Ross McKibbin: The Ideologies of Class. Social Relations in Britain 1880-1959. 308 S., Clarendon Press, Oxford 1994.

 

In den letzten Jahren zeichnet sich auf dem Buchmarkt ein stärker werdender Trend zum gesammelten Neuabdruck älterer Aufsätze einzelner Autoren ab. Während einige dieser Publikationen nur als Buchbindersynthesen gelten können, ist die jetzt als Paperback erschienene Aufsatzsammlung von Ross McKibbin, der als Fellow für neuere Geschichte am St. John's College in Oxford lehrt, uneingeschränkt zu begrüßen.

Die Aufsatzsammlung wird inhaltlich durch zwei strukturelle Leitperspektiven bestimmt. Erstens fragt sie nach dem politischen und gesellschaftlichen Charakter der britischen Arbeiterschaft, und zweitens analysiert sie die Beziehungsverhältnisse der Arbeiterklasse zu anderen sozialen Gruppen und zum Staat. Zeitlich bildet die Phase von den 1880er bis in die 1950er Jahre eine weitere Klammer der Einzelbeiträge. Dieser Zeitabschnitt wurde deswegen gewählt, weil sich in ihm die Arbeiterschaft in ihrer weitesten Form ("mature") konstituiert habe (S.VIIf).

Die insgesamt neun, teilweise überarbeiteten Einzelbeiträge setzen verschiedene Schwerpunkte und bedienen sich unterschiedlicher Methoden. In einem ersten politik- und ideologiegeschichtlichen Teil wird die Bedeutung Arthur Hendersons als Arbeiterführer und die Rolle des Wahlrechts für den Aufstieg der Labour Party behandelt, wobei letzterer Beitrag zusammen mit Colin Matthews und John Kay verfaßt wurde. Ihre zentrale These ist die große Bedeutung des Wahlgesetzes von 1918 (S. 82) für den Aufstieg der Labour Party. Sie beschränken sich hierbei nicht auf eine Analyse der Wahlarithmetik, sondern sie erreichen eine gelunge Verbindung wahlsoziologischer Fragen mit einer Untersuchung der Ideologie und Programmatik der ehemals führenden Liberalen. Noch ungleich umfassender sind McKibbins Ausführungen zu der vergleichend angelegten Frage, für die Werner Sombarts ähnlich lautende Überlegungen über die Vereinigten Staaten zum Ausgangspunkt gewählt werden: "Why was there no marxism in Great Britain?" Der Autor führt hierfür eine ganze Reihe struktureller Faktoren an, darunter insbesondere die starke Binnendifferenzierung der britischen Arbeiterschaft. Einen weiteren wichtigen Grund sieht er in der Existenz einer breit ausgebauten Arbeiter-Vereinskultur vor der Gründung der Labour Party (S. 12-16). McKibbin verweist aber auch auf die Elemente einer "ideologischen Hegemonie" (Krone, Parlament) und einer egalitäreren politischen Kultur, die der ungehinderten Entfaltung einer eigenständigen politischen Arbeiterbewegung entgegengestanden hätten.

Der zweite Teil behandelt in zwei Beiträgen Aspekte, die unter dem Begriff der Arbeiterkultur zu subsumieren wären. Dabei handelt es sich um Studien zum "Working-class gambling 1880-1939" und "Work and hobbies 1880-1950". Beide Aufsätze gehen den Ursprüngen und Hintergründen einer sich in Großbritannien früh entfaltenden Freizeitkultur in den Reihen der Arbeiterschaft nach. Dazu gehören wichtige Aufschlüsse über die sozialen und mentalen Gründe für die vermeintlich typisch britische Wettleidenschaft, die im Grunde ja erst im Untersuchungszeitraum ihren Ursprung fand. McKibbin beschreibt darüber hinaus die sozialgeschichtliche Seite des Wettens, sowohl von denen, die hierüber ihre kargen Löhne aufbessern wollten, als auch den kaum bessergestellten street bookmakers (S. 131). Des weiteren konstatiert der Autor, daß Hobbies (ein englischer Begriff!) nicht so sehr im Gegensatz zum Berufsleben gesehen werden dürften, sondern zumal im britischen Fall als eher komplemetäre Ergänzungen und Verstärkungen (S. 165). Für den gelernten Handwerker bestand sein Hobby zumeist aus der Fortsetzung seiner täglichen Arbeitsroutine, allerdings aus freien Stücken. Der dritte Teilbeitrag dieser Gruppe behandelt die Entwicklung der vor allem für Großbritannien typischen "cultural sociology", für die Charles Booths Studien aus den I880er Jahren zur eigentlichen Grundlage geworden waren.

Im abschließenden Teil steht das Verhältnis der Arbeiterschaft zum Staat und zu anderen gesellschaftlichen Gruppen im Zentrum. Als erstes wird die Wirtschaftspolitik der zweiten Labour-Regierung in der Weltwirtschaftskrise behandelt, wobei sich auffällige Parallelen zur Borchardt-Kontroverse in Deutschland ergeben. Der Handlungsspielraum der Regierung wird deutlich geringer eingeschätzt als dies frühere Kritiker der Labour-Regierung wahrhaben wollten. Auch die Betrachtungen zur "Sozialpsychologie" der Arbeitslosigkeit in der Zwischenkriegszeit sind für deutsche Leser von größtem Interesse, wird doch hier die berühmte Studie über die Ärbeitsiosen von Marienthal mit Blick auf die britischen Quellen einer kritischen Analyse unterzogen. So meldet McKibbin berechtigte Zweifel an deren Grundthese einer zunehmenden Verelendung und negativen Selbsteinschätzung der Arbeitslosen an (S. 253). Die Menschen führten zumeist ein Leben in der Arbeitslosigkeit, wie sie es auch in Zeiten früherer Beschäftigungen getan hatten. Ein letzter und für den Sammelband neu verfaßter Beitrag beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Konservativer Partei und der ,Öffentlichkeit'. McKibbin setzt sich hierin u.a. mit dem schwierig zu deutenden Phänomen des Konservatismus in der Arbeiterschaft auseinander. Seine Thesen gehen hierbei über die bekannten Verweise auf deferentielle Strukturen der britischen Gesellschaft hinaus. Für die Phase der Zwischenkriegszeit erkennt er vielmehr einen wichtigen Grund in der erfolgreichen politischen Strategie der Konservativen Partei, die Labour Party im öffentlichen Bewußtsein allein auf ihre Gewerkschaftsbasis zu beschränken (S. 289).

Die überzeugende Argumentationsweise McKibbins zeichnet sich durch mehrere Vorzüge aus. Grundsätzlich besticht sie durch ihre konsequent quellenkritische Selbstreflexion, die auch auf der Ebene der Interpretation Berücksichtigung findet. Wiederholt weist der Autor darauf hin, daß die Konstituierung der Lebenswelten der Arbeiterschaft oft nur über ein Quellenmaterial zu erreichen ist, welches gegenüber seinen ,Objekten' eine mehr oder weniger "feindliche" Haltung (S. 1O1) einnimmt. Darüber hinaus versteht es der Autor, seine Ausführungen auf Thesen zuzuspitzen, deren Gehalt auch über mehrere Jahre nicht an Überzeugungskraft verloren haben. Widerspruch wird er am ehesten mit seinem zuletzt verfaßten Beitrag ernten. Abschließend ist der Sammlung auch deswegen eine weite Verbreitung zu wünschen, weil sie durch ihre Anordnung und ihre Themen auf eindrucksvolle Weise die Entwicklung der Arbeitergeschichte in den letzten Jahrzehnten - nicht nur im britischen Raum - widerspiegelt. Hier werden die unterschiedlichsten Aspekte von der politischen Organisationsgeschichte bis hin zu neueren Ansätzen der Kultur der Arbeiterschaft behandelt. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang nicht ganz ohne Bedeutung, daß der letzte Beitrag des Bandes sich wieder einem politischeren Thema zuwendet, was ja durchaus mit einem grundsätzlichen Trend zur Repolitisierung der Geschichtswissenschaft übereingeht.

 

Düsseldorf, Christoph Cornelißen

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