Negt, Oskar: Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht, 416 S., Steidl, Göttingen 1995.

Als umlängst in einem Fernsehspiel an die Männerfreundschaft von Franz Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski erinnert wurde („Dicke Freunde“), reagierte der Sohn des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten unwirsch. Das sei ein „typisches 68er Machwerk“. Was genau Strauß jr. damit meinte, blieb offen. Aber schon dieses kleine, eher zufällig aus dem Fluss der Tagesereignisse herausgefischte Beispiel zeigt, wie sehr jene Jahreszahl ‚68‘ immer noch ein Reizwort in der öffentlichen Diskussion zu sein scheint. Und sind nicht andererseits auch viele der damaligen studentischen Protagonisten, Gegner wie Sympathisanten der ‚68er Bewegung‘, heute in den diversen Machtzentren der Gesellschaft reichlich vertreten? Besonders in den Medien, dies zeigt jede Jubiläumserinnerung an „1968“ findet diese intellektuelle Generation bis heute ein starkes Echo.

Da lohnt es sich einmal ein Buch zur Hand zu nehmen, das den schlichten Titel „Achtundsechzig“ trägt. Geschrieben hat es Oskar Negt, Soziologe in Hannover und einer der bekanntesten Repräsentanten der Schülergeneration von Adorno und Horkheimer, die grob verallgemeinernd als „Väter des Aufbruchs von ’68“ gelten. In den siebziger Jahren hat Negt zu verschiedenen Anlässen und in vielen öffentlichen Stellungnahmen jenen „aufklärerischen und emanzipatorischen Geist“ der Intellektuellenbewegung von ‚68‘ in zeitaktuellen Debatten (Kindererziehung, Medienpolitik, Gewerkschaftspolitik, Gewaltdiskussion usw.) artikuliert. Er wird wie nur wenige andere Intellektuelle heute noch mit ‚68‘ identifiziert und identifiziert sich selber auch mit den geistigen Grundströmungen jener Zeit. Mit der Ende der achtziger Jahre nicht nur in Deutschland einsetzenden „Krise eines linken Reformprojekts“ ist es auch stiller geworden um diejenigen Intellektuellen, die sich selbst immer als „demokratische Sozialisten“ definiert und ihren politischen Ort in kritisch-loyaler Nähe zur Sozialdemokratie angegeben haben. Mit dem vorliegenden Buch versucht Oskar Negt eine Resümee jener Ideen und Anstöße zu ziehen, die mit dem Jahressignet ‚68‘ in die jüngere deutsche Zeitgeschichte eingegangen sind. Negt segelt mit dieser Streitschrift, in der wir viele alte Takelage aus seinen früheren Schriften wiederfinden, kreuz und quer durch die Gewässer von ‚68‘. Und bei manchen der von ihm angeschlagenen Themen spürt man wirklich eine nichts und niemanden mehr aufwühlende Flaute. Wen außer den direkt beteiligten Zeitgenossen und professionellen Zeithistorikern interessieren denn heute noch die Konzeption der ,Republikanischen Clubs‘ in den sechziger Jahrenl die ,Notstandsopposition von 1966‘ oder die ,Räteidee von 1968‘? Das mag man bedauern, aber muss es auch zur Kenntnis nehmen. Wenn eine Erinnerung nur noch von der Beschwörung lebt, hat sie ihren aktuellen Brennstoff verloren. Hier hätten stärkere Kürzungen und vielleicht selbstkritischere Überprüfungen der wenig differenzierten Positionen den Wert des Buches eher erhöht denn gemindert, zumal ein Teil der betreffenden Aufsätze zum wiederholten Male aufgelegt worden ist. Damit werden aber Grundgedanken einer reflektierten Erinnerung an die demokratietheoretischen Anstöße von ‚68‘ wie Negt sie hier formuliert, nicht obsolet. So leicht wie es sich eine traditionell konservative und noch viel stärker, eine en vogue gewordene ehemals linke Feuilletonstimmung mit einer Abrechnung mit ‚den 68ern‘ macht, sollte eine abwägende intellektuelle Reflexion über eine Gewinn- und Verlustrechnung einer Zeit jedoch nicht zur heutigen Tagesordnung theoretischer Beliebigkeit übergehen. „Achtundsechzig“ – noch druckfrisch und schon neue Ware für die Billigantiquariate? Vielleicht ist tatsächlich vieles Schnee von gestern und längst weggeschmolzen, aber da gibt es auch diskussionswürdige Erbschaften, denen in dem Buch einzelne Kapitel gewidmet sind. Es finden sich Kapitel, deren konzentrierte Lektüre lohnt, weil in Gegenwartsprobleme thematisiert werden, auf die noch keine überzeugenden Antworten gefunden wurden.

Wie ändert sich etwa unser gewohnter und traditioneller Begriff des Politischen durch die alles überragende Macht der schnellen medialen Bilder? „Daß ein Medienkonzernchef innerhalb weniger Monate Regierungschef eines zivilisierten Landes werden kann, ist Zeichen für Veränderungen, welche die Substanz westlicher demokratischer Gesellschaftsordnungen antasten“. Das haben andere vor Negt auch schon formuliert, aber hier wird noch der Versuch unternommen, diese fundamentale Umwälzung der Gesellschaft, der politischen Spielregeln und der Sinne in einem Zusammenhang zu diskutieren. Die Abschnitte über die „Medienwelt und den alltäglichen Erfahrungsverlust“ könnten, würde man sie wirklich zur Kenntnis nehmen, unserem oft sehr impressionistischen Diskurs über die „Macht der Medien“ notwendige theoretische Grundbausteine liefern. Oder die von Negt immer wieder aufgenommene Frage nach den Inhalten eines neuen Begriffs der Politik. Wer die Rezepte zu einer Wiedergewinnung von Glaubwürdigkeit heutiger Machtpolitik in der Tasche hat, kann diese Kapitel bei Negt getrost vergessen. Die vielleicht verbleibende ratlose Minderheit wird diese aus dem ,Geist von 68‘ entstandenen Thesen von Negt aber vielleicht mit Neugierde lesen. „Grundsätzlich geht es darum, einen Begriff von Politik zu entwickeln, der von Emanzipation und Moral nicht zu trennen ist“. Einfacher kann man nicht formulieren, was zu realisieren den heutigen Akteuren in der Politik scheinbar das Schwierigste ist.

Vielleicht haben sich viele der in den späten sechziger Jahren aufgeworfenen und von Negt hier noch einmal aufgefrischten Fragen inzwischen erledigt. Einiger Mist, der damals mit dem Etikett ,revolutionär‘ angeboten wurde, ist – zu Recht – längst auf dem Abfallhaufen der Geschichte gelandet. Aber die Nachdenklicheren unter den Protagonisten von damals haben auch Forderungen und Visionen formuliert, deren Einlösung die rechtstaatliche Demokratie heute stärken und nicht schwächen würde.

Oskar Negt ermutigt durch seine Erinnerung an unabgegoltene Ideen von 1968, an einem dialogorienten Diskussionsstil, einem theoretischen Niveau und einer Eigenheit des Denkens festzuhalten, die sich nicht dem Tempo der Telezapper und der Seichtigkeitsdiktatur von Talkshowmoderatoren unterordnet. Die von Negt zum Abschluss präsentierten zehn Empfehlungen für eine politische Verhaltenslehre könnte Grundlage für einen an der Vernunft orientierten öffentlichen Diskurs über die weitere Entwicklung des Gemeinwesens Bundesrepublik Deutschland sein. In dieser Debatte haben auch die Erfahrungen, theoretischen Einsichten und selbstkritisch verarbeiteten Irrtümer der „Achtundsechziger“ ihren Platz. Ausgrenzung und Verdrängung war noch nie Ausdruck einer lebendigen demokratischen Kultur.

 

München, Carl Wilhelm Macke

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