Gilmartin, Christina K. u. a. (Hrsg.): Engendering China. Women, Culture, and The State, 454 S., Harvard UP, Cambridge, MA 1994.

Das Rahmenthema dieses Konferenzbandes ist eine Analyse der neuzeitlichen Entwicklung der chinesischen Gesellschaft aus der Perspektive der Geschlechterbeziehungen. Welchen Stellenwert nehmen Frauen in der Phase von Staatsbildung und Revolution, in den Beziehungen zwischen Staat und Individuum, in Literatur, in Medizin und Wissenschaft sowie in der jüngsten Periode wirtschaftlicher Reformen ein? Darauf geben die 16 Beiträge der amerikanischen und chinesischen Autorinnen Antworten. Ihre Ergebnisse führen zu einem eindrucksvollen Bild der Vielfalt weiblicher Identitäten in China seit dem 16. Jahrhundert. Die unterschiedlichen ideologischen Konstrukte des Frauenbildes in der patriarchalischen Gesellschaft werden aufgezeigt und die wechselnden Schwierigkeiten bei der Formulierung von Frauenfragen im Rahmen der Modernisierung der Volksrepublik China verdeutlicht.

Die Beiträge des Bandes sind gleichmäßig auf vier Themenbereiche verteilt. Im ersten Abschnitt, „Beyond Family, Household, and Kinship“, steht das Engagement von Frauen außerhalb ihres traditionellen Betätigungsfelds der Großfamilie im Mittelpunkt. Susan Mann stellt Dichterinnen des 18. Jahrhunderts vor, die an der klassischen Moral und Familienbezogenheit festhielten und mit ihrem Engagement keineswegs eine weibliche Rebellion gegen das traditionellen Gesellschaftssystem zu Ausdruck brachten, wie ihnen von ihren männlichen Kritikern vorgeworfen wurde. Auf eine andere Form eigenständiger weiblicher Literatur macht Cathy Silber mit den Frauenschriften (nüshu) aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufmerksam, die auf enge Frauenfreundschaften zurückgehen. In diesen brieflichen Zeugnissen formulierten viele junge Frauen ihre Lebensängste, aber auch ihren Widerwillen gegen das traditionelle Heiratssystem. In die Gegenwart führt Chen Yiyuns kritische Diskussion der Übertragbarkeit westlicher soziologischer Forschungsmethoden auf China. Eine besondere Schwierigkeit stellt zum Beispiel die Tatsache dar, dass Chinesinnen immer nur auf Befragungen so antworten, wie es in der Gesellschaft von ihnen erwartet wird.

Im zweiten Abschnitt, „Sex and the Social Order“, geht es um verschiedene Möglichkeiten der Verflechtung von Sexualität mit sozialen und nationalen Identitäten. Katherine Carlitz veranschaulicht an Darstellungen tugendhafter Frauen in Geschichtswerken der späten Ming-Zeit (16. Jahrhundert), wie weibliche Körper Tugendhaftigkeit und politische Loyalität symbolisierten und gleichzeitig Objekte sinnlicher Begierde darstellten. Charlotte Furth kritisiert Van Guliks berühmtes Werk über Sexualität im Alten China als westliche Konstruktion „orientalischer“ Sexualität und interpretiert seine Quellen – „Handbücher für Schlafgemächer“ (fangshu) und medizinische Werke – im Kontext traditioneller Lebensverlängerungspraktiken und Zeugungsmethoden. Besonders gelungen ist der Beitrag von Gail Hershatter über den Umgang mit der Prostitution in Shanghai während der Republikzeit (1912–49). Es gab nicht nur eine Hierarchie von Prostitutierten – angesehene Kurtisanen (chanQsan) und Straßenmädchen (piao) –, sondern auch innerhalb der Elite und der aufkommenden Mittelschicht unterschiedliche Einstellungen gegenüber diesem Gewerbe, die von Nostalgie über Duldung, Verachtung, Ekel bis zur Furcht reichten.

Im dritten Abschnitt, „Where Liberation Lies“, erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Befreiung der Frau. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts zeigte sich die enge Verbindung der Frage der Befreiung mit dem Prozess der Staatsbildung. Ein Beispiel dafür bietet die Phase der Nationalen Revolution in der Provinz Guangdong während der Jahre 1924–27. Christina Gilmartin schildert die Anfänge chinesischer Frauenorganisationen, die von Debatten um die Priorität von Nationalismus oder Emanzipation der Frauen gekennzeichnet waren. Auf starke Unterschiede in den Gefühlen, befreit worden zu sein oder nicht, stieß Lisa Rofel bei Frauen verschiedener Generationen, Schichten und Arbeitspositionen bei ihren Befragungen in einer Seidenfabrik in Hangzhou. Tyrene White kritisiert in ihrem Beitrag, dass mit dem Ausbau staatlicher Familienplanung die Frauen zunehmend an Einfluss auf ihre persönliche Lebensgestaltung verloren haben. Die Gesetzesreformen der achtziger Jahre führten schließlich zur „Biologisierung“ der Frau als physisch schwächeres Geschlecht. Wie Margaret Woo zeigt, hatte dies unter anderem die Diskriminierung von Frauen bei der Arbeitssuche zur Folge.

Der vierte Abschnitt, „Becoming Women in the Post-Mao Era“, widmet sich den neuen Visionen von Weiblichkeit seit 1976, die die bis dahin kaum gekannte Entwicklung eines Selbstbewusstseins unter den Frauen dokumentieren. Eine interessante Erscheinung in der Literatur ist die Darstellung von Krankheit als Metapher der Opferrolle chinesischer Frauen. Zhu Hong schildert, wie Krankenhausaufenthalte zu Chancen neuer Bewusstswerdung der weiblichen Figuren werden. Die Entmaoisierung schlug sich auch in der chinesischen Sprache nieder. Tani Barlow erläutert die Ablösung des maoistischen Begriffs „(nationales) weibliches Subjekt“ (funü) durch „Frau (als das andere menschliche Wesen)“ (nüxing) und „Frau (als Kategorie der Sozialgeschichte)“ (nüren). Zu den wichtigen Erkenntnissen Li Xiaojiangs gehört es, dass die vom Staat propagierte Gleichstellung der Frau zu keinem wirklichen Fortschritt geführt hat, sondern nur eine Übernahme von an Männern orientierten Maßstäben in der Gesellschaft bedeutet.

„Engendering China“ enthält interessante Anregungen, wenn auch das Niveau der einzelnen Beiträge sehr unterschiedlich ist. Die Stärken des Bandes liegen in den kulturhistorischen Interpretationen, seine Schwächen in den literaturwissenschaftlichen Beiträgen. Auch die Diskrepanz zwischen westlichen und chinesischen Autorinnen ist offensichtlich. Bedenkt man allerdings das politisch schwierige Umfeld chinesischer Forscherinnen, so ist ihnen zusammen mit ihren amerikanischen Kolleginnen ein wichtiger erster Schritt im west-östlicher Diskurs gelungen, wie er in anderen Bereichen der Chinaforschung noch selten ist.

Düsseldorf, Sabine Dabringhaus

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