Gray, Robert: The Factory Question and Industrial England, 1830–1860, 253 S., Cambridge UP, Cambridge u. a. 1996.

Die Arbeit von Gray zielt auf ein Untersuchungsgebiet, das zu den ‚großen‘ und vielbefassten Themen der europäischen Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte zählt: Die Gründe für und die Entstehung jenes industriellen Fabriksystems im England des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, ein System, das von dort aus seinen Siegeszug über die gesamte (nicht nur) Erste Welt antreten sollte. Aufgrund der Fülle der bereits vorhandenen Studien wäre daher auch zunächst zu vermuten, dass Gray mit der vorliegenden Arbeit kaum noch Neues zum Thema erschlossen habe. Dies ist jedoch keineswegs der Fall; Gray gelingt es vielmehr auf geradezu brilliante Weise, die Diskussion um die Entstehung und Ausbreitung des fabrik-industriellen Regulationsmodus um eine neue These zu bereichern. Seinen empirischen Ausgangspunkt bildet dabei weniger die (inzwischen auch weitgehend erforschte) ‚faktische‘ Entwicklung des Fabriksystems, sondern die Diskussion um dieses. Wie auch inzwischen am deutschen Beispiel aufgezeigt, war die Entstehung und Durchsetzung auch des englischen Fabriksystems von einer intensiven politischen und vor allem kulturell-moralisierenden öffentlichen Debatte begleitet. Diese ging gewisserweise sogar der ‚tatsächlichen‘ Entwicklung um einige Jahre voraus.

Im ersten Teil seiner Untersuchung befasst sich Gray daher mit der Industrialisierungs-, genauer Fabrikdebatte, die in Großbritannien um etwa 1830 einsetzen sollte. Ihren Ausgangspunkt bildete offenkundig die moralisierende Gleichsetzung von Fabrikarbeit und Sklaverei, aus der sich dann eine humanitäre Reformgesinnung sowie Elemente einer Reformrhetorik entwickelten. Daraus leiteten sich in einem zweiten Schritt öffentliche Reform- und Regulierungsbestrebungen ab, die nicht nur zur staatlichen Kontrolle der Fabrikarbeit führten, sondern auch die Unternehmer zur Selbstkontrolle zwangen. Aus diesem gesamten Prozess entstand schließlich ein allgemeines Vorstellungsbild „der“ Fabrik, das schließlich auch international beispielgebend wirkte. Diese Verschränkung von „idealer“ Fabrik und Regulierung der Fabrikarbeit bildet dann den zweiten Teil der Untersuchung, hier vor allem als Nachweis dieser „ideellen“, kulturell-moralisierenden Vorstellungen auf die Durchsetzung des Zehn-Stunden-Tages zur Regulierung der Fabrikarbeit.

Die Quintessenz der Studie lässt sich folgendermaßen umreißen: Die Debatte um die Fabrik im sich zur Industriegesellschaft entwickelnden England zeigt, dass das zeitgenössische, öffentliche Interesse an der Fabrik und den Zuständen in dieser selbst ein Element von nicht zu überschätzender historischer Bedeutung war. Zur Durchsetzung des Fabriksystems gehörte daher auch ein „Image“ der Fabrik, dass von bestimmten Charakteristika geprägt war (Arbeitsteilung, Maschinenarbeit, kontinuierliche Beschäftigung, auch von Frauen und Kindern usw.). Dieses „Image“ wurde noch von der staatliche Kontrolltätigkeit und soziopolitischen Aufmerksamkeit verstärkt und verdichtete sich durch Reportagen, Romane und so weiter zur Topographie industriellen Arbeitens und spezifischer Industriebezirke. Das industrielle England entstand daher auch als imaginativer, als idealtypischer Ort, der zugleich die Möglichkeiten und Grenzen der Kapitalakkumulation und des dazu erforderlichen Wandels angab. ‚Industrialisierung‘ ist daher aus dieser Perspektive das Produkt einer kulturellen Transformation, die über die Grenzen der Fabrikarbeit entschied.

Damit offeriert Gray zugleich eine wertvolle Quintessenz für die aktuelle wirtschaftspolitische Diskussion: Arbeitsmärkte werden in deren Grenzen und Potentialen offenkundig kulturell konstruiert. Schon die frühe Industrialisierung hat somit ein kulturelles Rahmenwerk entwickelt, das ökonomische Effizienz und deren Grenzen bestimmt. De-Regulierung ist somit nichts anderes als der Versuch, neue Regulationsmodi zu etablieren.

Siegen, Detlef Briesen

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