Hans-Joachim Heinz: NSDAP und Verwaltung in der Pfalz. Allgemeine innere Verwaltung und kommunale Selbstverwaltung im Spannungsfeld nationalsozialistischer Herrschaftspraxis 1933-1939. 583 S., Gardez-Verlag, Mainz 1994.

 

Ein nationalsozialistischer "Mustergau" sollte die Pfalz werden. Das war das erklärte und mit brutaler Hartnäckigkeit durch- gesetzte Ziel von Gauleiter Joseph Bürckel. Welche Rolle dabei der staatlichen und kommunalen Verwaltungsstruktur zukommen sollte, ist das entscheidende Thema der detailreichen Mainzer Dissertation von Hans-Joachim Heinz. In der Fülle der Einzel beobachtungen tritt der übergeordnete Zusammenhang allerdings zuweilen in den Hintergrund.

Um den nötigen Handlungsspielraum zu erreichen, setzte sich Bürckel intensiv für die Lösung der Pfalz von Bayern ein. Dabei konnte er an die in ganz anderen Zusammenhängen stehende Reichsreformdiskussion anknüpfen. Faktisch führte vor allem die Einverleibung der Saar 1935 und schließlich die weitere Ausdehnung des Bürckel'schen Machtbereichs nach Lothringen 1940 zum lang gehegten Wunsch einer relativ selbständigen, nun noch erweiterten Pfalz, der "Westmark". Im "Gaupartikularismus" offenbarte sich auch der Dualismus von Staat und Partei. Dem Volksschullehrer Bürckel lag es fern, sich von Juristen der bayerischen Verwaltung Vorschriften machen zu lassen, und so lehnte er konsequent die Übernahme eines staatlichen Amtes ab.

Wie schwierig es war, ihn einzubinden, zeigte sich schon 1933, als der "rote Gauleiter" die "Volkssozialistische Selbsthilfe" gründete. Da wurden nicht nur Behörden eingespannt und unter Druck gesetzt, sondern vor allem Beamte zu monatlichen "Spenden" von bis zu 7% ihres Einkommens erpreßt. Derart weitgehende Alleingänge sah man nicht nur in München, sondern auch in Berlin ungern. Bürckels "Selbsthilfe" behinderte das Winterhilfswerk, unter dessen Druck das pfälzische Unternehmen im September 1933 wieder eingestellt werden mußte. Und auch der leichtfertige und selbstherrliche Umgang mit bestehenden Strukturen stieß auf Widerstände in der Verwaltung und beim etatistischen Teil der NSDAP. Doch die "Selbsthilfe" als Einrichtung der Partei griff immer häufiger auf die verschiedensten staatlichen Behörden über. Wie letztlich im gesamten Reich wurde durch die widersprüchlichen Berliner, Münchner und pfälzischen Direktiven die Entstehung eines unübersehbaren Kompetenzchaos noch gefördert.

Das Ausgreifen der Partei dokumentierte sich auch in der Organisation der Arbeitsbeschaffung, bei der vor allem den Kommunen enorme finanzielle und organisatorische Lasten auferlegt wurden. Doch der Erfolg blieb zunächst weitgehend aus. Erst die Kriegswirtschaft, vor allem der Westwallbau, führte zu einer deutlichen Reduzierung der Arbeitslosenzahlen, wobei auch hier wieder mit erheblichem Druck gearbeitet wude. Niemand riß sich um die harte Arbeit in der entlegenen Westpfalz.

Wie auf staatlicher Ebene, so konnte auch auf kommunaler Ebene die Partei ihren Einfluß immer weiter ausdehnen. Die Erwartungen der Basis in den Ortsgruppen mußten nach der Machtergreifung halbwegs erfüllt werden, was aufgrund des mangelnden Fachpersonals innerhalb der Partei offenbar Schwierigkeiten mit sich brachte. Die Deutsche Gemeindeordnung von 1935 führte zum Ende der kommunalen Selbstverwaltung. Die Gemeinden wurden vollends zu Instrumenten der NSDAP. Das zeigte sich beispielsweise an der Pflicht, HJ-Heime zur Verfügung zu stellen, genauso wie in der Personalpolitik, in der letztlich Bürckel die entscheidenden Besetzungen vornahm. Sehr deutlich wird der Verlust der kommunalen Handlungsautonomie auch bei den städtischen Finanzen.

1939 läßt Heinz seine Arbeit enden. Sicherlich hätte die Arbeit deutlich gestrafft werden können, um statt dessen auch die Kriegszeit mit einzubeziehen. Denn die Radikalität der pfälzischen NSDAP-Politik, also faktisch der Bürckel'schen Politik, entfaltete sich vollständig erst während des Krieges. Mit dem Hinweis auf die "Kriegsnotwendigkeit" konnten nach 1939 nun radikale Neuordnungsmaßnahmen angegangen werden, für die bereits vorher die Grundlage gelegt worden war. So nutzte Bürckel etwa die Evakuierungen der Dörfer in Westwallnähe 1939, um nach Beendigung des Westfeldzuges neue "Musterdörfer" zu errichten, die erst allmählich wiederbesiedelt werden durften. Doch schon 1934 hatte er - nicht zufällig als einer der ersten - ein mit entsprechenden Planungen beauftragtes Amt gegründet. Viele Probleme, von denen bereits vor 1939 die Rede ist, spitzten sich während des Krieges zu, etwa die Personalsituation der Gemeinden oder das endgültige Ende der kommunalen Finanzautonomie, das schließlich in der Finanzausgleichsverordnung von 1944 besiegelt wurde. Die an der Utopie der "Volksgemeinschaft" orientierte destruktive Dynamik des nationalsozialistischen Regimes wurde - gerade, aber nicht nur - in der Pfalz durch den Krieg nicht etwa aufgehalten, sondern erst in ungeahnter Brutalität freigesetzt. So ist es sicherlich kein Zufall, daß in der "Westmark" und in Baden mit dem angeschlossenen Elsaß die erste große systematische Deportation von Juden in der von den kommunalen und staatlichen Verwaltungen organisierten sogenannten ,Wagner-Bürckel-Aktion' vom November 1940 stattfand.

Unter Einbeziehung der Kriegszeit wäre deutlicher geworden, daß zwischen der von Heinz beschriebenen, schon an sich katastrophalen "positiven Volksturnspolitik" mit "volkssozialistischer Umverteilung", kriegswirtschaftlich vorangetriebener Arbeitsbeschaffung und dem Aufbau von Musterdörfern sowie der Ausgrenzung aller nicht zur "Volksgemeinschaft" Gezählten ein innerer Zusammenhang bestand.

 

Saarbrücken, Peter Heil

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