Jordan, Stefan (Hrsg.): Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, 370 S., Reclam, Stuttgart 2002.

An Wörterbüchern, Einführungen und anderen Handreichungen zur Geschichte als wissenschaftliche Disziplin herrscht heutzutage, anders als noch vor zwanzig Jahren, wahrlich kein Mangel. Die methodischen Ansprüche an unsere Profession sind offenkundig gestiegen, bezahlt haben wir das mit thematischer und chronologischer Spezialisierung. Man muss sich nur die Dissertationen ansehen; die besten haben inzwischen einen Komplexitätsgrad (und Umfang) erreicht, der vor einer Generation nur wenigen Habilitationsschriften eigen war, und was vor einem Menschenalter gang und gäbe war, hätte heute oftmals kaum noch als Seminararbeit Bestand.

Nachschlagewerke spiegeln diese Entwicklung getreulich, denn sie wollen ja gerade keine Vorreiter sein, sondern betonen in ihren Vorworten stets, wie sehr sie auf aktuelle Bedürfnisse antworten. In Erich Bayers „Wörterbuch zur Geschichte“ von 1960 steht ‚Erkenntnis‘ zwischen ‚Erfüllungspolitik‘ und ‚Erlaucht‘ und man kann sich lebhaft vorstellen, mit welcher Verachtung diese Konzeption zehn Jahre später im „Argument“ als Inbegriff bürgerlich-positivistischer, also abgelebter Pseudo-Wissenschaft abgekanzelt worden ist. In Stefan Jordans Wörterbuch werden nicht nur weder ‚Erfüllungspolitik‘ noch ‚Erlaucht‘ erklärt, es gibt nicht einmal das Stichwort ‚Erkenntnis‘-, aber nicht weil diese Frage keine Rolle spielte, sondern weil sie im Zentrum des Lexikons steht und man sich in den hundert Artikeln dem Problem von immer neuen Seiten nähert. „Grundbegriffe“ sind bei Jordan nicht die Koselleck’schen „Leitbegriffe der geschichtlichen Bewegung“. Es handelt sich bei ihnen entweder um Kategorien methodischen Arbeitens (z. B. ‚Konstruktivismus‘, ‚Metaphern‘, ‚Vergleich‘) oder um historiographische Denkmodelle (z. B. ‚Erklären‘, ‚Sinn, historischer‘, ‚Verstehen‘ und, nicht zu vergessen in diesen Zeiten, ‚Gedächtnis‘) oder schließlich um Fachrichtungen mit besonderem Anspruch (etwa ‚Annales‘, was aber bei ‚Zeitgeschichte‘ gerade nicht eingelöst wird).

Die hundert Grundbegriffe lassen eigentlich keine Wünsche offen, sie sind von wirklichen Kennern verfasst, durchweg leserfreundlich gehalten und mit einigen Literaturhinweisen versehen. Ein Register erschließt jene Fragen, die nicht eigens als Stichworte abgehandelt worden sind. Manches fällt beim Querlesen auf. Etwa dass die beiden Autoren von ‚Geistesgeschichte‘ und ‚Ideengeschichte‘ sich kaum unterscheiden, dass ‚Fiktion‘ vom schärfsten Gegner dieses Themas verfasst wurde (Richard J. Evans), während die historische ‚Tatsache‘ umsichtig dargestellt und von anderen Tatsachenbegriffen abgegrenzt wird. Ferner dass die ‚Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen‘ von dem bekannten Historiker E. O. Plauen in vier Bildern behandelt wird – in wissenschaftlichen Nachschlagewerken muss man neuerdings mit ironischer Selbstdistanzierung rechnen (Fußballfreunde etwa verweisen genussvoll auf den entsprechenden Eintrag im „Kleinen Pauly“, die NDB berichtet von Biographien Ungeborener) –, die als solche, aber auch im Hinblick auf das hohe Alter dieses Beitrags das Thema mehrfach reflexiv brechen und damit ein getreues Abbild postmoderner Möglichkeiten sind. Einen postmodernen Zug hat das Lexikon überhaupt, denn es verzichtet ganz bewusst auf irgendwelche normativen Aussagen und Festlegungen (was den Rezensenten in der „Süddeutschen Zeitung“ ebenso zur Weißglut reizte wie der Umstand, dass hier keine ‚Sachen‘ verhandelt werden). Man muss nur das Stichwort ‚Objektivität / Parteilichkeit‘ nachschlagen, wo zwar gegen Hans-Georg Gadamer versichert wird, die Mehrheit der Historiker vertrete einen „kritischen Realismus“, dessen Grundaussagen dann aber in indirekter Rede referiert werden. Und dann noch ‚Sinn, historischer‘: Ob es so etwas überhaupt gibt, sei „unklar geblieben“, gesteht Jörn Rüsen, setzt aber hinzu, dass man wohl kaum ohne die Annahme eines solchen als Historiker/in arbeiten könne.

Der Verzicht auf Maßstäbe und qualifizierende Urteile ist bei Rezensionen schon lange gang und gäbe, auf die Postmoderne hat man da nicht warten müssen. Dieser Unsitte – darf man so etwas überhaupt sagen? - soll hier nicht gefolgt werden. Jordans „hundert Grundbegriffe“ sind eine willkommene Ergänzung anderer Hilfsmittel und die Qualität der Beiträge überzeugt in den allermeisten Fällen. Schon als Dompteur prominenter Kollegen hat Jordan also eine hochachtbare Leistung vollbracht, aber wichtiger noch ist natürlich der Erkenntnisgewinn. Ich darf jedenfalls von mir sagen, dass ich mir ein solches Nachschlagewerk schon lange gewünscht habe.

Darmstadt, Christof Dipper

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