Hermann Joseph Hiery (Hrsg.): Der Zeitgeist und die Historie. 215 S., J. H. Röll, Dettelbach 2001 (= Bayreuther Historische Kolloquien 15).

 

Ach, der Zeitgeist! Wer hätte nicht schon über ihn geseufzt! Flüchtig, wie er in seinen Konturen sein mag, etwas Negatives scheint ihm in der Regel anzuhaften. Da ist man doch gespannt, was passiert, wenn sich unerschrockene Historiker (und eine Historikerin) auf den Weg machen, den flüchtig-negativen Begriff des "Zeitgeistes" als Kategorie für die Geschichtsforschung nutzbar zu machen. Faszinierend wirkt dabei vor allem das Anliegen, aufzuweisen, in welchem Maße die historische Forschung selbst in ihren Fragestellungen, Methoden und Ergebnissen als Resultat des Zeitgeistes ihrer Entstehungszeiten verstanden werden kann.

Das Vorwort des Bandes, der aus einem im Juni 2000 in Bayreuth veranstalteten Kolloquium hervorgeht, beglückt Leserin und Leser ungemein, erfährt sie/er doch, der Herausgeber habe sich mit diesem schwierigen Thema "seit längerem beschäftigt" (S. IX). Endlich wird man also erfahren, welche Indikatoren sich anbieten, um das ungestalte Phänomen "Zeitgeist" begrifflich in den Griff zu kriegen; aus welchen Bereichen gesellschaftlichen Lebens sich der Zeitgeist vornehmlich speist; wie er im Rahmen geschichtswissenschaftlicher Ansätze verortet werden kann (die Mentalitätsgeschichte drängt sich dem erwartungsfrohen Lesepublikum geradezu als Theorieoption auf).

Schon die Einleitung des Herausgebers läßt aber erahnen, daß die ein oder andere Desillusionierung bevorstehen könnte. Statt Anregungen zu geben, den "Zeitgeist" terminologisch zu umzingeln, wird ihm eine Verwandtschaft "zur sogenannten 'political correctness' unserer Tage" attestiert (S. 3). Na, wenn das keine Arbeitsgrundlage für die folgenden Essays ist! Auf den anschließenden Seiten kann sich Hans-Ulrich Wehler freuen, mit Heinrich von Treitschke als dem Zeitgeist verhafteter Historiker auf eine Stufe gestellt zu werden. Falls dies sein Selbstwertgefühl nicht in ausreichendem Maße aufmöbeln sollte, darf er sich auch noch als "Historiker" in Anführungszeichen bezeichnen lassen, dessen Geschichtsschreibung ebenso wie die übrigen "aus dem Zeitgeist der 68er geschriebenen Werke" heute "selbst längst zur Historie geworden" sei (S. 5). Nun mag man manchen Äußerungen Wehlers durchaus kritisch gegenüberstehen, aber von dort ist es doch ein weiter Weg bis zu der Behauptung, der Ertrag seiner Werke tendiere "gegen Null" (S. 5).

Nach fünfeinhalb Seiten ist die Einleitung gottlob überstanden und der Sprung in eine bunte Sammlung von Essays zu verschiedensten Themen gelungen. Die Ausführungen reichen vom Rassismus im 18. Jahrhundert und einem putzigen Versuch der Rehabilitierung Wilhelms II. als genialem Kaiser (gefällt vom bösen Intriganten Bismarck) über Ausführungen zum englischen Sonderweg bis hin zu zusammenfassenden Bemerkungen Marco Hedlers zu den Tagungsergebnissen, die sich nach guten Gedanken leider zu rasch auf die Protokollierung der Diskussionen während des Kolloquiums verlegen.

Der "Zeitgeist" spielt in den einzelnen Beiträgen eine mehr oder weniger vordergründige Rolle - nur selten geht es den Autoren wirklich um die Erarbeitung von Kriterien zur Bestimmung des Begriffs. In der Regel werden umgangssprachliche Umschreibungen zugrundegelegt, so "gesamtgesellschaftlich relevante Denkweisen", "Veränderungen der im Meinungsklima besonders spürbaren Tendenzen" oder der "Ortsgeist" (im Fall nach England emigrierter deutscher Historiker). In fast allen Fällen sind die Untersuchungen nicht als Fallbeispiele angelegt, in deren Spezialthema sich ein an anderer Stelle umrissener Zeitgeist spiegelt, sondern die Darlegungen widmen sich auf solide Weise dem gewählten Spezialthema und beschränken sich auf grobe Verweise auf Verbindungen zu einem nicht näher beschriebenen Zeitgeist. Damit klafft gerade im Zentrum der meisten Beiträge eine entscheidende Lücke, die verhindert, daß zum eigentlichen Kolloquiumsthema vertiefte Erkenntnisse gewonnen werden.

Die Verweise auf den Zeitgeist wirken oft beliebig. So führt Martin Bernal die notorische Äußerung David Humes, er halte "the negroes and in general all other species of man [...] to be naturally inferior to the whites" (S. 10), als Beleg an für das Walten eines rassistischen Zeitgeistes im 18. Jahrhundert - doch wäre es ebensogut möglich gewesen, die entsprechende Stelle im Kontext der in der schottischen Aufklärung so beliebten Phaseneinteilungen und Hierarchisierungen gesellschaftlicher Phänomene zu interpretieren. Sicherlich auch eine Form von Zeitgeist, der sich in diesem Zitat niederschlägt.

Mutige Ansätze, dem Zeitgeist quantifizierend auf die Schliche zu kommen, bieten immerhin diskussionswürdige Anregungen, überzeugen aber letztlich auch nicht wirklich. Dies gilt für Bernd Leupolds Auszählung von Straßennamen in Bayreuth und Bamberg ebenso wie für Rainer Sammets Versuch, die Bedeutsamkeit der Dolchstoßlegende in verschiedenen Phasen der Weimarer Republik aus der Häufigkeit ihrer Erwähnung in Zeitungen oder Parlamentsdebatten abzuleiten. Zu schematisch erscheinen diese Ansätze, und wo sie Ausnahmen zulassen, leidet das Konzept des Zeitgeistes selbst wiederum unter dem Vorgehen.

Wie es sich gehört, wird zudem ausgiebig über den Zeitgeist geklagt. Nicht nur litt der Herausgeber offensichtlich sehr unter der Historiographie "der 68er", sondern Thomas Bargatzky bedauert in seinem Beitrag zur Lage der Ethnologie in Deutschland deren Abrücken von der Untersuchung "urproduktiver Gesellschaften" hin zur Anwendung eines breiten, seiner Ansicht nach beliebigen Kulturbegriffs. Hans Fenske schließt seine Ausführungen zur Bismarck-Historiographie mit dem Hinweis, daß selbst "in den täglichen Betrieb" (S. 142) der Wissenschaft ein populäres Bismarckverständnis Einzug gehalten habe, daß zu unreflektiert den linksliberalen Bismarckkritikern seit dem 19. Jahrhundert verhaftet sei. Überall scheint der böse Zeitgeist also am Werk zu sein und die Potentiale der Wissenschaft eher zu behindern als sie zu beflügeln.

Einzelne Beiträge des Bandes sind - dies sei ausdrücklich angemerkt - durchaus lesenswert (auch wenn sie gelegentlich, wie bei solchen Kolloquien üblich, auf bereits publizierten Arbeiten der jeweiligen Autoren fußen). Dies gilt beispielsweise für Karina Urbachs Essay zur Emigration deutscher Historiker nach England, für Klaus Schwabes Untersuchung der Haltung Gerhard Ritters gegenüber dem Versailler Vertrag und für Horst Pietschmanns Analyse der Instrumentalisierung der Kolumbusfeiern 1992 in Italien, dem Vatikan, Spanien und Mexiko. Launig-selbstkritisch und anregend sind auch Bert G. Fragners Darlegungen zur Entwicklung der Orientwissenschaften in Deutschland. Insgesamt ist aber trotz dieser Lichtblicke zu sagen: Im Hinblick auf das Ziel, zu einem tieferen Verständnis des Phänomens "Zeitgeist" vorzustoßen, tendiert der wissenschaftliche Ertrag der vorliegenden Sammlung "gegen Null".

 

Darmstadt, Detlev Mares

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