Donata Maria Krethlow-Benziger: Glanz und Elend der Diplomatie. Kontinuität und Wandel im Alltag des deutschen Diplomaten auf seinen Auslandsposten im Spiegel der Memoiren 1871-1914. 560 S., Peter Lang, Frankfurt am Main u.a. 2001.

 

Unter den politischen bzw. administrativen Eliten gehören die Diplomaten wohl zu derjenigen Gruppe, über die in der Öffentlichkeit trotz einer Anzahl bereits vorliegender Untersuchungen zur Geschichte und Sozialstruktur des Auswärtigen Dienstes, ein augenscheinlich bis in die Gegenwart reichendes vornehmlich unklares, verklärtes und mit Klischees besetztes Bild vorherrscht. Das hohe Sozialprestige, die politische Bedeutung und das äußerst sensible, oft brisante und sich der Öffentlichkeit mitunter entziehende Metier des Auswärtigen Dienstes bzw. seiner Vertreter spielten und spielen bis heute unter anderem eine entscheidende Rolle bei der Mystifizierung dieser Berufsgruppe. Der Diplomat wirkt als ausführendes Organ der Außenpolitik; Konzeptionalisierung und Umsetzung außenpolitischer Entscheidungen sowie die praktische Pflege bilateraler Beziehungen vor Ort liegen in seiner Hand. Das Individuum gilt bzw. galt insbesondere für den beschriebenen Zeitabschnitt der Diplomatiegeschichte daher nicht umsonst als "the single most important element in successful foreign policy."(Dietrich Wilke: Aufgaben, Auswahlmodi und Ausbildungskonzeptionen des höheren Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik Deutschland, S. 10.

Dem Alltag der deutschen Diplomaten des Kaiserreiches widmet sich die von Prof. Dr. Urs Bitterli an der Universität Zürich betreute Dissertation. Anhand der Untersuchung von „über 50 Memoirenwerken und Erinnerungsfragmenten" (S.36) von Diplomaten und Attachés, die in der Zeit zwischen 1871 und 1914 auf einem Aussenposten tätig waren, beabsichtigt die Verfasserin einen Beitrag zur mentalitäts- und sozialhistorischen Forschung des zweiten deutschen Kaiserreiches zu liefern. Beginnend mit einer Darstellung zur politischen Führung, der damaligen Außenpolitik und der Sozialstruktur des deutschen Adels, führt die Verfasserin den Leser weiter in die eigentliche Materie, die Diplomatie und den deutschen diplomatischen Dienst im speziellen, ein. In den zwei folgenden Kapiteln beschäftigte sie sich mit den obligatorischen dienstlichen und außerdienstlichen Verpflichtungen des Diplomaten und seinen „Beziehungen zum Akkreditierungsstaat" bzw. zu dessen Vertreter, seinen Kontakten zu den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Institutionen, der Informationsbeschaffung und Reisetätigkeit sowie mit seiner gesellschaftlichen Bedeutung und seinem Privatleben.

Wenngleich informativ und kompiliert für den interessierten, insbesondere nicht mit der Diplomatiegeschichte vertrauten Leser aufbereitet, so bietet speziell die einführende Darstellung jedoch nur wenig neue Erkenntnisse über die Geschichte und „Gesamtstrukturen des auswärtigen Dienstes" und des „Beziehungsnetzes der Diplomaten" (S. 17). In zahlreichen Arbeiten, die die Verf. z.T. auch heranzieht, etwa die Studien Klaus Schwabes, Lamar Cecils oder die zuletzt erschienenen beiden Bände von Karl-Alexander Hampe (der zweite Band erschien allerdings erst 2001 und konnte somit wohl nicht mehr berücksichtigt werden) wurde der deutsche diplomatische Dienst zum Gegenstand (sozial- )historischer Forschung. Die Sozialstruktur des Auswärtigen Dienstes des deutschen Kaiserreiches wurde darin eingehend untersucht; ebenso der weitgehend allgemeingültige Verhaltenskodex innerhalb des internationalen diplomatischen Corps, speziell an den damaligen europäischen Höfen, der nicht nur den Dienst des Diplomaten (im höheren Auswärtigen Dienst), sondern auch sein privates und öffentliches gesellschaftliches Leben und das seiner Familie bestimmte. Die sehr ausführlichen und farbigen Schilderungen des „offiziellen" und „inoffiziellen" Alltags, der Lebens- und Arbeitssituation der anhand der Memoirenpublikationen ausgewählten Diplomaten bieten ein anschauliches Bild - nicht ohne damit aber auch gleichzeitig eine Vielzahl von bestehenden Klischees und das Bild des diplomatischen „ Salonlöwen" (S 384) hinreichend zu bedienen. Das eigentliche Thema: „Kontinuität und Wandel im Alltag" der Diplomaten während des beschriebenen Zeitraumes wird dagegen im Rahmen der erschöpfenden Schilderungen nur gelegentlich gestreift (z.B. im Unterkapitel „Reisetätigkeit").

Leider schleichen sich in die allgemeinen Ausführungen über das deutsche Auswärtige Amt und seine Vertreter Ungenauigkeiten (z.B. durch die fehlende bis zur sogenannten Schülerschen Reform von 1921 bestehende Differenzierung der diplomatischen und konsularischen Laufbahn und des Dragomanats und ihrer unterschiedlichen Ausbildungskriterien, S. 107f.) oder auch Fehlinterpretationen (z.B. Zuordnung der Marine- und Militärattachés zum Auswärtigen Dienst, S. 95ff.) ein. Leicht hätte man dies durch ein Quellenstudium (Verwaltungs-, Sach- bzw. Geschäftsgangsakten, Personalakten der genannten Diplomaten) im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts verhindern können. Wichtige Informationen zur Organisation und Personalstruktur des Auswärtigen Dienstes dieser Zeit sowie biographische Angaben für zumindest einen Teil der zitierten Diplomaten hätte man ebenso durch die Berücksichtigung des im Sommer 2000 vom Auswärtigen Amt herausgegebenen ersten Bandes des „Biographischen Handbuchs des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871-1945" (A-F) gewinnen können. Manche unklare bzw. falsche Formulierung, wie etwa der variable Gebrauch für den Diplomaten oder Missionschef, ohne Unterscheidung seiner amtlichen Funktion als Botschafter oder Gesandter (S. 177), oder Formulierungen wie „Geschäftsträger des deutschen konsularischen Dienstes in Abessinien" (S.397, für den mit der zeitweiligen Vertretung des beurlaubten Gesandten in Addis Abeba) deuten auf fehlende grundlegende Kenntnisse über die Organisation und Struktur des Auswärtigen Dienstes hin.

Besonders schade und unverständlich erscheint der Mangel an Recherche speziell im Kontext der für den Leser am Ende hinzugefügten zwar interessanten, aber nicht immer korrekten Kurzbiographien einiger der genannten und zitierten Diplomaten. So hätten sich beispielsweise problemlos konkrete Daten oder Hinweise über vorhandene Nachlässe (z.B. v. Bernstorff, v. Brandt, v. Brauer, v. Eckardstein oder Eulenburg-Hertefeld) über das Biographische Handbuch finden lassen. Fehlende Lebensdaten (etwa das Todesdatum im Falle Ottmar von Mohls oder Georg Graf von Wedels) wären darüber hinaus auch im ersten Fall über das sogar im Literaturverzeichnis angegebene Genealogische Handbuch des Adels (hier: Reihe B, Bd. XXII, 1998, S. 258) oder im Falle Wedels u.a. über den bereits 1995 erschienenen Ergänzungsband zu den Akten zur deutschen auswärtigen Politik zu ermitteln gewesen. Statt dessen wurden biographische Angaben oder (ungenaue) Karrieredaten aus mittlerweile über 40 Jahre alten NDB-Artikeln (S. 529ff. zu v. Bernstorff, v. Brandt, v. Brauer, v. Bülow) oder ausschließlich aus den Memoiren selbst entnommen (S. 541 zu Herbert v. Hindenburg).

Auch die Auswahlkriterien für die Quellen – ausschließlich publizierte Memoiren und Lebensbeschreibungen aktiver Diplomaten, deren Zugänglichkeit in einigen Bibliotheken von der Verf. „sichergestellt" (S. 36) werden konnten, mögen den Leser verwundern und den Schluss ziehen lassen, dass ungeachtet der Fülle an genannter Sekundärliteratur speziell im Falle der Auswahl der Primärquellen ein Stück weit Pragmatismus mitgespielt haben mag. Durchaus der Problematik bewusst, die die ausschließliche Konzentration auf persönliche Memoirenliteratur für die historische Forschung mit sich bringen kann, klammert die Verf. leider anderweitige persönliche Quellen wie Tagebücher, Briefwechsel, Korrespondenzen, Nachlässe sowie politische Akten von vornherein aus. Der Problematik der Subjektivität, der persönlichen Selbsteinschätzung, der fehlenden oder schwierigen Überprüfbarkeit der Aussagen und der seitens des Autors mit einer womöglich avisierten Publikation der Memoiren verbundenen Zielsetzungen sowie das Problem der Retrospektive, aus der die Lebenserinnerungen meist geschrieben worden waren, scheint sich auch die Verf. selbst streckenweise nicht ganz verschließen zu können. Insbesondere dann, wenn sie z.B. wiederholt den Wert von Memoiren, etwa der „Denkwürdigkeiten" des durch „überhöhte Eitelkeit" charakterisierten Bernhard von Bülow als Werk mit „Klatschpointen" (S. 127) abtut (S. 179, 227) oder den Wahrheitsgehalt der ausschmückenden Berichte der Diplomaten wiederholt in Frage stellt (S. 127ff., 130ff, 157, 309).

Auch die sich der Verf. ebenso aufdrängende Frage nach einer vergleichenden Untersuchung der biographischen Beschreibungen, der geschriebenen Erinnerung, mit historischen Tatsachen, die etwa anhand von amtlichen Quellen hätten überprüft werden können, bleibt unbeantwortet. Vielmehr kommt Krethlow-Benziger selbst zu der Auffassung, dass „die hier untersuchten Memoiren [...] in einzelnen Fällen Bilder von unterhaltungssüchtigen Salonlöwen [vermitteln], deren politische und gesellschaftliche Selbstüberschätzung nur noch von ihrer geringen tatsächlichen Bedeutung übertroffen [würde]" ( S. 384).

Ein Vergleich zwischen persönlicher Wahrnehmung bzw. Beurteilung außenpolitischer Ereignisse einerseits und der Einschätzung der Bedeutung der eigenen Person seitens der unmittelbar damit befassten Diplomaten andererseits mit aktenmäßig Belegbarem wäre in manchen Fällen als Untersuchungsgegenstand durchaus interessant gewesen. Eine ernsthafte Quellenerörterung bleibt so im Grunde aus. Thesen wie die von der grundsätzlichen Indifferenz der Diplomaten gegenüber wirtschafts- oder handelspolitischen Fragen oder der Animosität gegenüber Bankiers, insbesondere jüdischer Herkunft (S 246), lassen sich anhand der Personenauswahl nur allzu leicht untermauern (sieht man von Kühlmann ab). Gegenbeispiele von Diplomaten (etwa Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau), die z.T. allerdings keine Memoirenliteratur hinterließen, bleiben dabei unberücksichtigt. Als vielseitige, umfangreiche Beschreibung des damaligen Kultur- und Gesellschaftslebens, mit besonderer Betonung der offiziellen und inoffiziellen Tätigkeit des kaiserlichen Diplomaten im europäischen wie im außereuropäischen Ausland liest sich diese Arbeit sehr interessant, wenngleich sich im Zusammenhang mit den jeweiligen sehr differenzierten Teilbereichen des dienstlichen und außerdienstlichen, des gesellschaftlichen und privaten Lebens des Diplomaten anhand der häufig herangezogenen und umfangreichen Zitate zwangsläufig manche Redundanz ergibt.

Eine reiche Bebilderung, die allerdings weit über das eigentliche Thema der Diplomatiegeschichte hinausgeht und vielmehr zu einer grundsätzlichen Sozialstudie dieser Epoche gehört, macht dieses Zeit- und Kulturkolorit anschaulich. Die dem Anhang beigefügten Karten erscheinen dagegen überflüssig. Eine umfangreiche Bibliographie – nicht nur zur Geschichte der Diplomatie – bietet dem interessierten Leser einen guten Überblick über die Zeit des deutschen Kaiserreiches.

 

Berlin, Christiane Scheidemann

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