Ernst Bruckmüller/Peter Claus Hartmann (Hrsg.): Putzger. Atlas und Chronik zur Weltgeschichte, 432 S., 103. Auflage, Cornelsen, Berlin 2002.

Wer beim Aufschlagen der neugestalteten "Großen Ausgabe" des Putzger den "Historischen Weltatlas" aus der Schulzeit in Erinnerung hat, wird überrascht sein: Es öffnet sich ein opulenter Bildband, in dem die Karten zwar weiterhin den meisten Raum einnehmen, jedoch durch eine Fülle von zusätzlichen Informationen umrahmt sind.

Neben Zeitleisten mit den wichtigsten Epochendaten, die den sechs Hauptkapiteln vorangestellt sind, finden sich quer durch den Band Abbildungen, Kurzbiographien wichtiger Persönlichkeiten, Stammtafeln bedeutender Herrschergeschlechter, Strukturgraphiken (z. B. zu Verfassungs- oder Wirtschaftsformen), Tabellen mit demographischen und anderen Daten sowie Erläuterungen zu Fachbegriffen. Und dies alles zusätzlich zu den Texten, die den Karten beigegeben sind und die wesentliche Merkmale einzelner Epochen vorstellen oder in Problemzusammenhänge einführen.

Beim Blick auf die Karten selbst entdeckt man dann allerdings doch viel Vertrautes: Der Kernbestand an Karten ist erhalten geblieben. Trotz gelegentlicher Aktualisierungen (durch Einarbeitung neuer Forschungsergebnisse, aber auch im Kartenbild selbst, z. B. durch weitgehenden Verzicht auf Höhenkonturen) handelt es sich im Wesentlichen um das bekannte Kartenmaterial. Dieses ist allerdings ergänzt worden um zahlreiche Karten zu Themen, die in den älteren Auflagen weniger berücksichtigt worden waren, so die Zeitgeschichte und die außereuropäische Geschichte, aber auch Aspekte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie der Kultur- und Religionshistorie. Im Anschluß an den Kartenteil findet sich noch ein "Staatenlexikon", das grundlegende Angaben zu allen Staaten der Erde enthält, darunter jeweils auch Daten aus ihrer Geschichte. Ein ausführliches Register, das neben Verweisen auf die Karten und Texte bereits Informationen zu den einzelnen Stichworten bietet, erschließt den Band vorbildlich.

Bei einem solcherart als Nachschlagewerk angelegten Atlas werden Benutzerinnen und Benutzer immer einzelne Punkte benennen können, die sie vermissen, oder Kritik an der Darstellung von Details haben. Doch erhofft man sich von dem Werk eine Zusammenführung der unterschiedlichen Informationen, die über eine bloße Addition von Material hinausgeht, dürfte auch grundsätzlich ein Gefühl der Enttäuschung nicht ausbleiben - zu unverbunden stehen die Angaben oft nebeneinander. So bieten die Seiten zum Themenkomplex "Rußland nach 1917" unter anderem Karten zur Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung und zur Urbanisierung der UdSSR. Begleitend dazu finden sich Statistiken und Tabellen zu den Völkern der Sowjetunion, dem Anteil der Stadtbewohner an der Gesamteinwohnerzahl, zur Entwicklung der Agrarproduktion und zur Produktion ausgewählter Industrieerzeugnisse. Doch weder sind die Angaben untereinander in Beziehung gesetzt noch in Verbindung zu den Karten gebracht. Es gibt keinen Überblickstext zur Wirtschaftsentwicklung der UdSSR, und die Herkunft der statistischen Angaben wird nicht belegt. Dadurch wird eine systematische Arbeit mit diesen Angaben nahezu ausgeschlossen, ist es doch gerade bei Statistiken häufig erforderlich, die Kriterien für die Zuordnung einzelner Werte zu kennen, um zu einer begründeten Interpretation zu gelangen.

Gerade das Zusammenspiel zwischen Karte und Begleittext findet zu selten statt. Abgesehen von einem allgemeinen thematischen Bezug laufen die Texte häufig unverbunden neben den Karten her. So bietet eine großformatige Karte Angaben zur "Kultur im Heiligen Römischen Reich im 18. Jahrhundert". Der knappe Begleittext beschränkt sich auf generelle Hinweise auf die Vielfalt der Kultur - was aber soll dann die einheitliche blaue Farbfläche, die das Reich auf der Karte kennzeichnet, zum Ausdruck bringen? Und welche Kriterien liegen der Auswahl der eingezeichneten Orte zugrunde? Kurz: Interessanter als die knappen Überblickstexte, deren Informationsgehalt häufig nicht über ein reduziertes Handbuchwissen hinausgeht, das aus anderen Quellen leicht zu beziehen ist, wären Kommentare zum Kartenbild selbst gewesen. Was da im Einzelnen zu sehen ist, erfordert weiterhin Kenntnisse über Zusammenhänge, die aus den Karten selbst, aber auch aus dem nun gebotenen Begleitmaterial nicht zu gewinnen sind. Angesichts der Mühe, die in die Zusammenstellung der ergänzenden Informationen geflossen ist, erscheint es bedauerlich, daß die Energie nicht darauf verwendet wurde, einen direkteren Zugang zur Benutzung der Karten zu schaffen.

Überdies rufen die Texte neue Fragen hervor. Stichworte wie "Genter Pazifikation" in der Datenleiste zur Karte "Der Freiheitskampf der Niederlande" bedürfen eigentlich selbst wieder der Erläuterung - eine solche findet sich aber in diesem Fall nur in den Stichworten zum Registereintrag. Mancher Hinweis im Text stellt geradezu die kartographische Darstellungsform in Frage. Der Text über "Aufstieg und Niedergang des Alexanderreiches" beschreibt, wie Alexander der Große "über die Grenzen Indiens hinaus an den Rand des vermeintlichen Weltmeeres" (S. 42) vordringen wollte - die dazugehörige Karte bietet aber eine grüne Farbfläche, die die Eroberungen Alexanders darstellen soll, auf der uns heute geläufigen Kartenansicht. Sicherlich wäre es ebenso problematisch gewesen, eine Karte zu rekonstruieren, die "Alexanders Welt" aus seinem Kenntnisstand heraus präsentiert hätte. Doch da der Begleittext selbst die Verschiedenheit zwischen heutigem und antikem Weltbild andeutet, wären Überlegungen zur Differenz zwischen beiden räumlichen Vorstellungswelten sicherlich instruktiver gewesen als die konventionelle, ebenfalls leicht an anderer Stelle nachzulesende Schilderung der Kriegszüge Alexanders.

Nun hätte es viel Raum erfordert, ein stärkeres Gewicht auf die Karteninterpretation zu legen - was die Frage aufwirft, ob es wirklich sinnvoll war, über 80 Seiten des Bandes dem "Staatenlexikon" zu widmen. Wieder handelt es sich um Informationen, die ohne große Mühe an anderer Stelle nachgeschlagen werden können und die keinen direkten Bezug zum Kartenteil erkennen lassen. Zudem veralten natürlich gerade die Angaben zu Staatsoberhäuptern, Regierungschefs oder Einwohnerzahlen relativ rasch. Dies macht für Folgeauflagen ständige Revisionen erforderlich und zwingt die Benutzer des Werkes nach einer gewissen Zeit doch dazu, andere Nachschlagewerke zu Rate zu ziehen. Dieser Raum hätte sich vielleicht für ausführlichere Kartenkommentare nutzen lassen.

Oder sogar für die Karten selbst: Denn trotz der großformatigen Anlage des Bandes bleiben viele Karten zwischen den Begleitinformationen auf eine relativ kleine Fläche beschränkt - die meisten sind letztlich nicht größer als in der herkömmlichen Schulausgabe; manche großflächige Karte, die über zwei Seiten ausgreift, ragt zudem so tief in die Bindung des Buches hinein, daß das Kartenbild gerade im Zentrum der Darstellung nicht vollständig zu erkennen ist. Hier hat womöglich das Ziel, den Band ästhetisch ansprechend zu gestalten, dazu geführt, auf die Nutzung des Querformats, das mancher Karte angemessener gewesen wäre, zu verzichten.

Insgesamt bleibt somit festzuhalten, daß die neue Putzger-Ausgabe in Fragen der historischen Kartographie (bewußt, aber doch: leider) keine neuen Wege einschlägt, sondern auf die bewährten Karten setzt. Stattdessen bietet sie eine Fülle zusätzlicher Informationen, die nicht immer zufriedenstellend miteinander verknüpft sind. Bei aller Kritik ist aber auch zu sagen, daß die Neuausgabe sich gelohnt hat: Die Zahl der Karten ist deutlich vermehrt worden und bei der Fülle an Informationen im Begleitmaterial dürfte für jeden Benutzer und jede Benutzerin Interessantes und Unbekanntes zu entdecken sein - gerade auch im Hinblick auf einen "problemorientierten" Umgang mit Geschichte. So ist die Karte zu Umweltkatastrophen in der ehemaligen Sowjetunion ebenso frappierend wie die zur Zahl der Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit der Vereinigung 1990.

Sicherlich wurde das selbstgesteckte Ziel der Herausgeber erreicht, ein breit angelegtes Nachschlagewerk zur Weltgeschichte vorzulegen - das allerdings in seiner Kombination von Karten, Zeittafeln und Strukturgraphiken durchaus schon Konkurrenz auf dem Buchmarkt vorfindet, z. B. den verbreiteten "dtv-Atlas zur Weltgeschichte". Von diesem hebt sich der Band allerdings durch seine ausgesprochen bibliophile Ausstattung, insbesondere die vielen Abbildungen, ab. Dennoch bleibt die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, den Anspruch eines umfassenden Nachschlagewerks aufzugeben zugunsten eines historischen Atlas, der durch seine Verbindung von Karte und Kommentar maßstabsetzend geworden wäre. Für Benutzerinnen und Benutzer hätte dies einen wirklichen qualitativen Sprung nach vorne bedeutet.

 

Darmstadt, Detlev Mares

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