Maria Klanska: Aus dem Schtetl in die Welt, 1772 bis 1938. Ostjüdische Autobiographien in deutscher Sprache. 470 S., Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 1994.

 

Das Schicksal der Ostjuden wurde beispielsweise durch die Arbeiten von Trude Maurer und Heiko Haumann einem breiteren Leserkreis als wichtiges Thema der Sozialgeschichte erschlossen. Als Schwerpunkte der historischen Aufarbeitung zeichneten sich zum einen die Entstehung des Ostjudentums als neue Lebensform bzw. seine Krise und die Suche nach einer neuen Identität, zum anderen aber die Reaktion von Juden und Nichtjuden in jenen Gesellschaften ab, die mit massenhaft auswandernden Ostjuden konfrontiert wurden. In diesem Kontext ist eine Monographie der krakauer Germanistin Maria Klanska zu sehen, die sich auf der Basis gedruckter Autobiographien mit dem Phänomen des Ostjudentums und den Assimilierungs- und Akkulturierungsprozessen von Juden im deutschsprachigen Raum auseinandersetzt. Klanska wertet die Schriften von etwa vierzig Politikern, Journalisten, Künstlern und Schriftstellern aus. Neben wenig bekannten Autoren greift sie dabei auch auf die Äußerungen von Martin Buber, Helene Deutsch, Manès Sperber oder dem ersten Präsidenten des israelischen Staates, Chaim Weizmann, zurück. Gemeinsam ist allen untersuchten Lebensbeschreibungen der relativ fest gefügte ostjüdische Kultur- und Familienverband als biographisches Zentrum. Geographischer Schwerpunkt ist das österreichische Galizien und der russische Ansiedlungsrayon, wo jüdische Eigenständigkeit in der Auseinandersetzung mit den vielfältigen Kulturformen des Siedlungsraumes sehr lange bewahrt wurde. Das Schtetl bildete eine scharf profilierte, autonome Gemeinschaft, deren Angehörige gegenüber der ländlichen (slavischen) "Peripherie" ein Gefühl geistiger und wirtschaftlicher Überlegenheit verband.

Detailreich, aber ganz konventionellen Argumentationsmustern verpflichtet, schildert die Verfasserin jenen Modernisierungsprozeß, welcher in der Folge von Aufklärung und Französischer Revolution über Österreich und Preußen auch das ostjüdische Schtetl veränderte. Die Konfrontation mit westlicher Literatur führte gerade bei jungen Menschen zur kritischen Auseinandersetzung mit einem orthodoxen Lebenskonzept, welches (vor allem für die Männer) die Vertiefung in religiöse Studien als höchstes Ziel anpries. Bei der Analyse der Gründe für die Aufgabe des ostjüdischen Lebens steht die Enge der vertrauten Lebenswelt im Vordergrund. Klanska reduziert das komplizierte Geflecht von ökonomischen und politischen Zwängen, denen Juden als österreichische, russische oder preußische Staatsbürger unterlagen, weitgehend auf das Streben nach geistiger Horizonterweiterung und konkrete Ausbildungswünsche.

Die Autorin hat ihr Material drei Hauptkapiteln über die traditionelle Welt des jüdischen Schtetl, einem kurzen Abschnitt über die Flucht und einem dritten Teil über den Assimilierungsprozeß in der neuen, deutschsprachigen Umgebung zugeordnet. Sie versucht auf diese Weise, zu allgemeinen Aussagen über Motivation und Verlauf der Westwanderung zu gelangen. Bei weitem am besten ist dies in jenen Passagen gelungen, die sich mit der ostjüdischen Gemeinschaft, ihrer Tradition und Religion beschäftigen. Klanska beschreibt mit großer Anschaulichkeit und Detailfülle die Jenseitsausrichtung orthodoxer Religiosität. Diese war angesichts der oft schweren Lebensumstände in der Diaspora ein wichtiger Fixpunkt für die Eigendefinition gegenüber jenen, die als Angehörige anderer Völker die "weltlichen Güter" für sich in Anspruch nahmen. Innerhalb der Familien lag hier ein Konfliktpunkt, der zusammen mit vielfältigen Verboten und Reglementierungen die nachwachsenden Generationen zur Rebellion drängte. Davon betroffen waren auch junge Frauen. Zwar wurden sie weniger in die religiöse Ausbildung einbezogen als die Männer und in der Frage beruflicher Qualifikation oft in einer Weise gefördert, wie sie für christliche Familien untypisch war. Dennoch unterlagen sie beispielsweise hinsichtlich der Partnerwahl strengen Regelungen. Aufgeklärte und erfolgreiche Ausbildungs- und Emanzipationsstrategien kollidierten mitunter mit dem schlechten Gewissen, welches aus der Nichtbefolgung religiöser Vorschriften resultierte.

Obwohl auch die Annäherung an die polnische und russische Kultur eine mögliche Variante von Assmilierung und Profanisierung bot, blieb die deutsche Sprache der wichtigere Orientierungspunkt. Die Rezipierung deutscher Bildungsinhalte vollzog sich mitunter außerhalb der Familie und der religiös ausgerichteten Chederim (Elementarschulen) bzw. höheren Talmudschulen. Um die unerwünschte Lektüre vor strengen Familienvorständen geheimzuhalten, lasen Kinder unter Talmud-Folianten versteckte Schiller-Dramen laut im monotonen Singsang religiöser Übungen. Oft blieb die Vorstellung von den gierig rezipierten Inhalten ohne Hintergrund und fehlerhaft. Manche ostjüdischen Auswanderer setzten noch bei der Ankunft in den deutschsprachigen Metropolen Wien und Berlin die deutsche Sprache in Unkenntnis des Hochdeutschen mit dem Jiddischen gleich.

Zwei weitere Kapitel schildern die Versuche ostjüdischer Flüchtlinge, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Hier zeigt die Verfasserin, wie sich die unerwünschten Neuankömmlinge im Spannungsfeld zwischen Antisemitismus und Anfeindungen durch die alteingesessene jüdische Bevölkerung Nischenplätze sicherten. Die Palette reicht von der vollständigen Assimilierung und Verleugnung der Religionszugehörigkeit bis hin zu jenen Aktionsmöglichkeiten, welche seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Zionismus und Sozialismus bereit hielten.

Klanskas Buch ist mit Gewinn zu lesen. Für den begrenzten Bereich des Schtetl gelingt der Verfasserin eine dichte und stringente Schilderung jüdischer Lebenswelten. Dennoch enthält die Arbeit einige Schwächen. Trotz eines längeren, handbuchartigen Überblicks über das historische Schicksal der Ostjuden handelt es sich weitgehend um eine textimmanente Untersuchung. Die literaturwissenschaftliche Darstellung, die nur die Innensicht der Betroffenen in den Blick nimmt, läuft Gefahr, die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen aus den Augen zu verlieren, in die deren Biographien eingebettet sind. Die holzschnittartige Dichotomie der Verfasserin zwischen unterschwelligem, quasi-wissenschaftlich unterlegtem Antisemitismus in Deutschland und einem "naive(n), sich in verächtlichen Worten und rohen Handlungen artikulierende(n) in den slawischen Ländern" (S. 426) wird dem komplexen Gegenstand nicht gerecht. Hinzu kommt, daß die Außensicht der ostjüdischen Frage nicht bestimmt wurde durch die kleine Gruppe von Memoirenschreibern, die ihren Weg in den Bereichen der Kunst, Kultur und Wissenschaft fanden. Die ostjüdische Frage wurde - auch von den assimilierten "Westjuden" - in erster Linie als ein Massenproblem wahrgenommen.

Dennoch ist Aus dem Schtetl in die Welt ein lesenswertes Buch, das vor allem dem Laien einen Einstieg in die Thematik und die Rekonstruktion eines Ausschnittes der jüdischen Kulturgeschichte bietet. Nützlich sind ein umfangreiches Biographien- und Literaturverzeichnis, ein Glossar und ein Register.

 

Frankfurt am Main, Bernhard Chiari

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