Mary Kaldor: Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung. 279 S., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000.

 

Mary Kaldor hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe von interessanten rüstungs-kritischen Büchern veröffentlicht und gehört zu der international gut vernetzten community von Sozialwissenschaftlern, deren Blick auf die Politik der westlichen Demokratien und auf Kapitalismus und Marktwirtschaft jedenfalls nicht von positiven Vorurteilen überschattet wird. Insofern ist die deutsche Ausgabe ihres jüngsten Buches in der "Edition Zweite Moderne" ganz richtig untergebracht. Heißt es doch in der programmatischen Selbstbeschreibung ihres Herausgebers, wer "heute Verfall ohne Aufbruch diagnostiziert, ist blind, wer von Aufbruch ohne Verfall spricht: naiv." (Allerdings kommt es ja eigentlich mehr darauf an, wo das eine oder das andere identifiziert oder konstruiert wird.)

Aufbruch und Verfall kennzeichnen nach Mary Kaldor auch die gegenwärtige Entwicklung im Verhältnis von Politik, Staat und Krieg. Im Zeichen der Globalisierung, die sie kühl und ohne emotionales Getue als "die Zunahme der den ganzen Erdball umspannenden, wechselseitigen Verflechtungen – im politischen, wirtschaftlichen, miltärischen und kulturellen Bereich" (S. 10) definiert, verändern sich sowohl die Kriegstechnologie als auch die soziale Basis des Krieges. Der "neue" Krieg stellt, so ihre These, gewissermaßen die Umkehrung jener Prozesse dar, durch welche die modernen Staaten gebildet wurden. Er ist ein Mischgebilde aus herkömmlichem Krieg, krimineller Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Um diese neue Art des Krieges einzudämmen oder, besser noch, am Ausbruch zu hindern, braucht es eine auf neuartige Weise, nämlich auf mehreren Ebenen (lokal, national, global) zugleich wirksam werdende öffentliche Kontrolle der organisierten Gewalt.

Diese Perspektive wird in der ausführlichen Einleitung des Buches konstuiert. Es folgen dann ein Rückblick auf die "alten Kriege", die Analyse des Konflikts in Bosnien-Herzegowina als eines Fallbeispiels für "neue Kriege", Kapitel über die politischen und rüstungs-ökonomischen Aspekte "neuer Kriege" und über die "kosmopolitische Alternative" sowie ein ausführliches Nachwort zu deutschen Ausgabe des Buches.

Zwei Aspekte des sehr anregenden Textes fordern zur kritischen Debatte heraus. Erstens muß man wohl die Kriegstypologie der Autorin mit einem kleinen Fragezeichen versehen. Es gibt derzeit eine starke Strömung in der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Krieg, wonach er als ein künftig von der Institution des Staates weitgehend abgekoppeltes Phänomen anzusehen sei. Man kann von der Ver-Creveldisierung der Kriegs-Betrachtung sprechen. Dem steht aber entgegen, daß auch die meisten inner-staatlichen und Staatszerfalls-Kriege, die heute im globalen Kriegsgeschehen quantitativ dominieren, mit politischen Zielen geführt werden, die auf die Eroberung der Staatsmacht, auf die Um- oder Neugründung von Staaten hinauslaufen. Das, was van Creveld, Kaldor und andere als "neue" oder "post-clausewitzianische" Kriege bezeichnen, sind in der Tat hybride Formen organisierter Gewalt, die durch die Entwicklung neuer Kommunikations- und Waffentechnologien sowie durch die Auswirkungen der Globalisierung eine andere Gestalt angenommen haben, als sie herkömmliche zwischenstaatliche Kriege besitzen. Jedoch geht es fast immer (noch?) um die herkömmlichen Zwecke der organisierten Gewalt, nämlich die Sicherung des Staates und die Erreichung eigener Staatlichkeit. Paradebeispiel für die Komplexität eines solchen mit Gewalt aufgeladenen Konflikts unter dem Vorzeichen der Globalisierung ist etwa der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern.

Zweitens erscheint die Therapie, die Kaldor vorschlägt, ein bißchen arg illusionär. Die effektive Kontrolle der Gewalt will sie über das globale Projekt einer internationalen Interventionsstreitmacht neuen Typs erreichen, eine kosmopolitisch eingestellte Truppe von Polizei-Soldaten, die bereit sind, ihr Leben "für die Menschheit" (207) einzusetzen. So eine Art post-sozialistische Internationale Brigaden. Diese Vorstellung hat sich gegen die Erfahrungen mit den Unübersichtlichkeiten und Friktionen aller schon stattgefundener Interventionen gedanken-dicht abgeschottet, was bei einer Autorin wie Kaldor besonders verwundert, denn sie kennt sich doch aus. Die Mißerfolgsgeschichte der meisten Interventionen der "internationalen Gemeinschaft" läßt sich nicht einfach auf ein paar handwerkliche Fehler, leicht korrigierbare Fehlentscheidungen einzelner oder die Intransigenz unsympathischer Politiker reduzieren. Sie hat vielmehr strukturell angelegte Gründe.

In einem Schaubild mit verschiedenen Mustern politischer Herrschaft (S. 237) nennt die Autorin den Humanismus als Legitimationsquelle einer anzustrebenden "kosmopolitischen Herrschaft", die insbesondere von transnationalen Institutionen getragen wird (Nationalstaaten dürfen auch noch dabeisein) und die das Ende des modernen Krieges über "kosmopolitische Rechtsdurchsetzung" zum Ziel hat. Das Paradies also für Idealisten und Konstruktivisten, an dem außen ein kleines Schild hängt: "Kein Zutritt für Realisten".

 

Marburg, Wilfried von Bredow

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