Colton, Timothy J.: Moscow. Governing the Socialist Metropolis, 939 S., Harvard UP, Cambridge, MS/London 1995.

Man glaubt es dem Autor, Direktor des „Russian Research Center“ an der Harvard-Universität gerne, dass er „über ein dutzend Jahre“ an seinem voluminösen Werk arbeitete. Äußerst selten wird man zur modernen russisch-sowjetischen Stadtgeschichte auf eine so reichhaltige, auf umfangreiche Literatur- und Archivrecherchen gestützte Arbeit stoßen. Coltons Moskau ist Stadtgeschichte als Hauptstadtgeschichte, eine Stadtmonographie, wie sie von den politischen Großereignissen unmittelbar und massiv konturiert wird. Revolution, Stalinismus, langsame Entstalinisierung sind nicht nur Themen national dimensionierter Politikgeschichte, sondern spiegeln sich unmittelbar am riesenhaften Wachstum der Stadt Moskau, wie es kaum noch kontrollierbare Wohn- und Umweltprobleme hervorbrachte, die von der Partei- und Staatsspitze unter Einsatz gigantischer Ressourcen zu kontrollieren gesucht wurden. Doch die Planung von ,oben‘, wie es Colton sieht, blieb hinter dem Tempo demographischen Wachstums zurück und die rasche Wucherung industrieller und militärischer Sonderinteressen und Apparate schuf Ungleichheiten in der Stadtentwicklung, die den postulierten städtebaulichen Idealzielen vollends widersprach. Colton bietet eine (für sozial- und kulturgeschichtliche Gesichtspunkte durchaus offene) politische Geschichte der Moskauer Stadtentwicklung, bei der trotz positivistischer Ausuferungen klare Schwerpunkte zu erkennen sind: Das Schicksal der politischen Intelligenz, der unmittelbare Einfluss des großen Diktators, die Wohnungsbauentwicklung (von 7,5 m2 Wohnfläche/Einwohner auf 4,1 m2 im Jahre 1940 und 11,4 m2 im Jahre 1985), die Grundversorgung der Einwohner, der Umgang mit Denkmälern (rigorose Abrisse, aber auch Denkmalkulte) und die soziale Segregation unter den Bedingungen sozialistischer Stadtentwicklung. Manchmal gleitet Colton in eine vereinfachende Terminologie: Der im Stalismismus oder schon vorher entstehende industriell-bürokratische Komplex kann wohl kaum hinreichend als „business interests“ bezeichnet werden.

Heidelberg, Clemens Zimmermann

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