Philippe Buton: Les lendemains qui déchantent. Le parti communiste francais à la Libération, 352 S., Presses de la Fondation nationale des sciences politiques, Paris 1993.

Seit Jahrzehnten treibt die französische Zeitgeschichte die Frage um, welche Ziele die kommunistische Partei bei der Befreiung wirklich verfolgte und welche Strategien ihrem Handeln zugrundelagen. Vielerlei Bücher und Artikel - die wichtigsten vielleicht von Annie Kriegel, Stéphane Courtois, Jean-Jacques Becker, Philippe Robrieux, Maurice Agulhon oder Jean Ellenstein - sind dazu verfaßt worden, die Tragweite der getroffenen Aussagen litt jedoch zwangsläufig an der spärlichen Quellengrundlage.

Zwar bleibt der Zugang zum PCF-Parteiarchiv für sensible Aspekte der eigenen Geschichte nicht-kommunistischen Historikern weiter verwehrt (S.12), doch dank seiner Ausdauer und der Auswertung einer Vielzahl anderer Fonds und Informationsmittel konnte Philippe Buton diesen Tatbestand kompensieren. Buton, inzwischen Privatdozent an der Universität Reims, führte während der letzten 15 Jahre unzählige Interviews mit relevanten Akteuren, bearbeitete einschlägige Bestände in den Archives nationales und dem Service historique de l'armée de terre, daneben diverse Privatnachlässe und nicht zuletzt die Notizbücher von Marcel Cachin, deren Bedeutung nun durch ein kürzlich angelaufenes Editionsprojekt Rechnung getragen wird. Schließlich ließ er es sich für die Überarbeitung der von Antoine Prost betreuten und bereits 1988 an der Universität Paris I verteidigten Dissertation nicht nehmen, seine bisherigen Recherchen durch die in Moskau aufgetauchten französischen Archivalien zu ergänzen. Auf dieser gesicherteren Materialgrundlage kann Buton nicht nur minuziös Antwort darauf geben, ob die PCF in den Monaten nach der Libération die Macht ergreifen wollte, sondern gelangt darüberhinaus zur Berichtigung oder Relativierung einiger althergebrachter Vorstellungen auf der einen Seite, zur Bestätigung einiger älterer Hypothesen auf wackeliger Quellenbasis auf der anderen.

Bekräftigt findet sich z.B. die Annahme von der alles andere als monolithischen Führungsgruppe der PCF 1943/44, deren drei Pfeiler, Thorez bei Stalin in Moskau, Billoux, Marty und Fajon in Algier bei de Gaulle sowie Duclos, Frachon und Tillon im hexagonalen Widerstandskampf, sich durch sporadische Kontakte, persönliche Rivalitäten und politisch-strategische Divergenzen auszeichneten (S.38f. u. 46ff.). Ebenfalls untermauert werden die Einschätzungen der zentralen Rolle der Machtergreifungsdebatte im Rahmen kommunistischer Reflexion und Politik (S.19) sowie einer "tactique à géométrie variable" (JeanPierre Rioux), einem von vorneherein mehrgleisigen parteiinternen Kalkül (z.B. S.73). Als Mythos erweist sich dagegen die These von der Selbständigkeit der PCF gegenüber Moskau, und dies für den gesamten Bearbeitungszeitraum von Ende 1942 bis September 1947. Zwar läßt sich vor allem seit 1945 ein Trend zu erhöhter Autonomie aufgrund des enormen Gewichts der Partei in der französischen Politik festellen, doch konnte von wirklicher Unabhängigkeit - wie der Autor anhand der Moskauer Archive nachweist - nie die Rede sein (S.41f. u. 257-264).

Was nun konkret die Frage kommunistischer Machtergreifung anbelangt, so erkennt Buton nicht einen, sondern zwei solche Vorstösse in den Monaten nach Befreiung und Kriegsende. Der erste Versuch war Ausfluß einer "Doppelstrategie", wie sie die PCF in verschiedenen Variationen von Mitte 1944 ab verfolgte (S.73), und dies über das Scheitern der "insurrection nationale" hinaus (S.102-lO6) bis in die ersten Wochen nach der Rückkehr von Maurice Thorez aus Moskau (S.124, 163f., 172 u. I90). Sie bestand einmal in der möglichst intensiven Mitarbeit am Wiederaufbau- und Reformwerk der Provisorischen Regierung, zum anderen im Aufbau einer "Konkurrenzgewalt" durch Ausweitung des kommunistischen Einflusses im militärischen, polizeilichen, politischen und wirtschaftlichen Sektor (S.I53).

Der zweite Versuch, an die Schalthebel der Macht zu gelangen, beruhte auf dem Bewußtsein politischer Stärke der mit über einem Viertel der abgegeben Stimmen als "premier parti de France" aus den Oktoberwahlen 1945 hervorgegangenen PCF. Ziel war es zunächst, de Gaulle als Regierungschef auszuschalten und mit Hilfe der Sozialisten durch Thorez zu ersetzen (S.209-2I5), dann eine "Volksdemokratie" zu errichten durch "Säuberung" des Staatsapparates, Absorption der SFIO, Etablierung einer gewerkschaftlichen Massenbewegung und einer hegemonialen kommunistischen Partei (S 255f.). Den Rücktritt de Gaulles am 2O.Januar 1946 mochte sich die PCF-Führung noch subjektiv als Erfolg an die Brust heften (S.217), alle weiterreichenden Pläne scheiterten allerdings, nicht zuletzt aufgrund eines politischen Kräfteverhältnisses, das sich in den folgenden Urnengängen nur geringfügig zugunsten der PCF verändern sollte und nicht durch die Präsenz der Roten Armee - wie in den künftigen Volksdemokratien Osteuropas - modifizieren ließ (S.313f.)

Es gilt dennoch festzuhalten, daß der den französischen Kommunisten zwischen Liberation und der politischen Streikbewegungen seit Herbst 1947 häufig zugeschriebene Begriff des "Stabilisierungskurses" einer Relativierung bedarf. Er beschreibt schließlich nur die eine, die offensichtliche Seite der historischen Realität, erfaßt aber weder angemessen die offiziöse Linie noch die Prekarität der offiziellen. Die 1944/45 in staatliche und administrative Spitzenpositionen einrückenden nicht-kommunistischen Pariser Fürhrungsgruppen waren sich im übrigen der Möglichkeit eines abrupten PCF-Kurswechsels immer bewußt. Damit akzentuiert Butons rigide strukturierte Untersuchung - zwölf chronologisch geordnete Kapitel mit jeweils fünf Unterabschnitten - implizit die überaus engen Handlungsspielräume dieser Entscheidungsträger für Formulierung und Implementierung innen- wie außenpolitischer Grundsätze.

Dem widerspricht auch nicht das Gesamtbild, das er in partieller Absetzung gegenüber traditionellen Anschauungen von der PCF entwirft. Mehrfach hebt Buton nicht nur Dynamik und Attraktivität der kommunistischen Gegenkultur hervor, nicht nur Mitgliederzuwächse, "Satllitenausbau" sowie Omnipräsenz in Presse, Gewerkschaften und Öffentlichkeit (S.l24ff. u. 2l7ff.), sondern daneben gewisse Schwächen, besonders organisatorischer Art (S.l27ff. u. 230). Auch in wahl- und soziostruktureller Hinsicht unterstreicht er die Ambivalenz der Parteisituation, wirft damit Schatten voraus auf die zunächst langsame aber stetige Erosion der Partei seit Mitte der 50er bzw. die dann rapide Abwärtsentwicklung seit Anfang der 80er Jahre: neben die gewaltige Einf lußzunahme auf die hexagonalen Verhältnisse stellt er die beginnende Deproletarisierung der Partei mit abnehmender Anziehungskraft auf die französische Arbeiterklasse (S.264, 279 u. 285ff.), die beträchtliche quantitative und geographische Expansion kommunistischer Verankerung nuanciert er durch den Hinweis auf die einsetzende Verschiebung des organisatorischen Gravitationszentrums in Richtung ländlich-bäuerlich geprägter Regionen im Herzen Frankreichs (S.274f.).

Über alle - im einzelnen gewiß berechtigten - Relativierungen hinweg sollte jedoch nicht der eigentlich wirkmächtige Tatbestand einer politisch, sozio-ökonomisch und kulturell-intellektuell präponderanten kommunistischen Partei Frankreichs überdeckt werden, an der sich sämtliche anderen Kräfte auszurichten hatten. Für zeitgenössische nicht-kommunistische Akteure waren gewisse strukturelle Schwächemomente der PCF nur begrenzt wahrnehmbar, ganz im Gegensatz zu deren offenkundiger Stärke und potentieller Gefahr für Wiederaufbau und Modernisierung des Landes. Dies galt es im politisch-administrativen Tagesgeschäft gebührend zu berücksichtigen, wie beispielsweise die frühen regierungsinternen Diskussions- und Entscheidungsprozesse zur Deutschlandpolitik verdeutlichen, bei denen die ebenso mobilisierungskräftige wie germanophobe POF indirekt eine gewichtige Bremserrolle spielte.

 

Saarbrücken, Dietmar Hüser

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