Zbigniew Kurcz: Mniejszos niemiecka w Polsce. (Die deutsche Minderheit in Polen). 276 S., Wydawnictwo Uniwersytetu Wroclawskiego, Wroclaw 1995.

 

Die Problematik der deutschen Minderheit in Polen wurde in Politik wie Wissenschaft erst ab 1989 thematisiert. Der Breslauer Soziologe Zbigniew Kurcz versucht diese Minderheit zahlenmäßig zu erfassen und ihre Zusammensetzung sowie ihre Grundprobleme zu untersuchen. Die Methode, derer er sich dabei überwiegend bedient, ist der Zugang zur Problematik über Memoiren von Betroffenen, die aus einem Wettbewerb " Ich bin Deutscher in Polen" gewonnen wurden.

Die Zahl von in 22 der 49 polnischen Wojewodschaften lebenden Angehörigen der deutschen Minderheit wird für das Jahr 1992 mit 299.580 überraschend präzise angegeben. doch handelt es sich dabei um deren organisierte Mitglieder. Ihre Zusammensetzung schlüsselt Kurcz im einzelnen auf nach der "autochthonen Bevölkerung polnischer Abstammung", die mit mehr als 90 % die größte Gruppe stellt, ethnishcen Deutschen, Nachkommen deutscher Kolonisten sowie Personen. die sich während des Krieges in die Volksliste eingetragen hatten.

Zur Rekonsruktion der Umstände, die eine Identifikation mit Deutschland erleichterten, zieht Kurcz das jeweilige Leben vor 1939, die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und des Jahres 1945, das Zusammentreften mit den Neusiedlem aus Zentralpolen, die Probleme, denen sich Deutsche in Volkspolen gegennübersahen und den Kontakt mit der sozio-ökonomischen Wirklichkeit der Bundesrepublik heran. Als Hauptmotive dafür, sich als Deutsche zu zu erklären, führt Kurrcz in erster Linie die in der Erfahrung der heutigen wie in der vorkriegszeit wurzelnde Überzeugung von der zivilsatorischen wiewirtschaftlichen Überlegenheit Deutschlands an, ferner die durch die Erfahrungen mit der Volksreplubik wurzelnde Überzeugung von der zivilisatorischen wie wirtschaftlichen Überlegenheit Deutschlands an, ferner diedurch dieerfahrungen mit derVolksrepublik bedingte Entfremdung vom polnischen Staat.

In einem empirischen Teil werden auf eigenen Feldforschungen beruhende Resultate zu Wertvorstellungen vor allem vonFürhugnspersonal der deutschen Minderheit sowie von Parlaments- und Kommunalwahlen vorgestellt. Dabei beobachtet Kurcz ein unterschiedliches Verhalten der Deutschen in Gebieten mit geschlossener Siedlung (Streben nach möglichst vielen Führungspositonen auf lokaler Ebene) und in der Diaspora (eher Zurückhaltuno gegenüber politischem Engagement.) Gleichzeitig stellt er fest, daß eine wachsende innere Integration der deutschen Minderheit von deren abnehmender Integration in die politische Gesellschaft begleitet sei.

Bemerkenswert ist die Ambivalenz, mit der der polnische Soziologe jenseits der empirischen Evidenz die Entwicklung der deutschen Miinderheit beurteilt. So vergleicht er ihre heutige Ausgangssituation mit der der deutschen Siedler vor Jahrhunderten. Die einen hätten ihre materielle und kulturelle Überlegenheit und günstige internationale Konstellationen genutzt, um in kurzer Zell ihre unmittelbare Umgebung zu dominieren, andere hatten sich dagegen in derpolnischen Umgebung assimiliert. Ein bei den Deutschen in Polen heute zu beobachtender Expansionismus könne konstruktiv wie destruktiv sein - konstruktiv z.B bei der Herausbildung einer für die sozioökonomische Entwicklung in Polen wichtigen Mittelschicht, destruktiv, wenn sie die bitteren historischen Erfahrungen ihrer polnischen Mitbürger nicht berücksichtigten. Auch wenn sich Kurcz (was nicht immer unproblematisch ist) mehrfach auf den Text von Florian Znaniecki aus der Zwischerikriegszeit über die gesellschaftlichen Kräfte im Kampf um Pomerellen beruft, fühlt man sich bisweilen an Edmund Osmanczyks mehrfach neu aufgelgeten Klassiker "Sprawy Polakow" erinnert, in demdieeser unmittelbar nach Ende desZweiten Weltkfriegs auf grundlegende Beziehungen zwischen Polen und Deutschen einging.

 

Trier, Klaus Ziemer

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