Wladimir Ostrogorski: Gennadi Sjuganow. Ein Dossier: Das Erbe der Sowjetunion und der russische Oppositionsführer. 159 S., edition ost (Rote Reihe), Berlin 1996.

 

Der Käufer dieses schmalen Buchs wird schnell bemerken, daß Wladimir Ostrogorskis Essay leider kein, wie im Titel versprochen, "Dossier" zu Gennadi Sjuganow darstellt. Ein tatsächliches, detailliertes und wohldokumentiertes Dossier über den Chef der Kommunistischen Partei der Rußländischen Föderation wäre in der Tat zu begrüßen gewesen. Die Quellenlage war bereits vor Erscheinen des Büchleins 1996 für ein solches Unternehmen ausreichend. Stattdessen verbindet Ostrogorski hier einen interessanten Kurzbericht über seinen Besuch der Orjoler Oblast, wo Sjuganow aufwuchs, studierte und seine Karriere begann (S. 8-21), und eine aufschlußreiche Inhaltszusammenfassung von Sjuganows 1980er Dissertation zum Kandidaten der Wissenschaften (S. 27-32) mit einer mehr oder minder oberflächlichen Skizze der Entwicklung der russischen Politik zwischen 1990 und 1996. Anstatt sich auf die Besonderheiten von Sjuganows Biographie und politischem Aufstieg zu konzentrieren und diese entsprechend zu belegen, stellt Ostrogorski hier eine breitgefächerte Interpretation der jüngeren politischen Entwicklung Rußlands insgesamt vor. Er verzichtet dabei auf jegliche Literaturverweise und scheint die bereits vorhandene Sekundärliteratur zu Sjuganow (Galina Luchterhandt und Nikolai Krotow, Wladimir Pribylowski, Wendy Slater, Sven Gunnar Simonsen, etc.) weitgehend ignoriert zu haben. Als Ergebnis wird das zunächst interessante Bild, daß er auf Grundlage seiner erfolgreichen Vor-Ort-Recherchen in Orjol und Moskau zeichnet, von einer Reihe auffälliger Ungenauigkeiten, Fehleinschätzungen und Auslassungen getrübt.

Ostrogorski schreibt zum Beispiel, daß die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) diesen Namen bereits 1991 trug (S. 55). Damals trat sie jedoch noch unter der Bezeichnung KP RSFSR auf - ein keineswegs trivialer Unterschied. Völlig unklar ist, was Ostrogorski meint, wenn er schreibt: "Insofern [als die Herrschaftsmethoden des Jelzin-Regimes die gleichen blieben] behielten jene recht, die, wie Sjuganow, die Entwicklung im August 1991 ohne Euphorie einschätzten." (S. 57) Nicht nur änderten sich die Herrschaftsmethoden im postsowjetischen Rußland alles in allem erheblich (obwohl sicher keineswegs ausreichend). Vielmehr darf angenommen werden, daß Sjuganow das Scheitern des Augustputsches 1991 nicht bloß "ohne Euphorie" eingeschätzt hat. Er wird dieses Ergebnis - möglicherweise zutiefst - bedauert haben, war er doch ein maßgeblicher Mitverfasser des sogenannten "Wortes an das Volk", eines offenen Briefes einer Reihe bekannter ultranationalistischer Moskauer Politiker und Intellektueller vom Juli 1991. Das reaktionäre Manifest, nur wenige Wochen vor dem Putschversuch veröffentlicht, wird gemeinhin als dessen ideologische Grundlage angesehen. Ostrogorski berichtet weiterhin, "die atomare Abrüstung Belorußlands" sei 1996 als Reaktion auf den Beschluß zur NATO-Osterweiterung "endgültig ad acta gelegt" worden (S. 124-125) - was immer er damit meint. An anderer Stelle schreibt er, daß Alexander Lebed im Präsidentschaftswahlkampf 1996 im Gegensatz zu anderen Kandidaten "kein großes Geld zur Verfügung" hatte (S. 145). Obwohl Lebed selbst seinerzeit tatsächlich nur auf direkte Unterstützung einiger weniger Großunternehmen zurückgreifen konnte, muß er im Rahmen der geheimen Abmachung mit Jelzin und dessen Wahlkampfmanagern vor dem ersten Wahlgang erhebliche Zuschüsse erhalten haben. Anders ist Lebeds aufwendige Wahlkampagne in den Medien und vor Ort nicht zu erklären.

Eine gravierende Auslassung in Ostrogorskis Buch schließlich ist, daß er Sjuganows aktives Engagement in verschiedenen ultranationalistischen Dachorganisationen vor seiner Wahl zum KPRF-Vorsitzenden nicht beziehungsweise nur am Rande erwähnt (S. 71). Sjuganow war vor der KPRF-Neugründung im Februar 1993 unter anderem Gründungsmitglied der Leitungsgremien des Koordinationsrates Patriotischer Kräfte (E. Wolodin), der Russischen Nationalen Versammlung (A. Sterligow) und der Nationalen Rettungsfront (I. Konstantinow). Insgesamt wird der Hybridcharakter der ideologischen Zwitterposition der KPRF sowie ihr Verhältnis zu anderen kommunistischen Parteien, wie auch die Komplikationen mit der Rechts-Links-Terminologie im postsowjetischen Rußland generell, unzureichend beleuchtet.

Das Buch ist sowohl als Einführung zum Sjuganow-Phänomen als auch als Überblicksdarstellung russischer postsowjetischer Politik ungeeignet. Die neuen Informationen, die Ostrogorski in den ersten beiden Kapiteln zu Sjuganows Kindheit und Jugend sowie zu dessen Dissertation liefert, hätten in einem kurzen Zeitschriftenaufsatz zusammengefaßt werden können.

 

Stanford, Andreas Umland

 

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