Ryszard Kapuscinski: König der Könige. Aus dem Polnischen von Martin Pollack. 266 S., Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 1997.

 

In einer kleinen Buchrezension, erschienen 1923, hat Joseph Roth einmal ein auch heute noch gültiges Motto für guten Journalismus verfaßt: "Ein Journalist kann, er soll ein Jahrhundertschriftsteller sein. Die echte Aktualität ist keineswegs auf 24 Stunden beschränkt. Sie ist zeit- und nicht tagesgemäß". Der Journalist als Jahrhundertschriftsteller - ein großes, fast zu pathetisches Etikett, das nur wenigen zeitgenössischen Publizisten zuerkannt werden kann. Ryszard Kapuscinki den langjährigen Auslandskorrespondenten polnischer Nachrichtenagenturen und Zeitschriften wird man sicherlich zu diesem kleinen Kreis rechnen können. In Polen gehört er längst zu den ganz großen Nachkriegsjournalisten, im deutschsprachigen Raum beginnt unter Lesern wie professionellen Schreibern allmählich die Bewunderung für seine meisterhaften Reportagen zu wachsen. Daß sie noch weiter zunimmt, ist nur zu hoffen.

Das jetzt ausgehende Jahrhundert war ( und ist ) neben den vielen demokratischen Aufbrüchen gerade in seiner Schlußphase überall auch ein Jahrhundert von Diktaturen und von politischen Bewegungen gewesen, die sich gegen sie aufgelehnt haben. Dieses Jahrhundert war, und vielleicht ist dies sogar das historisch auffallendste Signum dieser Epoche in der jüngeren Weltgeschichte, ganz besonders von dem langwierigen, mühevollen, widersprüchlichen, fast immer blutigen Befreiungsprozeß ehemals kolonial abhängiger Länder geprägt.

Indem Ryszard Kapuscinski seine lange Korrespondententätigkeit fast ausschließlich diesem Thema gewidmet hat, ist er auch zu einem Chronisten dieser das Jahrhundert aufwühlenden Ereignisse geworden, eben zu einem Jahrhundertschriftsteller im Sinne Joseph Roths.

Als 1984 zum ersten Mal die deutsche Übersetzung von "König der Könige" erschien, wurde dieses Buch kaum in der Öffentlichkeit beachtet. Zu fern, zu exotisch schien diese

Reportage von dem dahinsiechenden Hof des äthiopischenKaisers Haile Selassie. Erst heute, nach dem Ende der kommunistischen Systeme, scheint man plötzlich auch bei uns zu begreifen, daß Ryszard Kapuscinski ja vielleicht nur vordergründig über den Hofstaat im fernen Äthiopien schrieb, aber tatsächlich den ,Feudal-Kommunismus' im heimatlichen Polen treffen wollte.

Heute liest man "König der Könige" mehr als eine überzeitliche Recherche in den Kellergewölben, den Vorzimmern und Prachtsälen irdischer Nacht und Herrlichkeit. Ryszard Kapuscinski journalistische Studien über Glanz und Zerfall des Herrschaftshauses in Addis Abeba liefert die Bilder und Impressionen zu einer Theorie der Macht, wie wir sie etwa von Machiavelli, Max Weber oder Hannah Arendt kennen. Schauen wir nämlich genau hin, darin schreibt Ryszaid Kapuscinski ja nie nur über die Macht in fernen, exotischen Ländern. Er ist ein Auslandskorrespondent im Ressort Innenpolitik, der den Lesern auch die Augen öffnet zum Verständnis paralleler Ereignisse vor der eigenen Haustür. Die Korruption am Hofe des Negus, die Kapuscinski so detailliert und nüchtern protokollierte, kennen wir die nicht auch von den Lobbies und Konferenzsälen unserer Macht? Speichellecker, Parvenüs, Opportunisten, karrieregeile Unterstaatssekretäre - gibt es die nur in den Diktaturen irgendwo fern in Afrika, Asien, Lateinamerika? Demokratisch nicht legitimierte Nacht ist überall gleich korrupt, kalt, oft auch surreal komisch. Aber ist die demokratisch legitimierte Macht so grundsätzlich anders, unbescholten, sauber...?

Fünfzehn Jahre, so schreibt Kapuscinski im Nachwort, habe er an der endgültigen Fertigstellung von "König der Könige" gearbeitet. Zum ersten Mal ist er 1963 nach Äthiopien gekommen. Die polnische Nachrichtenagentur PAP hatte ihn mit dem Auftrag in das ostafrikanische Königreich geschickt, von dort einige Reportagen nach Polen zu senden. "Ich habe mich dann, seit meiner ersten Begegnung mit diesem Land, immer wieder mit Äthiopien beschäftigt und habe jede Gelegenheit benutzt, um mich dort umzusehen."

Zehn Jahre später brach das Kaiserhaus in Addis Abeba knirschend und knartzend zusammen. "Ich machte mich an die Arbeit. Es war die übliche Routine: Ankunft am Flughafen: die Panzer auf den Straßen; die ökonomische Misere; die Gerüchte aus dem Hauptquartier; die verängstigten Zivilisten; der Stromausfall, die Straßensperren, der Müll... Ich kannte das alles. Nachdem ich die ersten zwei Seiten geschrieben hatte, sagte ich mir: ,Nein, das reicht. So kann ich nicht weitermachen. Das alles langweilt mich. Es ist immer dasselbe, ein journalistisches Einerlei, bei dem das wichtigste ungesagt bleibt. So kann man nicht schreiben: Aber wie dann?" Kapuscinski wandte sich ab von den spektakulären Ereignissen und suchte den Kontakt zu ehemaligen Hofschranzen, Dienstboten, königlichen Schuhputzern( Vorkostern, Einf lüsterern. Und die berichteten ihm von unglaublichen Zuständen ,bei Hofe', die Kapuscinski dann nur noch protokollieren brauchte. Man liest und liest diese Aufzeichnungen und langsam begreift man, daß hier ja weit mehr als nur eine Erinnerung an ein untergegangenes Feudalsystem zu lesen ist. Irgendwie kommt einem das alles sehr bekannt vor:

"Unablässig war der Palast in Intrigen und Spekulationen verstrickt. Der Palast zerfiel in Fraktionen und Kamarillen, die einander unbarmherzig bekriegten, schwächten und vernichteten.. .Unser strahlender Herr betrachtete das raffgierige Gedränge mit Wohlgefallen. Er sah es gern, wenn die Höflinge das Vermögen mehrten... Laß sie korrupt sein, Hauptsache, sie sind loyal." Spätestens hier begreifen wir dann, daß wir hier keine zwar gut geschriebene, aber doch konventionelle Reportage lesen, sondern in den Sog einer faszinierenden Machtparabel geraten sind. "Am kaiserlichen Hof von Addis lassen sich Mechanismen darstellen, die man überall wiederfindet, wo es um den harten Kern der Politik geht. Ich wollte zeigen, wie dieses Medium der Politik die Menschen, die in der Zone der Macht leben, von Grund auf verändert: ihre Mentalität, ihre Kultur, ihr Verhalten. Das geht bis in die Körpersprache, den Gang dieser Leute, ihre Sprache, ihre Gestik." Man legt das Buch beiseite, schaut sich um auf der politischen Bühne des eigenes Landes oder beobachtet die Machtstrukturen in einem Versicherungsbüro, einer Universitätsleitung, einer Redaktionskonferenz und plötzlich ist es dann wieder da jenes verblüffende Deja-vu-Erlebnis, von dem man während der gesamten Lektüre von "König der Könige" nicht losgekommen ist. "Die Mechanismen, die ich beschrieben habe, sind im Mikrokosmos jeder, auch der kleinsten Institution wiederzufinden" ( Kapuscinski ).

Wer wissen will, wie ein guter, auf klärender Journalist schreibt, sollte die Bücher von Ryszard Kapuscinski lesen, einem Vivisekteur der Macht und Chronisten der Befreiung wie es nur wenige in diesem Jahrhundert gegeben hat. Studenten der Politischen Wissenschaft, journalistische Volontäre, Politiker aller Parteien, Abteilungsleiter, lest "König der Könige" - Euch werden die Augen aufgehen.

 

München, Carl-Wilhelm Macke

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