Daniel, Ute/Siemann, Wolfram (Hrsg.): Propaganda: Meinungskampf, Verführung und politische Sinnstiftung 1789–1989, 248 S., Fischer, Frankfurt a. M. 1994.

Mit den Wirkungen von Propaganda geht es dem Betrachter häufig so, wie es Dorothy L. Sayers für Fakten und Kühe beschreibt: Schaut man ihnen zu genau ins Gesicht, laufen sie in der Regel davon. Der von der Siegener Historikerin Ute Daniel und dem Trierer Geschichtsprofessor Wolfram Siemann herausgegebene Sammelband ist sich trotz seines etwas reisserischen Untertitels dieses Problems bewusst. Während die Präsenz von Propaganda in der neueren Geschichte inflationär zugenommen hat, ist deren Effizienz mehr als zweifelhaft. Die negativsten Einschätzungen ihrer Wirksamkeit, das stellen gleich mehrere Aufsätze des Bandes fest, kommen von den Propagandisten selbst. Weshalb also überhaupt Propaganda? Die Frage stellt sich implizit beim Studium des gesamten Bandes, und wird von ihm doch nur indirekt und beiläufig behandelt, am besten vielleicht in dem auf den ersten Blick fehlplazierten Aufsatz von Zygmund Bauman über die zwiespältige Rolle der Intellektuellen. Propaganda ist das Steuerungselement, das die herrschende Klasse mit der Masse kommunizieren lässt – und zwar einseitig und ohne die Kluft zwischen beiden zu schmälern. Damit ist sie sowohl die Konsequenz der aufklärerischen Einsicht in die Bild- und Formbarkeit des Menschen wie deren Perversion, die mögliche Angleichungs- und Gleichheitsutopien radikal abschneidet und durch Steuerungsideen ersetzt. Die Entwicklung der Propaganda zeigt hierbei deutlich, dass bereits sehr früh die Wirksamkeit von Zensur, der negativen Form der Meinungsbeeinflussung, angezweifelt und stattdessen das Potential von positiver Beeinflussung, eben durch gesteuerte Zeitungs- und später Rundfunkmeldungen, aber auch Gerüchte, Plakate, Bücher, Bildbände, Feiern, Ehrungen und Filme erkannt wurde. Der gewählte Zeitrahmen für den Band, der seine Betrachtung von Propaganda zwischen zwei sehr unterschiedlichen geschichtlichen Umwälzungen, der Französischen Revolution und dem Fall der Mauer, ansetzt, bekommt so indirekt Sinn. Ein ähnlich lockerer aber fühlbarer Zusammenhalt kennzeichnet die Einzelbeiträge, die von den Anfängen deutscher Pressepolitik im 19. Jahrhundert bis zum Geschichtsbild der Ära Honecker einen reichen Überblick über – meist staatliche – Eingriffe in das Meinungsbild der Bevölkerung bieten. Lediglich Gerd Krumeichs Aufsatz über Kriegsfotografie des Ersten Weltkriegs vermag dieses „gouvernementale“ (ein beliebtes Adjektiv des Bandes) Bild von Propaganda aufzubrechen und daran zu erinnern, dass Interventionen im Bereich der öffentlichen Meinung keineswegs nur staatlichen Organen und Parteien vorbehalten sind. Auch Paul Noltes farbige Studie des Parteienstreits im badischen Ettlingen im Vormärz erinnert an die Komplexität dessen, was wir heute gerne vereinfachend als ‚Meinungsmache‘ abtun. Trotzdem hätte vielleicht eine Erweiterung der Perspektive dem Band gutgetan, die neuere Medienentwicklungen wie im Golfkrieg und in Berlusconis Italien oder auch nur die im westlichen Nachkriegsdeutschland dominierende „amerikanische“ Verflechtung von Politik und Werbung reflektiert. So bleibt der Teil des Bandes, der aktueller Geschichte gewidmet ist, auf eine einseitige (und oft vorhersehbare) Abrechnung mit den mittlerweile zusammengebrochenen Propagandainstrumentarien der ehemaligen Sowjetunion und der DDR in Beiträgen von Sabine Rosemarie Arnold und Guenther Heydemann beschränkt. Ausgeblendet bleibt etwa die allgegenwärtige Propaganda im Umfeld der deutschen „Wiedervereinigung“. Von dieser, sicher aus Zeitgründen entstandenen, Lücke abgesehen, erfüllen die Beiträge des Bandes ihre Aufgabe aber vorbildlich. Besonders umfassend versucht der Beitrag von Ute Daniel über gouvernementale Selbstrepräsentation vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik eine vergleichende Bewertung staatlicher Propaganda. Dabei kommt sie zu einigen schlagende Aussagen, wie etwa, die Weimarer Republik habe sich als Demokratie mit ihrer restriktiven Medienpolitik zu Tode geschützt und dadurch die Instrumentarien bereitgestellt, die das ‚Dritte Reich‘ dann fugenlos übernehmen konnte. Interessant auch, dass die Ära Adenauer in ihrer Staatsgläubigkeit wohl in der Propaganda keineswegs ein verwerfliches Instrument sah, gleichwohl aber – in erschreckender historischer Kontinuität – bis unter der grossen Koalition 1967 die Mittel dazu einem kaum kontrollierten Geheimfonds entnahm. Hier deutet sich ein ethisches Grundproblem demokratischer Gesellschaften an. Ohne eine Steuerung der Bevölkerung, von der eigentlich alle Staatsgewalt ausgehen soll, kommen selbst diese nicht aus – und dürfen es auch nicht, woran zum Beispiel der den Parteien in der Verfassung gegebenen Auftrag zur politischen Willensbildung erinnert. Auch Wolfgang Piereths Aufsatz ueber Propaganda im 19. Jahrhundert vermag es, konzise und informativ einen Überblick über die eigentliche Konstitutionsphase staatlicher Propaganda zu geben. Ähnlich genau und sehr detailliert schildert Peter Jungblut die teils institutionelle, teils an die Person Otto Hammanns geknüpfte Geschichte der Propaganda unter vier Reichskanzlern von 1890 bis 1916. Felix Möllers Aufsatz über das keineswegs reibungslose Zusammenspiel von nationalsozialistischer Propaganda während des ‚Blitzkriegs‘ mit der – durchaus nicht einfach zu manipulierenden – Filmindustrie fasst vielleicht am griffigsten die implizite Grundthese des Bandes zusammen. Sie besagt, dass Meinung keineswegs einfach hergestellt oder beeinflusst werden kann. Meinung entsteht keineswegs durch Lenkung „von oben“, sondern setzt sich aus einer Vielzahl von Einflüssen zusammen, von denen die weitaus meisten im persönlichen Lebensumfeld der Zielgruppen liegen, die durch Propaganda erreicht werden sollen. Diese verstehen es aber durchaus, propagandistische Einflussversuche zu identifizieren und lehnen sie häufig ab. Diese differenzierte Sicht von Propaganda grenzt sich wohltuend von Entlastungsfiktionen ab, die besonders in simplifizierenden Betrachtungen des ‚Dritten Reiches‘ häufig sind. Wenn Propaganda Meinungen formt, dann immer auch, weil eine Bereitschaft zur Akzeptanz der propagandistischen Botschaft gegeben ist. Auch wenn eine weitere Bewertung dieser komplexen und in letzter Instanz kognitiven Selbst- und Weltbildkonstruktionen jenseits des Horizonts des vorliegenden Bändchens liegen muss, schaffen es seine – zum großen Teil recht junge – Autor/innen, durch gut recherchierte und lesbar geschriebene Beiträge den Blick auf diese Problematik offen zu halten und gleichzeitig eine Fülle von Material für seine weitere Bearbeitung zur Verfügung zu stellen. Ohne seine einführend konstatierte Einsicht zu untergraben, dass Propaganda letztendlich kein fest umrissenes Objekt ist, sondern vielmehr immer eine bereits wertende Projektion im Sinne von „Propaganda ist, was die anderen tun“, gelingt es dem Band, diese Projektion zu systematisieren, ohne sie damit zum bloßen historischen Gegenstand zu verfestigen. Für diesen gelungenen Balanceakt, der gerade Historikern in der Regel schwerfällt, verdient er über die Qualität der Einzelbeiträge hinaus Lob.

Cardiff, Rainer Emig

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