Ellen Bos: Leserbriefe in Tageszeitungen der DDR. Zur "Massenverbundenheit" der Presse 1949-1989, 311 S., Westdeutscher Verlag, Opladen 1993.

In ihrer Dissertation untersucht Ellen Bos Entwicklungen in Konzeption und Realisierung des Leninschen Postulats der Massenverbundenheit der Presse vor dem Fall der Mauer anhand von Leserbriefen als einer Hauptform der Leserbeteiligung an der Pressearbeit. Methodisch bedient sie sich dabei der historisch-deskriptiven Analyse mittels der immanent-kritischen Methode von Ludz/Zirnrnermann; ergänzend hinzu zieht sie eine systematische Inhaltsanalyse von veröffentlichten Leserzuschriften sowie schriftliche und mündliche Befragungen von Journalisten im Frühjahr und im Spätherbst 1989. Noch in der Einleitung unterstreicht sie den spezifischen historischen Kontext einer Exilredaktion, in dem Lenins Postulat der Massenverbundenheit der Presse entstanden ist und der in DDR-Publikationen zumeist unberücksichtigt blieb. Im ersten Kapitel wird die Diskussion des Prinzips Massenverbundenheit in Leipziger Journalistik-Diplomarbeiten thematisiert, mit dem eindeutigen - keineswegs überraschenden - Befund, daß es sich bei dieser journalistikwissenschaftlichen Forschung um "reine Apologetik der presse- bzw. medienpolitischen Vorgaben der SED" gehandelt habe (41). Das folgende Kapitel behandelt die Konzeption des Prinzips Massenverbundenheit, das schon 1950 erstmals von der SED formuliert wurde und im Kern bis 1989 Bestand hatte. Dabei zeigen sich im Detail Verlagerungen von einer Schwerpunktsetzung bei der Volkskorrespondentenbewegung in den fünfziger Jahren hin zur Betonung der Leserbriefarbeit in den sechziger Jahren und wieder zurück zur stärkeren Gewichtung der Volkskorrespondentenbewegung seit der Frühphase der Ära Honecker. Schon seit 1950 waren die Redaktionen von der SED darauf verpflichtet, eigene und direkt der Chefredaktion unterstellte Leserbriefredaktionen zu bilden, die auch Leserpostanalysen für Partei und Massenorganisationen zu erstellen hatten (aus denen jedoch offenbar keine Konsequenzen gezogen wurden, vgl. S. 225). Freilich zeigt die Untersuchung von SED-Pressepolitik und journalistischer Theorie, daß die geforderte Massenverbundenheit der Presse, definiert "als Wechselverhältnis zwischen Presse und Massen" (89), keineswegs den Führungsanspruch der SED berührte, die objektiven Interessen der Massen zu vertreten. "Ein Mißverständnis wäre es, den Begriff Massenverbundenheit allzu wörtlich zu nehmen" (90). Das umfangreichste Kapitel der Arbeit ist der Realisierung des Prinzips Massenverbundenheit anhand der Arbeit mit Leserbriefen gewidmet. Detailliert arbeitet die Autorin heraus, wie die medienpolitischen Beschlüsse der SED umgesetzt wurden. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß nur etwa ein Drittel der veröffentlichten Leserbriefe "organisierte Briefe", zwei Drittel hingegen ,spontane" Briefe waren (216). Sie zeigt die verschiedenen Bezüge und Anliegen von Leserzuschriften verschiedener Zeitungen und deren unterschiedliche Inhalte. Es ergibt sich die Vermutung, daß sich die Redaktionen weniger an offiziellen Vorgaben als vielmehr an redaktionsinternen Präferenzen orientiert hätten (219). Anhand formaler Analyseaspekte ist ferner festzustellen, daß die Leserbriefarbeit nicht so sehr gesteuert, sondern "frei" abgelaufen sei (ebd.) . Zusammenfassend kommt Ellen Bos zu dem Schluß, daß eine Einschätzung der Leserbriefe hauptsächlich als Legitimationsinstrumente der SED deren Bedeutung keineswegs gerecht wurde. Vielmehr hätten Leserbriefe in den vierzig Jahren des Untersuchungszeitraums fünf verschiedene Funktionen auf verschiedenen Ebenen erfüllt: für die Partei seien sie eine Art Stimmungsbarometer gewesen, ebenso eine Informationsquelle über die Lage im Lande; andererseits konnten sie für die Partei auch zur Bestätigung ihrer Politik eingesetzt werden; für die Bürger seien sie eine Möglichkeit gewesen, "sich zu Problemen des täglichen Lebens zu äußern und Unzufriedenheit und Kritik mitzuteilen. Allerdings beschränkte sich die Kritik nahezu ausschließlich auf konkrete Mißstände in der Versorgungslage auf der örtlichen Ebene" (231). Schließlich hätten Leserdiskussionen durchaus eine gewisse Einflußmöglichkeit auf lokale Entscheidungen geboten. Als Ergebnis der Analyse ergibt sich, daß in begrenztem Rahmen durchaus die Chance gegeben war, "die Einbahnstraßen-Struktur der öffentlichen Kommunikation zu durchbrechen" (231).

 

Mannheim, Franz-Josef Hutter

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