Horst Möller, Gérard Raulet und Andreas Wirsching (Hrsg.): Gefährdete Mitte? Mittelschichten und politische Kultur zwischen den Kriegen: Italien, Frankreich und Deutschland. 180 S., Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1993.

 

Der vorliegende Band ging aus einer Konferenzserie hervor, die Forschungsaktivitäten des DHI Paris mit Ergebnissen einer Forschungsgruppe an der Maison des Sciences de l´ Homme über die (politische) Kultur Weimars verband. Die leitende Fragestellung gilt den Überlebenschancen und Gefährdungen der gesellschaftlichen Mitte nach dem Ersten Weltkrieg, und die Beiträge zeigen, daß "gefährdete Mitte" eine Grundempfindung der Zwischenkriegszeit mit gemeineuropäischem Charakter war. Bereits Zeitgenossen, die sich mit der politischen Krisenanfälligkeit der europäischen Demokratien befaßten, verwiesen auf die ambivalente Rolle der Mittelschichten und sahen in ihnen die spezifische Massenbasis sowohl des italienischen Faschismus wie auch des deutschen Nationalsozialismus. Aber trotz einigen herausragenden Analysen aus der Zeit selbst - zu denken ist insbesondere an Theodor Geigers Arbeiten, die eine Förderung des Mittelstandes als Strategie zur Überwindung sozialer und politischer Krisen sowie zur Versöhnung von Klassengegensätzen vorschlugen - steckt die Kleinbürgertum-Forschung insgesamt noch in den Anfängen, vor allem, wenn man nach vergleichenden historischen Betrachtungen, aber auch nach lokalen und regionalen Mikrostudien sucht. Am weitesten vorangeschritten erweist sich die Forschung zu den deutschen Mittelschichten in der Weimarer Republik, die in den letzten Jahrzehnten verschiedene Analysen zur sozialprotektionistisch orientierten Interessenpolitik vorgelegte, den vorindustriellen Leitbildern nachspürte und den Mittelschichten eine Affinität zu Illiberalismus und Nationalsozialismus nachzuweisen versuchte, was allerdings durch die neuere historische Wahlflorschung wieder zum Teil revidiert wurde.

Auch die im Sammelband vereinigten Beiträge verweisen bereits auf den ersten Blick auf die Lücken der Forschung: Von den acht Studien widmen sich jeweils drei Deutschland und Frankreich, eine gilt einem deutsch-französischen Vergleich und nur eine einzige Untersuchung beschäftigt sich mit Italien, wo Luigi Salvatorelli 1923 die gleichsam klassische Formel prägte, daß der Faschismus den "Klassenkampf des Kleinbürgertums" darstelle, "das sich zwischen Kapitalismus und Proletariat wie der Dritte zwischen zwei Kämpfenden befindet".

Heinz-Gerhard Haupt verweist in seiner Untersuchung über das Kleinbürgertum in Frankreich und Deutschland zwischen den Kriegen darauf, daß es nur in Deutschland eine intellektuell anspruchsvolle und auf breiter Grundlage geführte Diskussion über den Mittelstand gegeben hat. Frankreich war in gewisser Hinsicht Nachzügler, aber auch Lernender, wie Klaus-Peter Sick in seinem ergiebigen Abriß der Geschichte der "classes moyennes" nachweisen kann. Über das zwischen Frankreich und Deutschland stets umstrittene Elsaß-Lothringen wirkte etwa die deutsche Handwerksgesetzgebung auf die französische Mittelstandspolitik ein. Während Nonna Mayer in ihrem Beitrag die Mittelschichten im politischen Leben Frankreichs nach rechts abdriften sieht, richtet Andreas Wirsching einen eher ungewöhnlichen Focus auf die Ideologieangebote gegenüber den Mittelschichten, wie sie von Frankreichs Kommunisten zwischen 1924 und 1936 gemacht wurden. Das Wahlverhalten von Mittelschichten in der Weimarer Zeit und die These, daß ihr Anteil an der Wählerschaft der NSDAP noch immer weit überschätzt werde, steht im Zentrum des Beitrags von Jürgen W. Falter. Als einzige Partei Weimars habe es die NSDAP vermocht, zur Volkspartei zu avancieren und verschiedene politisch-kulturelle Milieus hinter sich zu vereinigen.

Michael Prinz und Georges Roche nähern sich den Mittelschichten von der mentalitäts- und. erfahrungsgeschichtlichen Seite. Prinz' Ziel ist es, zu zeigen, daß das, was gemeinhin als "Ideologie des neuen Mittelstandes" bezeichnet wird, in hohem Maße ein Konstrukt gewesen ist und daß die kulturkritische Rhetorik auch ein gewisses Ablenkungsmanöver von der eigenen lobbyistischen Praxis darstellte; die "Ideologie" konnte je nach Bedarf auch sehr schnell grundsäzlich neuakzentuiert werden. Anhand der Publikationen der ersten deutschen Ingenieurgewerkschaft, dem Budaci (Bund angestellter Chemiker und Ingenieure), liefert Roche wichtige Hinweise zu den Kulturmustern dieser oberen Mittelschicht. Bruno Groppo nimmt im einzigen Beitrag zu den italienischen Mittelschichten zeitgenössiche Analysen über den Zusammenhang zwischen Faschismus und Mittelschichten in der Aufstiegsphase Mussolinis ins Visier (von: Mario Missiroli, Alberto Cappa, Giovanni Zibordi, Luigi Salvatorelli usw.). Am Ende muß er konstatieren, daß das, was wir wirklich über diese soziale Schicht wissen, erschreckend wenig bleibt. Auffällig beim italienischen Fall ist, daß vor allem die "humanistisch" gebildeten Mittelschichten Mussolinis Regime so stark stützten, wofür Groppo die hohe Arbeitslosigkeit des akademischen Proletariats verantwortlich macht, das vergeblich den sozialen Praktiken der Bourgeoisie nacheiferte und trotz Proletarisierung hartnäckig sein nicht-proletarisches Bewußtsein aufrecht erhielt.

 

Berlin, Edgar Wolfrum

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