Michael Braun: Italiens politische Zukunft, 190 S., Fischer, Frankfurt a. M. 1994.

Viel zu selten kommt es vor, daß sich aktuelle politische Veränderungen auf dem Buchmarkt in rasch zugänglichen kompetenten Veröffentiichungen niederschlagen. Die Gefahr von Schnellschüssen besteht ja insbesondere darin, daß sie von geringer Aussagekraft sind und zudem schnell veralten. Dies kann man von dem vorliegenden Buch allerdings weniger behaupten. Etwas irreführend ist vielleicht der Buchtitel, der eine stärkere Auseinandersetzung mit den Perspektiven des politischen Systems, der Reformfähigkeit breiter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bereiche und die Frage nach der künftigen außenpolitischen Haltung anbetrifft. In dieser Hinsicht weckt das Buch falsche Erwartungen. Es stellt vielmehr eine in weiten Teilen durchaus gelungene Auseinandersetzung mit den gravierenden Fehlentwicklungen und Fehlleistungen des politischen Systems Italiens dar. Der Autor folgt dabei teilweise auch politikwissenschaftlichen Erklaerungsversuchen, verfolgt aber nicht das Ziel einer theoriegeleiteten Untersuchung.

Das Buch macht indessen sehr deutlich, in welcher schwierigen Situation sich weitgehendeTeile der italienischen Gesellschaft, der Wirtschaft und des politischen Systems derzeitbefinden. Der Autor schaut denn auch eher in die Vergangenheit zurück und gibt einen eindrucksvollen Überblick über die bestimmten Krisenphänomene in Staat, Wirtschaft undGesellschaft Italiens. Dabei konzentriert sich das Buch weitgehend darauf, die Rolle der Parteien, der Regierung und der politischen Bürokratie beim Versuch des permanenten Machterhalts durch Formen des Ausbaus des Klientelismus, der Bestechung und der Protektion darzustellen. Dies sind zwar wohlbekannte Phänomene, die auch in der wissenschaftlichen Forschung und in der Diskussion über die Leistungen und Fehlleistungen des italienischen politischen Systems große Beachtung gefunden haben. Gleichwohl ist die empirische Aufarbeitung dieser Phänomene gelungen. Das Buch greift dabei nicht nur auf die jüngsten Krisenerscheinungen des politischen Systemns in Italien zueück, sondern ordnet,Tanentopoli' in den Kontext historisch gewachsener Strukturen des Klientelismus und der Bestechung ein. Die Reformunfähigkeit und die Blockade eines Machtwechsels bis zur erfolgreichen Umsetzung der Wahlrechtsreformen werden ebenso deutlich herausgearbeitet wie die Verstrickung von großen Teilen der politischen Klasse in die Korruption. Dies gilt ebenso für die Darstellung der für das politische System letztlich destruktiven Auswirkungen der Beziehungen der Politiker zur Mafia und zu verschiedenen Geheimlogen.

Vergeblich wartet der Leser allerdings auf eine Antwort des Autors nach der "Zukunft" des politischen Systems Italiens. Eine intensivere Auseinandersetzung mit den Entwicklungen nach den Parlamentswahlen vom März 1994 war dem Autor nicht mehr möglich. Das "Phänomen" Berlusconi und die gesamte Entwicklung des neuen Rechtsbündniisses aus Forza Italia, Alleanza Nationale und der Lega Nord finden immerhin insofern ihre Berücksichtigung, als daß der Autor die Entstehung dieser Bewegung darstellt.

 

Laxenburg, Helmut Breitmeier

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