Mario Keßler: Die SED und Juden - zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklung bis 1967. 221 S., Akadamie, Berlin 1995.

 

Seit dem Fall der Mauer in Berlin und dem Zusammenbruch des SED-Staates häufen sich auch die Forschungen über das jüdische Leben in der ehemaligen DDR. Die steigende Zahl der Arbeiten zeitgeschichtlicher wie sozialwissenschafilicher Provenienz fügen sich ein in ein zugenommenes Interesse an der Darstellung jüdischen Eigenlebens in Deutschland, das offensichtlich ,mehr' zu sein scheint als "nur" der Umstand, Angehöriger bzw. Nachfahre eines verfolgten und fast gänzlich ausgerotteten Volkes zu sein und immer unter dem ,Druck' leben zu müssen, seine Besonderheit "rechtfertigen" zu müssen. Die rituellen Züge und erstarrten Formen, mit denen diese Besonderheit sichtbar gemacht werden soll, sind ja hinlänglich bekannt.

Der Autor der vorliegenden Arbeit hat sich schon durch frühere Studien zum fraglichen Thema hervorgetan (vgl. die Bibliographie 206 f). Sein Material hat er hauptsächlich aus den Beständen des früheren Zentralen Parteiarchivs der SED bezogen. Nicht unerwähnt seien die Akten des Ministerrats der DDR, Amt tür Kirchenfragen, soweit sie den Verband der jüdischen Gemeinden in der DDR betreffen. Der Anhang enthält dreizehn Dokumente, die die Grundlinien der Judenpolitik der DDR realistisch abbilden (152-176). Äußerst nützlich ist auch im Anschluß daran der Abdruck einer Reihe von Kurzbiographien jüdischer DDR-Bürger, darunter so bekannten wie Abusch, Axen, Doernberg, Grossmann, Hermlin, Herrnstadt, Heym, Kantorowicz, Kaul, Klemperer, Kuczynski, Norden, Seghers, Markus Wolf, Arnold Zweig.

Die gesamte Studie Keßlers ist im Grunde ein dokumentarischer Beweis dafür, wie eine Glaubens- und Lebensgemeinschafi als eine Art Verfügungusmasse für ein diktatorisches Regime instrumentalisiert und damit auch mißbraucht worden ist. Der Untertitel des Buches zeigt ja an, wo die Eckpunkte dieser sozialistischen "Realpolitik" lagen. Zunächst - in den ersten Jahren nach dem Krieg - herrschte bei den neuen Machthabern die Vorstellung vor, die noch lebenden Juden in die klassenlose Gesellschafi eingliedern zu müssen, freilich unter Preisgabe ihrer jüdischen Identität (32). So wurden die Juden auch nicht zu den Hauptopfern des Nationalsozialismus gerechnet, weil sie nicht, wie die Kommunisten, "gekämpft hätten, dies zeigt ganz deutlich der Aufruf des ZK der KPD vom 11. Juni 1945, die der Autor zitiert (34, 38). Das warf natürlich die Frage der Restitution für die an den Juden begangenen Verbrechen auf. Die Juden wurden der allgemeinen Fürsorge überstellt. Ein Gesetz vom Januar 1948 verhalf zu keiner wesentlichen Verbesserung, da nur solche Juden in den Genuß einer Entschädigung gelangen sollten, die ihren Wohnsitz in Deutschland hatten (45). Weitergehende Leistungen wurde von der SED-Führung mit dem Hinweis auf die "Gefährlichkeit der jüdischen Forderungen" zurückgewiesen, die Partei fürchtete einen "Einbruch in unsere sozialistische Ordnung"' (47). Dies blieb im Grunde die Politik der SED in den folgenden Jahrzehnten.

Im dritten Kapitel schildert Keßler das Wechselverhältnis von Stalinisierung und antisemitischen Tendenzen in der DDR (52-105). Die Stalinisierung der SED ging konform mit dein Ausschalten jüdischer und ,jüdisch-trotzkistischer' Elemente in Partei und Staat (68f). Dabei wurde "jüdisch" meist mit "bourgois" gleichgesetzt. Selbst vor prominenten SED Politikern wurde kein Halt gemacht, wie der "Fall Alexander Abusch' zeigte, den Keßler S. 78ff. nachzeichnet. Er war Folge der stalinistischen Säuberungsprozesse, die die KPs in Osteuropa auf Veranlassung Stalins nach 1948 erfaßt hatten. Dankenswerterweise bringt Keßler einen Auszug aus den Vernehmungen Abuschs (vom 10. Nov. 1950), der die Inquisitionsmaschinerie der stalinistischen Claquere schlaglichtartig erhellt (83). Gleichfalls geht der Autor auf den "Fall Merker" ein, der im Gefolge des Slansky-Prozesses in der CSR 1952 die Gemüter bewegte (85ff.). Slansky war Jude, überdies ein überzeugter Stalinist, dem frühere Kontakte zu zionistischen Organisationen zur Last gelegt und auch zum Verhängnis wurden. Ähnliche Vorwürfe wurden auf Geheiß Stalins nicht nur in der Sowjetunion, wo eine regelrechte Progromstimmung entfacht wurde, sondern in ganz Osteuropa, auch in der DDR, gegen Funktionäre erhoben, die angeblich vom "rechten" Weg abgewichen seien. Merker wurde in der DDR deshalb als "Opfer' ausgewählt, weil er im Exil sich für verfolgte Juden eingesetzt hatte (89). Der damals geprägte Slogan vom "wurzellosen Kosmopoliten' ,wurde nicht nur gegen Merker, sondern auch als ideologische Waffe gegen die Juden ganz allgemein eingesetzt (92).

Um 1952/S3 nahm der Druck auf die jüdischen Gemeinden in der DDR, die allesamt auf staatliche Unterstützung angewiesen waren, zu. Sie sollten das Ergebnis des Slansky-Prozesses billigen und Israel als faschistischen Staat ächten (102). Schlagartig ging demzufolge die Zahl der Gemeindemitgljeder zurück (103). Erst Stalins Tod im März 1953 setzte dieser in der Tat existentiellen Bedrückung ein Ende. Exzesse wie in der Sowjetunion unterblieben zwar (103), doch darf nicht verkannt werden, daß die jüdischen Gemeinden als solche eliminiert wurden, daß das, was davon übrig gelassen wurde, einer strikten staatlichen Kontrolle unterworfen wurde, daß sogar ehemalige Nationalsozialisten Karriere in Partei und Staat machen konnten (105).

Das weitere Verhältnis zwischen Juden und offizieller SED-Politik war dadurch bestimmt, daß die offizielle Politik bemüht war, einen klaren Trennungsstrich zwischen Antisemitismus und Antizionismus zu ziehen, und daß zum zweiten die DDR versuchte, sich als Hort des "besseren", weil antifaschistischen Deutschlands zu verstehen und nach außen hin zu profilieren (106). Eine ,Vergangenheitsbewältigung' in diesem Sinne fand in Konsequenz davon nicht statt. Zudem war es so, daß die meisten jüdischen Bürger in der DDR von kommunistischer Herkunft waren (und auch nur deswegen den Weg zurück nach Deutschland fanden) und so kaum danach verlangten, der offiziellen Lesart zu widersprechen (120). Die jüdischen Gemeinden wurden - nach dem Wort eines kanadischen Journalisten - zu wahren "Museumsstücken" degradiert, mit denen sich die DDR schmücken konnte (12 1).

Schließlich behandelt Keßler die Beziehungen der DDR zu Israel (123-147). Bereits in einem früheren Kapitel hat der Autor darauf hingewiesen, daß die SED der Gründung des Staates Israel positiv gegenüber gestanden habe (48, 49). Die Öffnung der Araber hin zur Sowjetunion unter Führung Ägyptens nach der Suezkrise mußte die DDR zu einer Kehrtwendung ihrer bisherigen Politik veranlassen. Schließlich wurde Ägypten zum Hauptpartner der DDR, obwohl interne Berichte das Nasser-Regime als eine "antikommunistische Militärdiktatur' abstempelten (126). Interessant sind die Darlegungen Keßlers hinsichtlich der Haltung der jüdischen Gemeinden im Falle des Sechs-Tage-Krieges im Juni 1967. Er führt aus, daß es gerade an "verantwortlichen Stellen im Medienbereich, dort, wo die antiisraelische Propaganda inszeniert wurde", eine ungewöhnlich hohe Präsenz von ehemaligen Nationalsozialisten gegeben habe (140) - also noch 1967! Er nennt dabei z. B. Herbert Kröger, Rektor der Akademie für Rechts- und Staatswissenschafi, der seit 1938 den RanLY eines SSOberscharführers im Reichssicherheitshauptamt inne hatte. Keßler führt weiter aus, daß die DDR-Führung eine Stellungnahme der jüdischen Gemeinden zum Krieg erwartete. Diese erschien auch am 9. Juni im "Neuen Deutschland". Es wird hier als "Tragik der jüdischen Bevölkerung Israels" angesehen, daß die Machthaber dieses Staates eine Politik betreiben würden, die im Dienste der imperialistischen Großmächte stünden; schon die Geburt Israels sei mit Wortbruch und Annexion behafiet gewesen (l4If). Wie läßt sich dieser Kotau vor den SED-Machthabern auch anders erklären als mit der Tatsache , daß wie natürlich die aus der Emigration zurückgekehrten Juden sich zur DDR bekannten (142). Seine Zusammentässung läßt Keßler mit dem Satz ausklingen: "Es war deshalb ein Akt der historischen Gerechtigkeit, daß die letzte Volkskammer der DDR am 12. April 1990 die Juden in aller Welt um Verzeihung bat (151).

 

Heidelberg, Arno Mohr

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