Rainer Hudemann / Hartmut Kaelble / Klaus Schwabe (Hrsg.): Europa im Blick der Historiker. Europäische Integration im 20. Jahrhundert: Bewußtsein und Institutionen. 273 S., Oldenbourg Verlag, München 1995 (Beihefte der Historischen Zeitschrift (Neue Folge), hrsg. von Lothar Gall, Bd.21).

 

Die europäische Integration ist mit den Verhandlungen über den Maastricht-Vertrag verstärkt in die öffentliche Diskus-sion geraten. Wie sich das Thema "im Blick der Historiker" darstellt, darüber gibt der vorliegende Band in dreizehn Beiträgen beredt Auskunft. Er basiert auf den überarbeiteten Fassungen von Vorträgen, die auf den Historikertagen 1990 und 1992 in Bochum und Hannover gehalten wurden. Der erste Teil legt den Schwerpunkt auf langfristige mentale und so-zialgeschichtliche Entwicklungslinien, während der zweite den Versuch unternimmt, einen exemplarischen Querschnitt durch die jüngste Europaforschung vom Schumanplan bis zum Maastricht-Vertrag aufzuzeigen. Im einleitenden Beitrag spricht sich Hartmut Kaelble für eine Geschichte des Euro-pabewußtseins aus, die sich nicht nur auf die Historiogra-phie der europäischen Idee, der politischen Europapläne und -bekenntnisse beschränkt, sondern "ungeplante und unbewußte, aber geschichtsträchtige europäische Gemeinsamkeiten der Institutionen, Mentalitäten und Strukturen" einbezieht (S.28). Michael Mitterauer stellt Tendenzen einer Angleichung west-europäischer Gesellschaften am Beispiel der Familienentwick-lung dar. Peter Krüger veranschaulicht anhand seines Überblicks zur europäischen Bewußtseinsbildung in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, daß Überzeugung und Idealismus nicht ausreichten, um große europäische Gebäude zu bauen: "Nützlichkeitserwägungen prägten das Bild Europas in starkem Maße" (S.53). Mit seinem Beitrag über den Mar-shallplan rückt Klaus Schwabe die außenpolitischen Rahmenbe-dingungen europäischer Integration der Nachkriegszeit in den Blick. Marlis Steinert zeigt eine bislang nur selten thema-tisierte Perspektive der Außenbeziehungen der Europäischen Gemeinschaft auf, während Armin Heinen den Ursachen des Scheiterns der saarländisch-französischen Wirtschaftsunion nach dem Kriege nachgeht. Mit den Beiträgen von Gilbert Trausch, Wilfried Loth und Hanns Jürgen Küsters werden wich-tige institutionelle Etappen der europäischen Integration in den fünfziger Jahren von der Montanunion bis zur Freihan-delszone untersucht. Loth vertritt dabei die mutige These, daß die EVG an "der mangelnden politischen Überwölbung der militärischen Konstruktion"(S.191) scheiterte. Zeichnete nicht vor dem Hintergrund einer sich wandelnden internatio-nalen Gesamtlage doch eher das nationalstaatliche Souveräni-tätsbeharren der IV. Republik für das Fiasko verantwortlich?

Küsters Artikel über die deutsche Europapolitik im Span-nungsfeld von EWG- und EFTA-Gründung macht deutlich, daß der zweite europapolitische Mißerfolg der fünfziger Jahre - der Fehlschlag der Verhandlungen über die Freihandelszone - ins-besondere von Frankreich verursacht worden ist, wobei die Bundesrepublik ihre Vermittlerrolle gewiß nicht nur aus eu-ropapolitischen Erwägungen, sondern auch aus deutschlandpo-litischen Befürchtungen angesichts der ausbrechenden Berlin-Krise aufgab.

Mit den ökonomischen Integrationsbestrebungen ging seit dem Schumanplan stets auch das Postulat der Schaffung einer po-litischen Union einher, doch weder die Bemühungen um eine Europäische Politische Gemeinschaft 1953/54 noch die Ver-handlungen um die Fouchet-Pläne 1961/62 sollten zum Erfolg führen. Hans Boldt schlägt in seinem Beitrag den Bogen zu dem Maastricht-Vertrag und plädiert dabei für eine funkti-onsorientierte abgestufte Fortsetzung der Einigung. Insge-samt bietet der Band eine facettenreiche Zwischenbilanz zur Geschichte der europäischen Integration und verbindet einen knappen Forschungsüberblick mit der Präsentation neuer Per-spektiven.

 

Bonn, Ulrich Lappenküper

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