Igor Kon / James Riordan (Hg.): Sex and Russian Society. 168 S., Pluto Press, London 1993.

 

Der sowjetische Staat nahm Einfluß selbst auf die intimsten Lebensbereiche seiner Untertanen. Die Sexualität war hiervon nicht ausgenommen. Die Partei unterdrückte seit den dreißiger Jahren jede Information über sexuelle Belange und stilisierte die Sowjetunion propagandistisch zu einer beinahe geschlechtslosen Gesellschaft. Es ist das Ziel des vom renommierten russischen Sozialwissenschaftler Igor Kon herausgegebenen Sammelbandes, die gesellschaftliche Rolle der Sexualität in der UdSSR und deren Nachfolgestaaten zu untersuchen. Die Beiträge analysieren gesellschaftliche Zusammenhänge, die allerorten im Umbruch begriffen sind.

Kon geht der Frage nach der Wechselwirkung von Sexualität und Kultur sowie der Stellung sexueller Minderheiten nach. In einem historischen Überblick zeigt er den Gegensatz zwischen russischer Volkskultur sowie der antikörperlichen Haltung der orthodoxen Kirche und dem staatlichen Zensurapparat, welcher schon im 18.Jahrhundert erotische Publikationen zu unterbinden suchte. Unter diesen Rahmenbedingungen, die häufig das Erscheinen von Erotica im Ausland notwendig machten, konnten sich erotische Ausdrucksformen in Kunst und Sprache nur schwer entwickeln.

Nach dem Oktober 1917 und besonders in der Phase der Neuen Ökonomischen Politik war die Überwindung der Moralvorstellungen der Zarenzeit revolutionäres Anliegen der Bolschewiki. Versuche, die Freie Liebe als Forderung der Partei an Hochschulen und in Arbeiterkollektiven zu implementieren, korrespondierten mit der wissenschaftlichen Bearbeitung psychologischer und psychoanalytischer Aspekte der Sexualität auf internationalem Niveau. Die stalinsche Politik der dreißiger Jahre führte einen radikalen Wandel herbei. Sexuelle Belange wurden aus Schule, Kunst und Öffentlichkeit verbannt und zum Tabu erklärt.

Erst in den sechziger Jahre kam es zu Formen der "Eheberatung" durch Psychologen und Mediziner, angefeindet durch konservative Kräfte in Partei und Gesundheitswesen. Soziologische Forschungen zum Sexualverhalten in der UdSSR wurden der "ideologischen Diversion gegen die sowjetische Jugend" bezichtigt und unterbunden. In der Öffentlichkeit blieben Sexualwissenschaft und medizinische Sexualpathologie Synonyme. Diesen Befund untermauert L. Sceglov mit seinem Bericht über Entwicklung und Aufgaben der medizinischen Sexualwissenschaft.

1. Kon betont die Diskrepanz zwischen öffentlicher Verdrängung der Sexualität sowie den realen Problemen und Bedürfnissen der Betroffenen. Diese konnten sich im Rahmen der Perestroika erstmals artikulieren und brachten nicht nur einen erschreckenden Mangel an sexueller Aufklärung ans Licht, sondern auch eine besorgniserregende Gewaltbereitschaft besonders unter Jugendlichen. An Schulen entwickelte sich die Vergewaltigung zu einem ernsten Problem. Gefördert durch die Unfähigkeit, sexuelle Wünsche zu artikulieren, entstanden Konflikte in den Familien. Frauen begannen, traditionelle Rollenbilder in Ehe und Haushalt in Frage zu stellen.

Die Liberalisierung des Medienmarktes und der immer freiere Zugriff auf pornographische Erzeugnisse standen mit diesen Tendenzen in Wechselwirkung. Gleichzeitig führten sie zu einer Stärkung konservativer Positionen in unterschiedlichen politischen Institutionen und erschwerten so den Kampf von Medizinern, Soziologen und Sexualwissenschaftlern gegen die Auflösungserscheinungen einer Umbruchgesellschaft.

Kon vermittelt außerdem einen kurzen Überblick über die Geschichte sexueller Minderheiten. Dabei wäre der historische Nachweis darüber, daß in bezug auf die Homosexualität im russischen Reich liberalere Traditionen vorhanden waren als in Europa, wie dies vom Autor behauptet wird, noch zu erbringen. Zutreffend ist sicher der Verweis auf die anfängliche Indifferenz der Bolschewiki in den Jahren nach der Oktoberrevolution, welche die Homophilie zwar als Krankheit ansahen, sie jedoch nicht strafrechtlich verfolgten, und auf ihre zunehmende Kriminalisierung als eine Folge der "Dekadenz der Ausbeuterklasse" seit 1933. Der entsprechende Paragraph 121 des sowjetischen Strafgesetzbuches blieb bis zum Ende der Sowjetunion in Kraft. Er stellte die sowjetischen golubye (die Himmelblauen) außerhalb der Gesellschaft. Polizeibeamte, Lehrer und Mediziner waren gleichermaßen zur Suche nach "perversen Elementen" angehalten.

Das Aufkommen von AIDS in den Vereinigten Staaten verschlechterte die Situation der Rand gruppe weiter und bestätigte Vorurteile des sowjetischen Volksempfindens. Mit großen Unterschieden zwischen den liberaleren Metropolen und der Peripherie sowie verschiedenen Berufsgruppen sprachen sich nach einer Umfrage von 1989 33% aller Sowjetbürger für die "Eliminierung" der Homosexuellen aus. Besonders Pensionisten, Hausfrauen und Angehörige der Streitkräfte unterstützten eine militante Bekämpfung.

Kon beschreibt erste Ansätze einer schwulen Interessenvertretung, die sich seit 1989 in Moskau in Form von Vereinen und Zeitungen wie tema (Thema) und SPID-info (AIDS-info) konstituierte. Ihr Sprecher Roman Kalinin profitierte vom mißglückten Putsch von 1991 und den sich verstärkenden zentrifugalen Tendenzen der russischen Gesellschaft.

Der Verf. zeichnet für den Beginn der 90er Jahre ein bedrückendes Bild, was die gesellschaftliche Situation der Hlomosexuellen angeht. Angesichts der stark ausgeprägten Fähigkeit von Angehörigen der sowjetischen Gesellschaft, sich Nischen abseits von staatlicher Kontrolle zu suchen, ist allerdings seine Behauptung zu bezweifeln, es habe in der UdSSR überhaupt keine Möglichkeit homosexueller Kontakte gegeben.

Die Sexgewohnheiten junger Menschen in den 6oer und 7oer Jahren untersucht S. Golod und liefert wenig überraschende Erkenntnisse zur antierotischen Wirkung des beengten sowjetischen Wohnungsbaus oder zur Angst vor ungewollter Schwangerschaft. Der Verf. warnt in leicht moralisierendem Ton vor der Reduzierung des Interesses am Partner auf den körperlichen Bereich, um dann einzuräumen, daß sich sexuelle Affären zu Liebesbeziehungen entwickeln können - und vice versa. Nachdem dies für die damals Befragten heute kein existenzielles Problem mehr darstellen dürfte, stellt sich die Frage nach den Adressaten dieser Reflexionen.

L.I. Remennick geht in ihrem Beitrag auf die Praxis der sowjetischen Geburtenkontrolle ein, die sich Jahrzehnte de facto auf die Abtreibung beschränkte. Bei neun bis zehn Millionen legaler Schwangerschaftsunterbrechungen pro Jahr spielten moralische Diskussionen, wie sie im Westen geführt wurden, nur eine untergeordnete Rolle. Remennick zeigt an Einzelfällen die enormen Dunkelziffern von Abtreibungen, oft verbunden mit hohen Gesundheitsrisiken. Während die medizinischen Statistiken beispielsweise 1982 für die georgische Hauptstadt Tiflis bei 17.000 Lebendgeburten 2.500 Unterbrechungen ausweisen, dürfte ihr realer Anteil um mehr als das Doppelte höher gewesen sein. Besonders auf dem Land blieb der Aufklärungsgrad der Bevölkerung über andere Verhütungsmethoden niedrig. Aber auch in der Metropole Moskau hatten 1985 rund ein Viertel aller Männer und Frauen noch nie von der Existenz der Pille gehört.

L. Attwood untersucht die zunehmende Bedeutung von Sex und Sexualität im verrohenden spätsowjetischen und russischen Kino. Die Verf. gelangt zu dem deprimierenden Befund, daß Gewalt und Sexualität zunehmend völlig unmotiviert und ohne inhaltliche Aussage dargestellt werden. Attwood verbindet dies mit Überlegungen zur gesellschaftlichen Rolle der Frau und versucht nicht ganz überzeugend die Anwendung psychologischer Interpretationen auf Filme, die sie zuvor bereits als in erster Linie voyeuristisch entlarvt hat. So bleibt ihr Beitrag ein Überblick über die Leistungen des maroden spätsowjetischen und russischen Kinos (nützlich ist eine Filmographie), bereichert um einige Denkanstöße zum Thema "Frauendarstellung". Zu diesem Komplex liefert E. Waters eine weitere Facette mit ihrem Beitrag zu sowjetischen Schönheitswettbewerben und der Entdeckung des weiblichen Körpers durch Medien und Werbung.

Die Intention der Herausgeber, Sexualität als gesellschaftliches Problem in einer Phase des Umbruchs zu thematisieren, ist zu begrüßen und rückt einen wichtigen Bereich in das Blickfeld von Zeithistorikern und an Rußland interessierten Laien. Leider wird der Band diesem Anliegen schon durch die mangelnde Aktualität nur zum Teil gerecht. Die fundamentalen Veränderungen, die die postsowjetischen Gesellschaften seit 1991 tagtäglich durchlaufen haben, machen mitunter die Erkenntnisse der Verfasser zur Makulatur. Aussagen zur Gesellschaft der UdSSR bleiben kursorisch und fügen sich nicht in einen allgemeinen Interpretationsrahmen zum tatsächlichen Umgang mit der Sexualität bzw. zur Wechselwirkung zwischen Staat und Gesellschaft ein. "Sex and Russian Society" zeigt ein weiteres Mal, wie schwierig es ist, komplexe Problemfelder im Rahmen von Sammelbänden zu erörtern.

 

Frankfurt am Main, Bernhard Chiari

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