Heike Krokowski: Die Last der Vergangenheit. Auswirkungen nationalsozialistischer Verfolgung auf deutsche Sinti. 299 S., Campus, Frankfurt, New York 2001.

 

Die Verfasserin begründet die Themenstellung ihrer Studie überzeugend damit, daß zwar die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in der Historiographie zunehmend berücksichtigt werde, daß jedoch die Darstellung der Verfolgungserfahrung, mithin der psychischen und sozialen Auswirkungen der NS-Vernichtungspolitik auf die als „Zigeuner" Stigmatisierten, ein kaum eingelöstes Desiderat sei. Ebenso schlüssig ist der methodischer Ansatz, mit Rekurs auf die umfangreiche psychoanalytische Literatur, die über die Traumatisierung jüdischer NS-Verfolgter vorliegt, die Unterschiede und Ähnlichkeiten in der Verfolgungserfahrung bei überlebenden Juden und „Zigeunern" zu erörtern.

Als Materialbasis dienen der Verfasserin 67 lebensgeschichtliche Interviews aus einem Forschungsprojekt, das die Universität Hannover gemeinsam mit dem Niedersächsischen Verband Deutscher Sinti e.V. durchgeführt hat. Die Gesprächspartner, über die man im Anhang der Arbeit leider nichts Genaueres erfährt, waren Überlebende der NS-Verfolgung der Jahrgänge 1908 bis 1934. Um den Nachwirkungen der Verfolgung und Traumatisierung auf die spätere Lebenssituation und auf die Nachfolgegeneration eingehender berücksichtigen zu können, wurden nach Abschluß des Projektes acht weitere Interviews mit Angehörigen der Verfolgtengeneration sowie der Generation ihrer Kinder- und Enkel geführt. Die Verfasserin ist sich dabei der spezifischen Problematik des lebensgeschichtlichen Interviews bewußt, in dem Geschichte eben nicht nur rekonstruiert, sondern in einer für die eigenen Biographie sinnhaften Weise auch konstruiert wird. Sie macht zudem deutlich, daß die vorliegenden Interviews einer qualitativen, nicht jedoch einer im statistischen Sinne quantifizierenden Deutung zugänglich sind.

Mit Blick auf die Überlebenden der Verfolgung untersucht Heike Krokowski die durchaus unter- schiedlichen Verfolgungssschicksale der Interviewten, wobei zu fragen wäre, warum die Verhaftungen von Sinti im Rahmen der sog. „Aktion 'Arbeitsscheu Reich'" 1938 in den Gesprächen offenbar kaum zur Sprache kamen. Im Zentrum der Interview-Auswertung stehen vor allem die Erfahrungen der Überlebenden von Auschwitz-Birkenau. Bei der Darstellung der Möglichkeiten, das eigene Überleben im Lagerkosmos zu gewährleisten, arbeitet die Verfasserin folgenden Grund- konflikt heraus: Die Einhaltung der außerhalb des Lagers gelernten und verinnerlichten moralischen Ansprüche und das Überleben unter den Bedingungen des Lagers schlossen sich weitgehend aus. Als aber 1945 das Überleben gesichert und die Moral wieder in Kraft gesetzt war, konnten die Überlebenden die Diskrepanz zwischen dem eigenen Handeln in der Extremsituation und ihren moralischen Ansprüchen an sich selbst vor und nach der Verfolgung kaum mehr in ihr Selbstbild integrieren.

Besonders sensibel und überzeugend sind die Interpretationen, mit denen Heike Krokowski die Erinnerungskonstruktionen vom „vergifteten Brot" in Bergen-Belsen 1945 und vom Widerstand der Sinti gegen ihre Erstickung im Gas in Auschwitz-Birkenau Anfang August 1944 deutet. Die Erzählung vom vergifteten Brot, die unter den deutschen Sinti im Sinne des „kollektiven Gedächtnisses" zur Metapher für den Tod im Lager wie für die unerwartete Rettung einzelner geronnen ist, besagt, daß die SS die Häftlinge des KZ Bergen-Belsen unmittelbar vor dem Eintreffen der Briten durch vergiftete Lebensmittel habe umbringen wollen, daß aber zumindest die Sinti- Häftlinge gewarnt bzw. auf diesen Mordversuch aufmerksam geworden seien. Das Gefühl der „Überlebenschuld" angesichts des Todes der Verwandten konnte durch diese Geschichte, nach der eben auch die Überlebenden nur knapp dem Tod entgangen seien, gemildert werden. Zugleich vermochte diese Erzählung den überlebenden Sinti das massenhafte - realiter durch ungewohnte Nahrungsaufnahme bedingte - Sterben von KZ-Häftlingen nach der Befreiung aus SS-Gewalt zu erklären. Die Erzählung, die Opfer im „Zigeuner-Familienlager" von Auschwitz-Birkenau hätten sich Anfang August 1944 mutig gegen ihre Erstickung im Gas gewehrt, bietet den Überlebenden die Möglichkeit, das Unbegreifliche und Unerträgliche des Sterbens ihrer Verwandten mit dem Sinn der Auflehnung gegen den Tod und gegen die SS zu versehen.

Mit Blick auf die nachgeborenen Sinti vermag die Verfasserin zu zeigen, daß die familiäre Verfolgungserfahrung für sie in psychosozialer Hinsicht wie für ihre Haltung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft erheblichen Stellenwert hat. Besonders hervorzuheben sind hier ein weitgehend sprachloses Nicht-Begreifen-Können der NS-Verfolgung, eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber Diskriminierung, aber auch Aggressionsgefühle gegenüber den Eltern, die äußerst ambivalent als schwach und stark zugleich erscheinen, sowie Bemühungen, sich von den in dieser Amivalenz schwer ertragbaren familiären Bezügen abzuwenden, und - nach außen gerichtet - Wut, Trotz und eine Distanz gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, die durch das persönliche Erfahren von Diskriminierung und durch die Angst vor neuerlicher Verfolgung besonders akzentuiert wird. Ingesamt bestärkt die Erinnerung an die NS-Verfolgung, so Heike Krokowskis Befund, bei den Überlebenden wie bei ihren Nachkommen eine ambivalente Haltung zu Deutschland, die einerseits durch Distanz, andererseits durch eine nicht zuletzt durch Angst und das Gefühl eigener Unterlegenheit begründete Identifikation mit den Nicht-Sinti charakterisiert ist.

Im Unterkapitel „Selbstbild und Selbstverständnis nachgeborener Sinti" arbeitet die Verfasserin außerdem die Veränderungen heraus, welche die Soziokultur und Lebensweise der deutschen Sinti in den letzten Jahrzehnten kennzeichnen. Stichworte sind hier eine faktische Reduzierung der Familie vom großen Verwandschaftskreis hin zur Drei-Generationen-Familie; eine Veränderung der Wohnsituation vom Wohnwagen und Lagerplatz zur festen Wohnung in einer Nachbarschaft, die keine oder doch nur wenige andere Sinti-Familien umfaßt; eine zunehmend individuelle und freie Interpretation der kulturellen Regeln der Sinti sowie einer insgesamt moderneren und flexibleren Gestaltung des Alltages, die man sich selbst und anderen gegenüber aber oft nicht zugeben möchte. Ohnehin besteht bei nicht wenigen Interviewten eine erhebliche Diskrepanz zwischen einem traditionellen, das frühere Leben in der Großfamilie romantisierenden Selbstbild einerseits und einer tatsächlich eher modernen Lebensweise andererseits. In begrifflicher Hinsicht zeichnet sich die vorliegende Studie durche eine sehr gute Kenntnis der psychoanalytischen Literatur über die Überlebenden der NS-Verfolgung und ihre Kinder, die „zweite Generation", aus. Zentrale Begriffe wie „Überlebensschuld", „Extremtraumatisierung" oder „Überlebensstrategie" werden in den Einzelargumentationen in überzeugender Weise eingesetzt. Offen bleibt, warum die Verfasserin den Begriff der „Identifikation mit dem Aggressor" nicht erörtert, der in der einschlägigen psychoanalytischen Literatur eine wichtige Rolle spielt und die bisweilen vorfindliche Identifikation der weitgehend „entpersonalisierten" Lagerhäftlinge mit dem SS-Personal meint, das ja, wenn auch in perverser Weise, die Merkmale individueller „Persönlichkeit" behielt. Diese kritische Anmerkung soll die Leistung der Verfasserin jedoch nicht schmälern. Heike Krokowski hat eine Studie verfaßt, deren Argumentation sich in überzeugender Weise im Dreieck von Geschichte, Ethnologie und Psychoanalyse bewegt und der Historiographie zur NS-Zigeunerverfolgung auf diese Weise wichtige inhaltliche und methodische Impulse gibt.

 

Essen, Michael Zimmermann

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