Andrea Hofmeister-Hunger: Pressepolitik und Staatsreform. Die Institutionalisierung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit bei Karl August von Hardenberg (1792-1822). 446 S., Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 1994.

 

Preußens Pressepolitik in der Epoche zwischen Französischer Revolution und Karlsbader Beschlüssen ist von älterer und neuerer Forschung bereits in vielfältigen Teilaspekten behandelt worden. Der sich wandelnde obrigkeitliche Umgang mit einer entstehenden politischen Öffentlichkeit im Zeitalter von Revolution, staatlichem Zusammenbruch, Reform- und Besatzungszeit, Befreiungskriegen, Neuordnung Deutschlands und einsetzender Restauration bot hierfür mannigfache Anknüpfungspunkte. Karl August von Hardenberg hat diese Epoche als preußischer Minister und Staatskanzler mitbestimmt und mitgeprägt. Seine spezifische Haltung zu Öffentlichkeit und Presse historiographisch einzufangen ist daher lohnend, aber bislang wohl nicht zuletzt deshalb unterblieben, weil bei Hardenberg ein pressepolitisches Gesamtkonzept, das zudem noch in Institutionen und Personen greifbar wäre, nicht unmittelbar auszumachen ist - im Gegensatz etwa zu dem diesbezüglich bereits mehrfach behandelten Metternich.

Andrea Hofmeister-Hunger ist es gelungen, diese schwierige Forschungslücke mit ihrer bei Rudolf Vierhaus entstandenen Dissertation überzeugend zu schließen. Das Interesse der Verfasserin richtet sich dabei weniger auf die bereits hinlänglich behandelte restriktive Seite der preußischen Pressepolitik, sondern mehr auf deren aktiven Aspekt. Sie fragt nach den sich wandelnden Formen und der allmählichen Institutionalisierung staatlicher Öffentlichkeitsarbeit, nach Anlässen, Abhängigkeiten, Intentionen, Ausführenden, Techniken und Medien" aktiver Pressepolitik und der sie zeittypisch flankierenden ,Meinungsforschung' (S. 18, 23).

Die Arbeit ist in fünf chronologisch angeordnete Ab schnitte untergliedert, die den wesentlichen Stationen der politischen Karriere Hardenbergs folgen. Verbindungen und Wechselwirkungen von historisch-politischen Bedingungsfaktoren und Öffentlichkeitsarbeit werden jeweils berücksichtigt. Hier die Balance zwischen Rahmenbedingungen und konkreter Analyse zu finden ist ein schwieriges Unterfangen, das der Verfasserin gut geglückt ist. So wird eine Spanne von drei Jahrzehnten durchmessen, in der sich die Hardenbergische Öffentlichkeitspolitik ebenso wandelte wie die ihr zugrundeliegenden Formen des Regierens und die ,öffentliche Meinung', an die sie gerichtet war.

Bereits als Dirigierender Minister von Ansbach-Bayreuth (1792-1803) setzte Hardenberg statt auf Zensur lieber auf aktive, wenn auch patriarchalisch bevormundende Pressepolitik. Diese Erkenntnis, die die Verfasserin im ersten und mit Abstand längsten Kapitel der Untersuchung schlüssig herausarbeitet, sei hervorgehoben, werden doch die Anfänge amtlicher preußischer Propaganda gemeinhin wohl etwas zu apodiktisch als Reaktion auf das abschreckend-lehrreiche Beispiel Napoleonischer Pressearbeit nach 1806 zurückgeführt. Besonders interessant an dieser Frühphase Hardenbergischer Öffentlichkeitsarbeit erscheint dabei ihre nach innen gerichtete, ,volksaufklärerische' Komponente. Sie wurde virulent, als sich bei den neuen preußischen Untertanen Widerstand gegen die reformierenden Verwaltungsanordnungen regte und damit der angestrebte Integrationsprozeß gefährdet schien. Zurückhaltend sind die Aussagen zur Rezeption, die im übrigen leider nur in diesem Kapitel thematisiert wird. Erfolg hatte die amtliche Pressearbeit nicht als Frontalpropaganda, sondern wohl nur dann, wenn bereits "eine entsprechende Akzeeptanz bei der Bevölkerung vorausgesetzt werden konnte" (S. 129) - eine Erkenntnis, der beizupflichten und die auch auf andere Fälle dieser Zeit übertragbar ist.

Nach der Katastrophe von 1806/07 konnte Hardenberg seine Erfahrungen in Berlin umsetzen. Auch dort war man nun, nach Tilsit, gezwungen, die ,öffentliche Meinung' nicht mehr nur aus diplomatisch-außenpolitischer Perspektive zu sehen, sondern sie "als Verhaltensäußerung der eigenen Untertanen, als innenpolitisches Krisenbarometer wahrzunehmen." (S. 185). Unter den Zwängen der französischen Besetzung begann ein erzieherisch ausgerichtetes Werben um öffentlichkeitspolitisch bislang nicht beachtete Bevölkerungsschichten. Pressefreiheit sollte - bei allen außenpolitischen Rücksichtnahmen - als gesetzliche Norm etabliert werden, um dem aufgeklärten Publikum ein Diskussionsforum über die Reformpolitik zu eröffnen - die später nicht verwirklichte Repräsentation scheint hier durch. Doch stand man wie bei der Vertretungsfrage vor dem Problem, daß eine offene Diskussion angesichts des Widerstands der traditionellen Eliten eigentlich nicht wünschbar war. Auch einen positiven Stimmungsumschwung konnte die innenpolitische Öffentlichkeitsarbeit angesichts ausbleibender rascher Erfolge der Reformen nicht bewirken. Nach Meinung der Verfasserin war der Konsens zwischen Reformpolitikern und Bevölkerung bereits vor den Befreiungskriegen zerbrochen; diese wirkten "in ihrer einigenden Funktion lediglich als retardierendes Moment." (S. 404).

Die verwirrende Vielfalt der preußischen Pressepolitik während der Befreiungskriege und des Wiener Kongresses ist bei Pressehistorikern gefürchtet, wird aber von der Verfasserin geschickt gebändigt, indem sie zwischen der Lage in Berlin und der Situation im preußischen Hauptquartier bzw. später am Wiener Kongreß differenziert. In der Hauptstadt gewannen bewährte, aber eben auch konservative Kräfte an Einfluß und übernahmen die Pressekontrolle. Diese wurde kompromißlos rigide gestaltet, was mit Blick auf diplomatische Rücksichtnahmen Hardenberg sicher zunächst entgegen kam, obwohl er auch in dieser Phase lieber offensiv widerlegte als restriktiv verbot. Publizität benutzte er im Gegensatz zu den reinen Propagandisten Napoleon und Metternich noch mehr im erzieherischen Stil der monarchisch-absolutistischen Aufklärungsregime des 18. Jahrhunderts (S. 407), sie sollte belehren und berichtigen, "Harmonie zwischen Regierung und Bevölkerung" erstellen (S. 304), was gegenüber bürgerlichen Öffentlichkeitskonzepten sicher ein Stück weit anachronistisch war.

Trefflich streiten kann man sicherlich über die These der Verfasserin, Hardenberg habe während des Wiener Kongresses mit Hilfe von Pressearbeit brisante Konflikte entschärfen wollen, indem er diese "auf die Ebene eines privaten Intellektuellenstreits" transponierte. Dieser sei von den Betroffenen mit "offenkundigem Vergnügen und wahrem Sportsgeist" betrieben worden, von "moralisierenden Ideologen" wie Görres einmal abgesehen (S. 290). Die massiven Reaktionen der deutschen Gegner Preußens - z.B. Bayerns - gegen die gesamte Kampagne und die Wirkung der Publizistik in der Öffentlichkeit deuten eher auf Eskalation denn auf Entspannung hin.

In der Restauration schließlich opferte Hardenberg "das Prinzip Pressefreiheit einer langfristigeren Strategie der Verfassungsbildung" (S. 397). Die Verfasserin folgt damit etablierter Forschungsmeinung, die den Staatskanzler im Zweifrontenkampf zwischen Liberalen und Konservativen zerrieben sieht. Sein Ziel eines harmonischen Dualismus mit Österreich verschärfte dieses Dilemma angesichts der sozialkonservativen Tendenz von Metternichs Politik und dessen skrupelloser Intrigen gegen Hardenberg am preußischen Hof beträchtlich (5. 330). Fast ist es paradox, daß in diese Zeit auch die institutionelle Verfestigung der Hardenbergischen Öffentlichkeitsarbeit fiel. Neben der bereits bekannten "Allgmeinen Preußischen Staatszeitung" kann hierzu nun auch ein frühes ,Literarisches Büro' gezählt werden, auf dessen ab 1816 greifbare Spuren die Verfasserin in einem Bestand des GStA Dahlem stieß. Es unterstand zunächst Friedrich von Cölln und wurde, gemäß dem restaurativen Trend der Zeit, in erster Linie als Instrument restriktiver Pressepolitik genutzt (S. 372-380).

Insgesamt ist die Arbeit einleuchtend gegliedert sowie schnörkellos und klar geschrieben; die Verfasserin scheut sich nicht, eingetretene Forschungspfade zu verlassen, wie beispielsweise ihre deutliche Relativierung der bislang in ihrer Bedeutung völlig überschätzten ,Berliner Abendblätter' Heinrich von Kleists beweist (S 233-245). Die materialreiche und reflektierte Untersuchung liefert wesentliche und neue Einsichten zu Hardenbergs - und damit obrigkeitlich-preußischem - Umgang mit Presse und Öffentlichkeit, die auch das historisch-politische Umfeld in noch differenzierterem Licht erscheinen lassen.

 

München, Wolfgang Piereth

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