sein: Ob Luther wirklich wörtlich „Hier stehe ich, ich kann nicht anders" gesagt hat oder ob dieser Satz nur eine besonders einprägsame Zusammenfassung der Situation in Worms ist, kann vielleicht noch als ein untergeordnetes Problem gelten. Es ist zu vermuten, dass bestimmte Anekdoten oder Formulierungen unabhängig von ihrem historischen Wahrheitsgehalt aufgrund ihrer Prägnanz und Anschaulichkeit im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein eine gewisse narrative Beharrlichkeit entfalten. In anderen Fällen, die in die Gegenwart hineinreichen und so oft zum Gegenstand von „Geschichtspolitik“ werden – die kontrovers diskutierte Wehrmachts-Ausstellung oder auch die Diskussion um das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin wären hier als Beispiel zu nennen – kommt es jedoch tatsächlich auf den genauen Wortlaut der damit in Verbindung stehenden Texte an.

Eine Funktion der Geschichtswissenschaft als Fachdisziplin ist die Aufklärung von Geschichtslügen. Dies setzt voraus, dass es gültige Kriterien gibt, um zwischen Fälschung oder Lüge und Wahrheit zu unterscheiden. Tillmann Bendikowski verweist auf die Notwendigkeit einer Grenzziehung zwischen der Geschichtswissenschaft und einer Gedächtnisforschung, die Erinnerungskulturen als Teil des kollektiven Gedächtnisses untersucht. In einer Erinnerungskultur ist der Vorwurf der Lüge oder Fälschung nur schwer zu erheben, da Erinnerungen per se subjektiv und unvollständig sind. In seiner Untersuchung zur Bundestagsdebatte über die Wehrmachtsausstellung zeigt Bendikowski, wie sich die Frage nach der Geschichtslüge im Verlauf der Diskussion geradezu verflüchtigt, „indem die Redebeiträge von der Geschichte zur Erinnerung übergingen“ (S. 125). Für Historiker, die sich weiterhin mit dem Problem von Geschichtslügen befassen wollen, bleibt das Festhalten an einem Begriff von historischer Wahrheit, und sei es als heuristische Fiktion, jedoch unumgänglich.

Darmstadt, Ulrike Erichsen

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